SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. November 2017, 18:28 Uhr

DFB-Testspielgegner

Frankreichs Füllhorn

Aus Köln berichtet

Das Fußballland Frankeich hat so viele Talente wie lange nicht. Das Team, das am Abend gegen Deutschland spielt, ist daher auch einer der großen WM-Favoriten. Wenn nur die Abwehr nicht wäre.

Man darf es Hasan Salihamidzic nachsehen. Über den Sportdirektor des FC Bayern ist letztens viel gespottet worden, weil er offenbar den französischen Jungstar Thomas Lemar nicht kannte und sich erst mithilfe von YouTube-Videos über ihn informieren habe wollen. Nun ist Lemar tatsächlich einer, der mittlerweile nicht nur Insidern ein Begriff ist, weil er zur hochtalentierten Truppe der AS Monaco gehört, die im Vorjahr die Champions League aufgemischt hat.

Allerdings muss man zur Ehrenrettung von Salihamidzic sagen: Frankreich bringt im Moment so viele gute Spieler im Wochentakt hervor, dass man schon mal den Überblick verlieren kann.

In der Partie gegen Deutschland am Abend (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) muss Frankreichs Trainer Didier Deschamps auf Leute verzichten wie Paul Pogba, Dimitri Payet oder Ousmane Dembélé. Torwart Hugo Lloris musste absagen. Auch Lemar kann verletzungsbedingt nicht dazu beitragen, den Bayern-Sportdirektor weiterzubilden.

Dembélé und Pogba fehlen? Na und?

Dennoch würde Deschamps niemals klagen dürfen: Er hat Antoine Griezmann und Alexandre Lacazette, den Arsenal-Stürmer, als Offensivoptionen. Und der neue Superstar Frankreichs, Kylian Mbappé ist noch gar nicht erwähnt worden.

Als Frankreich im Vorjahr im eigenen Land Vizeeuropameister wurde, war Mbappé noch ein Unbekannter, Lemar gehörte gar nicht zum Kader. Auch Bayern-Zugang Corentin Tolisso, der zuletzt im Testspiel gegen Wales überzeugt hat, war vor einem Jahr noch unbeschrieben, das gilt auch für den Lyon-Offensivmann Nabil Fekir. In Mittelfeld und Angriff muss Deschamps das Füllhorn nur auskippen, es ist bis zum Rand voll mit Begabung.

Wenn Deschamps vor der Partie die deutsche Jugendarbeit so überschwänglich lobt und er seinem Kollegen Joachim Löw das Problem attestiert, "zwischen Erfahrung und Jugend auswählen zu müssen", dann beschreibt er gleichzeitig seinen eigenen Job: Warum muss ich mich auf 23 Spieler beschränken, warum kann man nicht 40 Profis mitnehmen zur WM? Löw und Deschamps sind in einer sehr ähnlichen Situation. Man nennt das Luxusproblem.

Ginge es im Fußball nur um die Abteilung vorwärts, würde an Frankreich als WM-Favorit kein Weg vorbeiführen. Daran ändern auch Resultate wie das blamable 0:0 gegen Luxemburg in der WM-Qualifikation wenig. Ein paar Tage vorher hatte man die Niederlande 4:0 vom Platz gefegt.

Defensive bereitet immer noch Sorgen

Nun gehört zum Fußballspiel allerdings auch die Fähigkeit, Tore zu verhindern, und hier hat die Deschamps-Elf wie schon im EM-Jahr ihren blinden Fleck. Außenverteidiger Benjamin Mendy von Manchester City fällt nach einem Kreuzbandriss noch lange aus, Raphael Varane und Samuel Umtiti stehen zwar bei Real Madrid und dem FC Barcelona unter Vertrag, sie als Weltklasseverteidiger zu bezeichnen, wäre aber gewagt.

Dass Deschamps auch immer wieder auf den 32 Jahre alten Arsenal-Spieler Laurent Koscielny zurückgreift, der in der Defensive zu Slapstickeinlagen fähig ist, zeigt, dass dem Trainer die Alternativen fehlen. Frankreich ist das Land der Abwehr-Ikonen Marius Trésor, Laurent Blanc und Marcel Desailly, aber die jungen französischen Spieler, sie wollen stürmen und drängen, der Abwehrjob ist die ungeliebte Pflicht.

Gegen Deutschland will er es mit dem jungen Stuttgarter Benjamin Pavard versuchen. Der VfB-Profi kam gegen Wales zu seinem ersten Einsatz und hat das große Glück, Abwehrspieler zu sein. Das könnte ihm im Land des Offensiv-Füllhorns tatsächlich noch einen WM-Platz einbringen.

"Er ist der Beste für diesen Job"

Deschamps hat dieser Tage seinen Vertrag bis 2020 verlängert, der 49-Jährige, auch ein ehemaliger Weltklasse-Defensivspieler, sitzt trotz der Finalniederlage im Vorjahr fest im Sattel, "er ist der Beste für diesen Job, daran gibt es keinen Zweifel", hat Verbandspräsident Noël Le Graët gesagt.

Nach dem unglücklichen Blanc und dem von Anfang bis Ende umstrittenen Raymond Domenech hat Frankreich mit ihm einen Équipechef gefunden, der vor allem in der Lage ist, auch schwierige Personalentscheidungen einigermaßen elegant zu lösen. Er moderierte im Vorfeld der EM den Rauswurf von Karim Benzema, das war ein Drahtseilakt. Er hat auch die Diskussionen über eine mögliche Rückkehr von Bayernspieler Franck Ribéry beendet, ohne dass es ihm geschadet hätte. Die französische Nationalmannschaft ist ein heikler Arbeitsplatz, man braucht dort sehr viel Taktgefühl. Deschamps hat den richtigen Tonfall gefunden.

Frankreich fährt als einer der Titelanwärter zur Weltmeisterschaft. Das letzte Mal, dass die Franzosen bei einer WM am Ende ganz oben waren, war 1998. Der Kapitän des Teams hieß Didier Deschamps.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH