Weltmeisterfeier in Paris Fußballglück, so schön wie ein Kuss

In Paris feiern Millionen Menschen den Weltmeistertitel. War diese Stadt je so ausgelassen, so sorglos? Der Erfolg im Fußball macht viele optimistisch, dass dies auch Gutes für die Gesellschaft verheißt.

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Von , Paris


Ganz Frankreich feiert. Ganz Frankreich? Niemals im Land von Asterix. "Frankreich hat schlecht gespielt. Unfassbar, dass sie vier Tore geschossen haben. Sie hätten verlieren müssen", sagt Daniel Psenny, renommierter Fernsehkritiker der Zeitung "Le Monde", der zwei Etagen unter dem Pariser SPON-Büro wohnt.

Doch keine Sorge: Der Rest des Landes, Millionen Franzosen auf Straßen und Plätzen, feiert den Fußballweltmeister Frankreich trotzdem.

In Paris sind schon Minuten nach Spielende in Moskau alle großen Plätze überfüllt. "Wir sind aus der Vorstadt Kremlin auf den Platz der Republik gekommen, weil man an diesem Ort in Frankreich die Revolution feiert", sagt der 31-jährige Büroangestellte Antoine Le Bot. Aber es geht doch nur um Fußball?

Ein Paar vor der Bar "Le Carillon" in Paris
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Ein Paar vor der Bar "Le Carillon" in Paris

"Egal, aber Macron ist heute in Moskau, und das wollen wir nutzen", entgegnet Antoine. Er hebt die Hände und klatscht sie mit seiner Freundin Manon Le, 25, ab, einer Medizinforscherin. "Wir haben die Marseillaise jetzt schon fünf Mal gesungen", sagt Le Maire erschöpft, die sich eigentlich mit Rugby besser auskennt. "Ich kenne Griezmann und Mbappé, aber ich muss sagen, die Kroaten haben heute gut gespielt", erzählt Le Maire über die Stars der französischen Mannschaft und ihr Spiel. Trotz ihres Jubels klingt sie kritisch. Das aber ist typisch französisch: Franzosen seien wie Italiener, die schlechte Laune haben, hat der französische Dichter Jean Cocteau einmal gesagt. Ganz geben sie sich einer Stimmung nie hin. Das begründet ihre aufgeklärte Skepsis.

An diesen Abend aber feiern viele Franzosen wie die Italiener. Tanzend, singend, fröhlich und überschwänglich. Auf dem Platz der Republik fehlen auch die grölenden Männer mit den Bierdosen nicht, die dem eher schlechten Image der Fußballfans anderer Länder entsprechen. Aber sie sind deutlich in der Minderzahl.

Blick auf die Champs-Élysées, vom Arc de Triomphe
AFP

Blick auf die Champs-Élysées, vom Arc de Triomphe

Dafür sind auffällig viele Frauen in blau-weiß-roter Bemalung dabei. "Das ist ganz anders als im Vergleich zu vor 20 Jahren, als Frankreich das erste Mal die Weltmeisterschaft gewann", berichtet die 52-jährige Verkaufsleiterin Cécile Beurlet. Sie selbst nicht und auch kaum eine andere Frau hätte sich damals unter die feiernden Fußballfans getraut. "Heute interessieren sich auch Frauen für Fußball", bestätigt die Verlagsfrau Éléonore Beurlet, Cécile jüngere Schwester, und schwenkt eine kleine Frankreichfahne. "Die erste Trikolore, die ich in meinen Leben gekauft habe", erklärt Éléonore stolz - für einen Euro bei einem der zahlreichen indischen Verkäufer in der Stadt.

Die Schwestern freuen sich, dass Paris an diesem Abend eine geeinigte Stadt ist. "Sonst herrscht in Paris immer eine gewisse Spannung, zwischen Regierung und Volk, zwischen oben und unten, heute ist das wie weggeblasen, das ist supercool", beobachten die beiden Frauen. Zur gleichen Zeit wird im Moskauer Stadion der WM-Pokal an die französische Mannschaft überreicht. "Wir sind Weltmeister! Allez les Bleus!", schreien die Schwestern mit der Menge.

Feiernde Französin
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Feiernde Französin

Ihr männlicher Begleiter ist der 54-jährige Ingenieur Laurent Le Mée. Er schreit nicht mit. Aber auch er findet die Stimmung prima: "Besser als am 14. Juli", sagt Le Mée. Die Feiern zum französischen Nationalfeiertag fanden zufällig am Vortag statt.

