Frankreich-Sieg gegen Uruguay Die Defensive hält den Kurs

Frankreichs Nationalelf wird um ihre Offensive beneidet. Beim 2:0 im WM-Viertelfinale gegen Uruguay waren allerdings ein Verteidiger und der Torwart die prägenden Spieler.

Raphaël Varane jubelt (M.) mit Antoine Griezmann (l.) und Kylian Mbappé
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Raphaël Varane jubelt (M.) mit Antoine Griezmann (l.) und Kylian Mbappé

Aus Nischni Nowgorod berichtet


Antoine Griezmann wusste genau, mit welchen Hindernissen es seine Franzosen zu tun bekommen sollten im WM-Viertelfinale in Nischni Nowgorod.

Er spielt ja bei Atlético Madrid mit Diego Godín und José Giménez zusammen, den beiden Innenverteidigern der Uruguayer, die fast genauso schwer zu überwinden sind wie die Straßensperren um die WM-Stadien. "Uns war klar, dass sie in der Luft sehr stark sind", sagte Griezmann. Es mussten also spezielle Mittel her: "Wir haben versucht, ihnen mit großen Spielern Probleme zu machen."

Das klappte in der 40. Minute hervorragend. Nach einem Freistoß von Griezmann von der rechten Seite setzte sich der aufgerückte Abwehrspieler Raphaël Varane, 1,91 Meter groß, im Kopfballduell durch, lenkte den Ball ins Netz und legte damit das Fundament für den 2:0-Erfolg der Franzosen, der sie ins Halbfinale am Dienstag gegen Belgien brachte (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Das war ein guter Freistoß. Raphaël hat gut reagiert", sagte Trainer Didier Deschamps.

Kurz nach dem Treffer wäre Uruguay fast der Ausgleich gelungen, ebenso per Kopfball nach einem Freistoß. Doch Frankreichs Torwart Hugo Lloris reagierte blitzartig, tauchte ab ins rechte untere Eck und verhinderte damit das 1:1 durch Martín Cáceres.

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Frankreichs Halbfinaleinzug: Bollwerk geknackt

Die Franzosen sind als einer der Favoriten in die WM gegangen, und diesen Vorschuss-Lorbeeren werden sie nun gerecht. Nach dem Erfolg gegen Uruguay sind sie nur noch einen Schritt vom Endspiel entfernt. Das Kernstück des Teams ist die Offensive mit so hoch veranlagten Spielern wie Kylian Mbappé, der beim 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale ein Spiel für die Ewigkeit machte. Im Viertelfinale waren es allerdings ein Verteidiger und der Torwart, die Frankreichs Spiel prägten. Varane brachte die Mannschaft auf Kurs, Lloris sorgte dafür, dass sie diesen hielt.

Dass die beiden Profis vom hinteren Ende des Felds so wichtig waren, lag an der Statik der Partie. Trainer Deschamps sprach anschließend davon, dass sich das Team noch verbessern könne. "Wir haben nicht das perfekte Spiel gemacht", sagte er, und hatte recht damit. Die Franzosen taten sich schwer gegen die gut organisierte Defensive Uruguays.

Mbappé hatte nicht die Räume wie gegen Argentinien, um sein Tempo auszuspielen. Griezmann war vor allem mit Standards gefährlich und hatte Glück bei seinem Treffer zum 2:0, der nur wegen eines Fehlers von Uruguays Torwart Fernando Muslera zustande kam. Auch die Rasiermesser-Pässe des gelbgesperrten Blaise Matuidi fehlten merklich. Es traf sich daher gut, dass nicht nur die viel gepriesene Offensive der Franzosen Spiele entscheiden kann.

Vergangenheitsbewältigung für Varane

Varane, der 25 Jahre alte Verteidiger von Real Madrid, betrieb mit seinem Treffer ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Bei der vorangegangenen WM in Brasilien waren die Franzosen im Viertelfinale an Deutschland gescheitert. Mats Hummels gelang per Kopf das entscheidende 1:0. Verlierer im Luftduell war damals Varane. Er ließ sich abschütteln wie ein Anfänger. Vier Jahre später durfte er sich feiern lassen. "Er ist in diesen vier Jahren gewachsen. Nicht unbedingt von der Größe her, aber in Sachen Erfahrung. Ich freue mich sehr für ihn, dass er das erste Tor gemacht hat", sagte Trainer Deschamps.

