Frankreichs WM-Titel "Ihr seid jetzt Weltmeister - das bleibt"

Starke Defensive, tolle Stürmer, und dann ist die Mannschaft auch noch so jung: War der WM-Titel für Frankreich der Anfang einer Ära?

Antoine Griezmann
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Antoine Griezmann

Aus Moskau berichtet


Den Fußballer und seine Zuschauer trennen in vielerlei Hinsicht Welten; im Moskauer Luschniki-Stadion war es eine Handvoll Ordner. Sie bildeten eine räumliche Blockade zwischen Fans und Stars. Ihr dort, wir hier. Als das WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien (4:2) beendet war, wollten die Spieler diese Blockade brechen, sie rannten zu ihren Anhängern, ein Lauf wie ein Symbol der Einheit: Wir gehören zusammen.

Allerdings hatten die Ordner etwas dagegen, sie standen der Einheit im Weg. In einer Nation, in der das Verhältnis von Fans und Fußballstars seit Jahren angespannt ist, in der Spielern der Equipe häufiger die fehlende Einstellung vorgehalten wird als die fehlenden Fähigkeiten, besitzen solche Signale Strahlkraft. Frankreich hat seine Mannschaft lieb und umgekehrt.

Als einzige Mannschaft blieb Frankreich stabil

Das Team von Trainer Didier Deschamps ist nach 1998 zum zweiten Mal Weltmeister geworden, und angesichts des Turnierverlaufs möchte man anfügen: hochverdient. Zwar spielte die Equipe nicht immer berauschenden Fußball, auf ihre Defensive aber war Verlass.

Frankreich hat im Achtelfinale mit Argentinien das Team mit dem besten Einzelkönner geschlagen, Lionel Messi; im Viertelfinale die starke Abwehr von Uruguay überwunden, im Halbfinale mit Belgien die beste Offensive der WM lahmgelegt und nun Überraschungsteam Kroatien bezwungen. Als einzige Mannschaft blieb Frankreich stabil, egal wer da kam.

Antoine Griezmann, der an drei Treffern direkt beteiligt gewesen war und als bester Spieler des Finales ausgezeichnet wurde, nannte nach dem Triumph den Geist des Kollektivs als Schlüssel. "Wir waren eine Einheit", sagte der Stürmer.

"Wir sind gut miteinander ausgekommen, auch die Ersatzspieler waren nie negativ. Diese Geschlossenheit war unsere Stärke", sagte Griezmann. Ob er selbst mit seinen vielen Torbeteiligungen das Gesicht des Teams sei, wurde er gefragt. Die Generation Griezmann? Der 27-Jährige sprach doch nur über den Mannschaftsgeist.

Talentiert wie keine andere Nation

Es hat gewiss mit den Geschichten aus der französischen Vergangenheit über Spielerrevolten und arrogante Stars zu tun, dass nun immer bloß über die richtige Einstellung gesprochen wurde. Dabei hatte Frankreich viel mehr zu bieten.

Was das reine Talent betrifft, war kaum ein WM-Teilnehmer besser: Innenverteidiger Raphaël Varane ist in seiner aktuellen Form auf seiner Position vielleicht der beste Spieler der Welt, gleiches gilt für Sechser N'Golo Kanté. Paul Pogba spielte ein starkes Turnier, und vorne waren Griezmann und Kylian Mbappé so gut, dass Top-Spieler wie Ousmane Dembélé von der Bank zuschauen mussten.

Und dazu ist die Mannschaft auch noch so jung.

In der Startelf gegen Kroatien stand mit Blaise Matuidi nur ein Feldspieler, der älter war als 30. Das Gerüst der Mannschaft ist im besten Fußballalter (oder, wie im Falle des 19-jährigen Mbappé, sogar noch weit davon entfernt), dahinter lauern Talente auf ihre Chance. Und so gut die Equipe verteidigte, so gut konterte sie. Allein in Ballbesitz hat sie noch Steigerungspotenzial.

Wie Griezmann sprach auch Trainer Didier Deschamps viel über Gruppenpsychologie, Zusammenhalt und die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. Frankreich war gegen Argentinien trotz Führung in Rückstand geraten und dann zurückgekommen. "Wir haben nicht alles richtig gemacht, aber wir hatten die nötige Mentalität", sagte Deschamps. Das mag tatschlich ein wichtiger Unterschied zur EM 2016 gewesen sein, als die Franzosen in der Verlängerung des Endspiels gegen Portugal verloren.

Es ist enger geworden im Weltfußball

Talent, Einstellung und Altersstruktur, das alles spricht dafür, dass Frankreich mit diesem WM-Titel nicht am Ziel angekommen ist, sondern erst am Anfang steht. Nur spricht eines dagegen: die Konkurrenz.

Brasilien im Viertelfinale gegen Belgien, die Belgier wiederum gegen Frankreich, Spanien gegen Russland: Viele Spitzenmannschaften sind ausgeschieden, weil der Gegner seine Chancen den einen Tick besser nutzte oder im Elfmeterschießen erfolgreicher war. Dass Frankreich Duelle gegen diese Teams stets gewinnt, ist keinesfalls gewiss.

Überhaupt ist eine Erkenntnis dieser WM, in der große Mannschaften überraschend scheiterten und Kroatien erstmals in seiner Geschichte das Endspiel erreicht hat, dass es enger geworden ist im Weltfußball, wieder einmal. Während auf Klubebene die Schere zwischen Spitzenklubs und normalen Teams immer weiter auseinander geht, scheint sie sich auf Nationalteamebene eher zu schließen. Davon zeugen auch die vielen Elfmeterschießen bei dieser WM.

So weit in die Zukunft wollte Deschamps seinen Blick nicht richten. Er sprach stattdessen über den Triumph von 1998, den er selbst als Spieler miterlebt hatte. Seine eigene Mannschaft werde jetzt feiern, aber was sie wirklich erreicht habe, das werde sie erst später realisieren. An seine Spieler gerichtet sagte er: "Eure 23 Namen sind für immer mit diesem WM-Titel verbunden. Für immer. Ihr seid jetzt Weltmeister, und ganz egal was passiert: das bleibt."



insgesamt 12 Beiträge
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telarien 16.07.2018
1. Glückwunsch an Frankreich
Weniger an Griezmann, der hat sich eher für den Oscar beworben. Leider haben sich gerade die besten Spieler der WM zu solchen Mätzchen hinreißen lassen, das ist einfach schade.
hileute 16.07.2018
2. Sicher hat Frankreich eine klasse Mannschaft
aber sie haben sicher auch davon profitiert, das viele andere Topteams mehr oder weniger blamabel ausgeschieden sind. Von daher denke ich nicht, das die Franzosen jetzt auf Jahre hinaus dominieren werden, sondern schon bei der nächsten em, wo dann vlt auch Deutschland Spanien oder Italien eine Rolle spielen es schon sehr viel schwerer werden wird zu gewinnen
Outdated 16.07.2018
3. Die Probleme mit der Statistik
Frankreich war gut, das soll nicht darüber hinwegtäuschen das viele Teams in diesem Turnier einfach schlecht waren. Eine Versteifung auf einige wenige statistische Werte wie es gerade zuletzt gerne gemacht wird verschleiert leider den Blick auf die eigentlichen Probleme. Statistik kann zwar von jedem angewandt werden, aber wie immer in der Mathematik bedarf es der richtigen Fähigkeiten um mit ihr auch das "unsichtbare" sichtbar zu machen. Würde man z.B. die Spiele Deutschlands von 2014 mit Frankreich diesmal vergleichen und zwar unter dem Gesichtspunkt: Passquote und Genauigkeit bei kurzem Ballbesitz (z.B: nur eine Berührung) würde der qualitative Unterschied schnell offensichtlich.
nochnestimme 16.07.2018
4. Franz Beckenbauer
sagte nach dem Gewinn der WM 1990, die deutsche Mannschaft sei nun auf Jahre nicht mehr zu schlagen...Es war nicht sein erster und schon gar nicht sein letzter Irrtum. Deutschland spielte bei den folgenden beiden WM keine Rolle, 2002 kamen sie überraschend ins Finale. Es war die Zeit, in der derselbe Franz B. die Bemühungen der deutschen Nationalkicker als "Rumpelfußball" qualifizierte. Die Voraussagen künftiger Titelgewinne sind problematisch (nun ja, schon wegen der Anwesenheit einer gegnerischen Mannschaft). Auch Frankreich wird das Schicksal ereilen, dass das Rudel satt ist und im übrigen sehe ich auch allein in Europa ambitionierte Konkurrenten im nächsten Wettbewerb.
zaunreiter35 16.07.2018
5. Ich fasse mal den Tenor
Ich fasse mal den Tenor der kommenden Postings in diesem Artikel und in den bisherigen Final-Artikel zusammen: 1. Griezmann ist ein übler Schauspieler! 2. Frankreich ist ein unwürdiger Weltmeister! 3. Kroatien ist Weltmeister der Herzen, schließlich haben sie mehr für das Spiel getan! 4. Ich bin ein deutscher Forist. Mir gefällt das nicht, dass die Nachbarn westlich des Rheins Weltmeister sind! 5. Ich bin Deutscher, das gibt mir das Recht, seit 1966 mit dem Unterlegenen als Weltmeister der Herzen zu fühlen. Leute, kriegt euch mal wieder ein. Frankreich ist verdient Weltmeister geworden. Der Zweite hat das Finale verloren. Weltmeister der Herzen gibt es nicht. Und es ist mir schxxxegal, ob der Sieger mehr für ein Spiel gemacht hat als der Verlierer. Was sind das für merkwürdige Ansichten die hier seit gestern quer durch die Foren hier oder in anderen Online-Blättern gehen? Könnt ihr es alle nicht verwinden, dass Deutschland in der Gruppenphase ausgeschieden ist und nun "der Erbfeind" Weltmeister geworden ist? Seid doch mal richtige Männer (oder auch gestandene Frauen, obwohl hier die Mehrzahl eh Männer sind) und gratuliert mal ordentlich, so wie es sich gehört. Das wäre dann sportmanship. Für viele hier ein Fremdwort, aber konnten ja Franzosen und Kroaten gestern nach Schlusspfiff auch.
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