Er erkennt den Unterschied zur WM-Feier vor 20 Jahren vor allem darin, dass niemand mehr den multikulturellen Charakter der französischen Fußballnationalmannschaft betont. "Wir müssen heute nicht mehr wie damals über den Migrationshintergrund und die ausländischen Herkunftsländer der Spieler sprechen. Ihr Hintergrund ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit, mit der sie für das Frankreich von heute stehen", sagt Le Mée.

Dabei ist er sich sehr bewusst, dass Paris noch vor wenigen Jahren Ort von Terroranschlägen war, deren Täter zum Teil aus dem gleichen Migrationsmilieu der französischen Vorstädte stammten wie die heutigen Weltmeisterspieler. Umso erleichterter ist Le Mée: "Alle sind heute da, die ganze Jugend, hier an der Orten der Attentate. Das haben wir lange nicht gesehen und lange herbeigewünscht", beobachtet der Ingenieur.

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Ob nun der junge französische Präsident Emmanuel Macron vom WM-Sieg profitieren kann, wie es der alte französische Präsident Jacques Chirac vor zwanzig Jahren getan hat?

Das darf man an diesem Abend eigentlich nicht fragen, denn schon fangen die Franzosen wieder an zu streiten. Alle erinnern sich noch, wie es Chirac gelang, nach der WM 1998 im eigenen Land ebenfalls als Sieger dazustehen. "Macron wird jetzt so tun, als habe er mit dem Fußball nichts zu tun, aber dann trotzdem versuchen, davon zu profitieren", glaubt Verlagsfrau Éleonore.

Aber Daniel Psenny von "Le Monde" ist ganz anderer Meinung: "So schlecht wie diese Mannschaft im Finale gespielt hat, kann Macron damit das Frankreich-Image in der Welt nicht aufbessern." Für Fußballfan Antoine Le Bot ist jedoch eines klar: "Frankreich ist jetzt zu einer richtigen Fußballnation geworden. Wir waren in den vergangenen 20 Jahren drei Mal im Finale. Das hat nicht mal Deutschland geschafft."

Sagt er und gibt seiner Freundin Manon einen flüchtigen Kuss. Einen Kuss, wie er eine alte Pariser Kunst ist. Nun aber gehört auch die Fußballkunst gefühlt zu Frankreich. Das zumindest glauben alle, die an diesem Abend den neuen Weltmeister feiern.

insgesamt 10 Beiträge
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hansriedl 15.07.2018
1. Ausgebrannt u. ausgelaugt
Fortuna hat die Seite gewechselt, und beschenkte die Franzosen gleich mit zwei Toren. Die Kroaten waren in der ersten Halbzeit die besseren. Leider langte die Puste nicht länger, so kamen sie am Ende auf den Knien daher. Trotzt allen war es lange ausgeglichen, mit kleinen Vorteilen für die technisch besseren Kroaten. Ein würdiges Finale das durch Glück entschieden wurde. Gratulation an beide.
jpecerovic 15.07.2018
2.
Ein Schnulzen- und Glücksartikel nach dem anderen - man vergleiche die Artikel 2014 nachdem Deutschland Weltmeister wurde: http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-party-in-berlin-nationalmannschaft-verhoehnt-argentinien-a-981132.html http://www.spiegel.de/panorama/so-geh-n-die-gauchos-die-gauchos-die-geh-n-so-gauchogate-im-web-a-981252.html - und davon gibt es noch ein Dutzend mehr von spiegel.de, so sehr hat sich die Redaktion über den WM-Titel gefreut und positive Stimmung verbreitet.
steveleader 15.07.2018
3. Gratulation an Frankreich
der geprügelte Weltmeister übergibt den Titel an Frankreich.
jpecerovic 15.07.2018
4.
Der Erfolg im Fußball macht viele optimistisch, dass dies auch Gutes für die Gesellschaft verheißt. Klar, durch einen WM-Titel wird Frankreich wettbewerbsfähig und die Bewohner in den Banlieues werden hochqualifizierte Facharbeiter, wie jeder Moslem aus dem Nahen Osten, der "Asyl" haucht und sich lebenslang durchfüttern lassen und seinen Clan nachziehen will.
winterwoods 15.07.2018
5. Klischee-Alarm :o)
Schlagzeile. Hm... "Baguette", "Froschschenkel" oder "Kuss" - was nehmen wir denn nun für unsere Schlagzeile? Also "Breaking Stereotypes" geht anders :o)
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