Der französische Schlussmann Lloris ist bei dieser WM allgegenwärtig. Als Kapitän sitzt er bei den Pressekonferenzen vor den Spielen mit Deschamps auf der Bühne. In seiner Kernfunktion, als Torwart, konnte er sich bislang allerdings noch nicht auszeichnen. In der Vorrunde hatte Lloris wenig zu tun gegen Gegner wie Australien oder Peru. Und im Achtelfinale gegen Argentinien bekam er im Grunde nur drei Bälle aufs Tor - dreimal hatte er keine Chance.

Hugo Lloris pariert einen Kopfball von Martín Cáceres
AFP

Hugo Lloris pariert einen Kopfball von Martín Cáceres

Gegen Uruguay gelang ihm nach dem Kopfball von Cáceres eine Rettungstat, die gute Chancen hätte, zur Parade des Turniers gewählt zu werden, wenn es eine solche Wahl geben würde. Sie war ähnlich herausragend wie der gehaltene Elfmeter von Igor Akinfeev gegen Iago Aspas, der Russland gegen Spanien den Viertelfinaleinzug sicherte, oder die Flugshow von Englands Torwart Jordan Pickford gegen Kolumbien nach dem Schuss gegen Mateus Uribe.

Lloris spielt schon seine dritte WM, er hat gerade die Marke von 100 Länderspielen geknackt. Doch er hat es nie geschafft, in die Riege der außergewöhnlichen Torhüter vorzudringen. Er gilt immer eher als solider Vertreter seines Fachs. Gegen Uruguay zeigte er, dass er auch zu besonderen Paraden imstande ist. Das könnte noch entscheidend werden im weiteren Verlauf des Turniers.

Uruguay - Frankreich 0:2 (0:1)
0:1 Varane (40.)
0:2 Griezmann (61.)
Uruguay: Muslera - Cáceres, Giménez, Godín, Laxalt - Nández (73. Urreta), Torreira, Bentancur (59. C. Rodriguez), Vecino - Suárez, Stuani (59. Maxi Gomez)
Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Lucas - Kanté - Tolisso (79. N'Zonzi), Pogba - Mbappé (87. Dembelé), Griezmann (90.+3 Fekir), Giroud
Schiedsrichter: Pitana (Argentinien)
Gelbe Karten: Bentancur, Rodriguez / Lucas, Mbappé
Zuschauer: 43.319

insgesamt 5 Beiträge
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RalfHenrichs 07.07.2018
1. Das Skandalspiel gegen Dänemark,
das mit der Schande von Gijon gleichzusetzen ist, hat diese Mannschaft äußert unsympathisch gemacht. Solche Nicht-Sportler, die den Fußball verhöhnen, dürfen auf keinen Fall Weltmeister werden.
hooge789 07.07.2018
2. Lloris ist ein sehr guter Torwart
In Deutschland glaubt man oft Manuel Neuer sei der einzige gute Torwart. Typisches Beispiel von nationaller Brille.
hinz.und.kunz 07.07.2018
3.
Systeme und Taktik hin oder her: Zwei schwerwiegende Fehler der Urus haben das Spiel entschieden. Wenigstens hat Griezman diesesmal einen seiner obszönen Torjubel unterlassen.
puttkammer1871 07.07.2018
4. Hätte es Uruguay gegönnt
Schade, hätte mich sehr gefreut wenn die Jungs ins Finale gekommen wären.
zaunreiter35 07.07.2018
5. Herr Henrichs
geht es auch bitte eine Nummer niedriger? Das Spiel der Franzosen gegen die Dänen mit der sog. "Schande von Gijon" zu vergleichen, finde ich übertrieben. Die Franzosen waren schon qualifiziert für die KO-Runde, da wird man ja wohl noch den 2. Anzug ausprobieren dürfen. Das gestrige Spiel gegen die "Mauer vom Rio de la Plata" war zwar zäh, aber sie haben ihren "Viertelfinal-Komplex" vertrieben. Auch wenn es für den Titel nicht klappt, Mbappé, Varane und co. haben noch viel Zeit.
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