FFC-Pleite im Champions-League-Finale: Die große Leere

Von Frank Hellmann, München

Durch die Niederlage im Champions-League-Finale der Frauen gegen Olympique Lyon hat der 1. FFC Frankfurt gleich drei Titel binnen zwei Wochen verspielt. Die Pleitesaison des deutschen Top-Clubs hat Gründe: Der Kader ist falsch zusammengestellt, Trainer Sven Kahlert gesteht Fehler ein.

Champions-League-Finale: Aus der Traum für Frankfurt Fotos
DPA

Sven Kahlert trägt am liebsten Jeans und Trainingsjacke. Der in Dresden geborene Fußballlehrer, der seinen Trainerschein einst zusammen mit Claus-Dieter Wollitz und Jos Luhukay erwarb, beschreibt sich selbst als bodenständigen Menschen. Dem nur eines verhasst ist: zu verlieren. So war es nicht weiter verwunderlich, dass das 0:2 (0:2) seines 1. FFC Frankfurt gegen Olympique Lyon im Endspiel der Frauen-Champions-League ihm die Laune gründlich verdarb.

Schlimmer noch: Der von ihm seit 2009 trainierte Club hat durch das verlorene Finale binnen zwei Wochen deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal und Königsklasse verspielt. "Dabei sein ist nicht alles, man will halt gewinnen", sagte der Trainer. Trotz allem Ärger war er nach der Niederlage gegen Lyon zunächst vorrangig damit beschäftigt, seinen hemmungslos weinenden Spielerinnen vom Rasen aufzuhelfen.

Der hessische Vorzeigeverein ist oft genug als Titelsammler im weiblichen Segment unterwegs gewesen, sieben Meisterschaften, acht Pokalsiege stehen ebenso in der Vita wie drei Erfolge im Vorläuferwettbewerb der Champions League. Doch ausgerechnet jetzt, wo der europäische Dachverband Uefa die Damen in der Stadt des Männer-Finals (Samstag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als Vorspiel auf die Bühne bat, versagte Kahlerts Team. "Letztendlich hat jemand gefehlt, der aus zwei Chancen ein Tor macht. Wir müssen darüber nachdenken, was nicht gut gelaufen ist", so der FFC-Trainer. Gegen die spiel- und einsatzfreudigen Französinnen, die das Gerüst einer aufstrebenden Frauen-Nationalmannschaft bilden, fehlte es aber auch an grundsätzlicher Qualität.

"Ein gigantisches Event, eine Riesenatmosphäre"

Nach einem töricht verursachten Strafstoß von Melanie Behringer erzielte Eugénie Le Sommer früh per Strafstoß das 1:0 (15.). Und als die überragende Camille Abily die Kugel gekonnt nach einer Kopfball-Abwehr von FFC-Torhüterin Desirée Schumann zum 2:0 für den Titelverteidiger ins Netz gehoben hatte (28.), war die Partie beinahe schon gelaufen.

Die 50.212 Zuschauer im Münchner Olympiastadion vertrieben sich fortan viel Zeit damit, die La-Ola-Welle schwappen zu lassen. Es war die bisher größte Kulisse eines Vereinsspiels auf europäischer Ebene bei Frauen. "Ein gigantisches Event, eine Riesenatmosphäre", freute sich FFC-Manager Siegfried Dietrich trotz der Pleite. Der Mann, der in seinem Club zugleich auch als Investor tätig ist, kann so etwas aus Vermarktungssicht behaupten, doch die titellose Saison wirft viele Fragen auf - zumal Frankfurt als Bundesliga-Vierter nur noch minimale Chancen auf den zweiten Platz besitzt, der zur erneuten Champions-League-Teilnahme berechtigt.

"Das ist alles dreifach bitter", sagte Ex-Nationalspielerin Kerstin Garefrekes, "eine durchmischte Saison ist für unsere Ansprüche zu wenig." Schließlich beschäftigt der 1. FFC Frankfurt im Grunde eine Weltauswahl, der aber im Sturm jedes internationale Format abgeht. Die Schweizerin Ana-Maria Crnogorcevic und die Schwedin Jessica Landström - beide nur eingewechselt - verbreiten kaum Torgefahr, so dass sich die technisch versierte Spielmacherin Dzsenifer Marozsan gegen Lyon mal wieder vergeblich allein in vorderster Front versuchte.

"Alle vier Trainer bleiben im Amt und machen gute Arbeit"

"Es war keine Spielerin auf dem Markt, die uns weitergeholfen hätte", verteidigte Dietrich seine stürmerlose Fehlplanung, die der 54-jährige Strippenzieher im Winter mit dem gescheiterten Comeback von Birgit Prinz beheben wollte.

"Die Mannschaft hat ihr Potential in dieser Saison ganz, ganz selten abgerufen", sagte Kahlert, der einräumte, dass seine Taktik nicht aufgegangen sei. "Wer keine Tore schießt, kann kein Spiel gewinnen. Wenn wir die Schuld suchen, dann bei mir." Dieses Eingeständnis wird mitnichten eine Entlassung nach sich ziehen. Der FFC-Cheftrainer hat erst kürzlich seinen Vertrag bis 2013 verlängert, und daran wird Dietrich nicht rütteln. "Alle vier Trainer bleiben im Amt und machen gute Arbeit. Wir müssen zusammen die nächste Saison eine Brücke bauen." Kleine nationale Bühnen in Jena, Freiburg oder Essen-Schönebeck bilden dann wieder den Alltag. Internationale Festspiele könnten vorerst Geschichte sein.

Lyon, derzeit die stilbildende Mannschaft weltweit im Frauenfußball, hatte sich hingegen nicht nur die Siegprämie von 250.000 Euro für den Champions-League-Titel verdient, sondern das Team heimste sogar den Applaus jener Bayern-Fans ein, die sich in der Reminiszenz an die vor sieben Jahren ausrangierte Spielstätte in die alte Südkurve gestellt hatten. Doppelt bitter für Frankfurt.

Olympique Lyon - 1. FFC Frankfurt 2:0 (2:0)
1:0 Le Sommer (15., Foulelfmeter)
2:0 Abily (28.)
Lyon: Bouhaddi - Viguier - Franco, Renard, Bompastor - Abily, Cruz Trana, Necib (49. Dickenmann) - Henry, Schelin (88. Otaki), Le Sommer (65. Rosana)
Frankfurt: Schumann - Weber (61. Percival), Bartusiak, Lewandowski, Thunebro - Smisek (84. Landström), Kumagai, Behringer - Garefrekes, Huth (64.Crnogorcevic) - Marozsan
Schiedsrichterin: Jenny Palmqvist (Schweden)
Zuschauer: 50.212
Gelbe Karte: Henry -

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
amonn 17.05.2012
Vielleicht kann der Artikel in 48 Stunden nahezu identisch gebracht werden: man müsste dann nur Frankfurt durch München, Lyon durch London und Kahlert durch Heynckes ersetzen sowie die Namen der Torschützen austauschen - dann passt es fast perfekt...
2. ...
tylerdurdenvolland 18.05.2012
Zitat von sysopDurch die Niederlage im Champions-League-Finale der Frauen gegen Olympique Lyon hat der 1. FFC Frankfurt gleich drei Titel binnen zwei Wochen verspielt. Die Pleitesaison des deutschen Topclubs hat Gründe: Der Kader ist falsch zusammengestellt, Trainer Sven Kahlert gesteht Fehler ein. Frankfurt unterliegt im Champions-League-Finale gegen Lyon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,833728,00.html)
Man konnte beim Zuschauen beider Endspiele das Ende jeweils deutlich vorhersehen. Beide erinnerten an das Spiel der Frauen der Deutschen gegen Japan bei der WM. Auf der einen Seite mehr oder weniger stümperhaftes Vor-Rennen, das natürlich bis zu einem gewissen Niveau zum Sieg reicht, sofern man grössere, stärkere und schnellere Frauen hat. Aber eben nicht gegen eine Mannschaft die versucht ein intelligentes Kurzpasspiel durchzuziehen. Natürlich btraucht man dazu auch Spieler(innen) die dieses beherrschen und einen Trainer der eine Mannschaft darauf einstellen kann. Weder Frankfurt noch die Nationalmannschaft hat sowas. Und beide haben ebenfalls gemeinsam, dass in ihnen Spielerinnen antreten dürfen, deren Selektion wohl auf ewig ein Rätsel bleiben dürfte....
3. zum Thema
Holperik 18.05.2012
Da verstehe einer die Heulerei nach dem Spiel auf dem Platz. Wenn es ein Spiel auf Augenhöhe mit unglücklichem Ausgang gewesen wäre, mag das ja noch angehen, aber so? Die Frankfurterinnen werden doch wohl schön während des Spiels gemerkt haben, dass sie fußballerisch den Französinnen in allen Belangen unterlegen waren. Physisch, spielerisch und taktisch waren sie mindestens eine Nummer schlechter. Das Spiel hat eher gezeigt, dass im Frauenfußball hierzulande, was sich auch schon bei der WM abzeichnete, irgendwo vor 10 Jahren eine Weiterentwicklung eingestellt wurde, dass woanders mittlerweile effizienter gearbeitet wird.
4. Ffc
Nachtheinigte 18.05.2012
Zitat von sysopDurch die Niederlage im Champions-League-Finale der Frauen gegen Olympique Lyon hat der 1. FFC Frankfurt gleich drei Titel binnen zwei Wochen verspielt. Die Pleitesaison des deutschen Topclubs hat Gründe: Der Kader ist falsch zusammengestellt, Trainer Sven Kahlert gesteht Fehler ein. Frankfurt unterliegt im Champions-League-Finale gegen Lyon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,833728,00.html)
ES ist die falsche Denke, mit Geld und dem Zusammmenkauf von Spieleren und Spielerinnen den absolut sicheren Sieg erreichen zu können. Motivation heißt das Zauberwort, siehe Dortmund und Turbine Potsdam. Bei Potsdam werden von den reichen Klubs jedes Jahr die Besten abgeworben, aber man versteht es eben, junge Spielerinnen immer wieder neu zu motivieren, schon das es gegen die Allmacht des Geldes noch Mittel gibt, und die alte Weisheit bestätigt sich, man kann für Geld nicht alles kaufen. Aber einige werden das nie lernen, siehe Bayern.
5. ...
franklin19 18.05.2012
Den Aussagen von Ffc ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Nicht immer regiert Geld die Welt. Diese Arroganz, Spielerinnen von bestimmten Vereinen bei der Nominierung für die Nationalmannschaft nicht zu berücksichtigen hat sich ja (leider) in der Vergangenheit gerächt. Vielleicht kann man auch von weniger Finanzstarken Vereinen lernen, wie Spielerinnen zu motivieren sind und Spiel gewonnen werden können. Wenn sich diese Geldmentalität im Fraeunfussball genauso rasant durchsetzt wie bei den Männern, na dann gute Nacht. Aber, das wird sich wohl mit dem jetzigen Wirtschaftssystem nicht vermeiden lassen. Schade.
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