Frankreichs Remis gegen die Schweiz Voll auf Kurs

Frankreich hat keine berauschende Gruppenphase gespielt - dennoch darf sich der Gastgeber zum Favoritenkreis zählen. Zumal im finalen Gruppenspiel gegen die Schweiz weitere Fortschritte zu erkennen waren.

Paul Pogba (2.v.l.)
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Paul Pogba (2.v.l.)

Aus Lille berichtet


Wenn eine Mannschaft während des gesamten Spiels ein einziges Mal aufs Tor schießt, hat ihr Gegner eigentlich allen Grund, sich über ein 0:0 mächtig zu ärgern. Es ist schließlich das beste Ergebnis, das eine Mannschaft ohne Torchancen erreichen kann.

Am Sonntag, nach dem torlosen Remis zwischen Frankreich und der Schweiz, war von Verärgerung im Lager der Gastgeber jedoch nichts zu spüren. Warum auch? Schließlich ist Frankreich mit sieben Punkten aus drei Spielen ziemlich souverän Gruppenerster geworden und kann nach zwei erst in der Schlussphase entschiedenen Spielen gegen Rumänien und Albanien auch mit dem Abschluss der Vorrunde zufrieden sein. Zumindest die Zuschauer in Lille waren das. Sie feierten die Mannschaft nach dem Spiel ausgiebig, intonierten bereits während der Partie mehrfach hingebungsvoll die Marseillaise und veranstalteten nach dem Spiel noch ein paar lustige Hupkonzerte in der Stadt.

Da wollte auch Trainer Didier Deschamps, ein Mann, der von seinem Wesen her eher nicht zum Karnevalsprinzen taugt, nicht hintenanstehen und behauptete mit ernster Miene, dass er sich freue. Worüber, schob er gleich nach: "Es hieß ja immer, dass wir in einer so leichten Gruppe spielen. Aber ich wusste, dass das nicht stimmt. Wir sollten uns also erst mal darüber freuen, dass wir weitergekommen sind." Ähnlich sagte das auch Dimitri Payet, der fand, "dass wir heute mehr Lockerheit in unseren Aktionen hatten als zuvor."

Spielerische Balance als Erfolgsrezept

Tatsächlich dominierten die Franzosen gegen einen deutlich stärkeren Gegner als zuvor und zeigten gegenüber dem Turnierbeginn ein paar bemerkenswerte Fortschritte. Dass die Schweiz - immerhin das Team, das bis dato die meisten Chancen im gesamten Turnier kreiert hatte - diesmal den französischen Strafraum kein einziges Mal betrat, lag auch am Defensivverhalten Frankreichs. Bacary Sagna, Laurent Koscielny, Adil Rami und Patrice Evra gehören zwar sicher nicht zu den zwei, drei besten Abwehrreihen der Europameisterschaft, doch sie lösten ihre Aufgabe trotz zweier Fehlpässe, die hätten bestraft werden können, ordentlich.

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EM 2016: Schweizer ermauern Remis

Zumindest im Verbund mit einer Offensive, die diesmal prima mitarbeitete. Paul Pogba, sonst nicht unbedingt ein Freund von kräftezehrender Abwehrarbeit, gewann etliche Defensivzweikämpfe und holte sich den Ball zuweilen am eigenen Strafraum ab. Für Deschamps, der ja sehr wohl weiß, dass die vier da hinten nicht annähernd so stark sind wie seine vier Akteure im Angriff, war es dann wohl auch die wichtigste Erkenntnis, dass sein Team ein gutes Gleichgewicht gefunden zu haben scheint: In der Abwehr stand man sicher. Und im Angriff entfachten die Hochbegabten in den guten Phasen der Mannschaft jede Menge Druck.

Pogba zeigt zusehends, was in ihm steckt

Payet spielte nach seiner Einwechslung stark - weit besser als Kingsley Coman, der nicht so recht in die Partie kam. Vor allem aber zeigte Pogba zumindest eine Halbzeit endlich die Highlights, die viele Franzosen von ihm öfter sehen wollen. Man kann das als übertriebene Erwartung an den erst 23-Jährigen kritisieren. Doch diese hat Pogba mit unglücklichen Äußerungen selbst befeuert. Wer der "weltbeste Spieler werden will", muss das ja nicht gleich allen erzählen, wie es Pogba 2012 tat, als er zu Juventus Turin wechselte. Gegen die Schweiz hatte er in den ersten 20 Minuten gleich drei richtig gute Chancen und bei einem tollen Schuss an die Latte Pech.

Insgesamt vier hundertprozentige Torgelegenheiten besaß Frankreich, vier mehr also als der Gegner.

Frankreich hat bislang nicht glanzvoll gespielt, doch das haben die anderen ambitionierten Teams wie Portugal, Spanien, Belgien, Italien oder Deutschland genauso wenig. Alle können sich noch steigern - auch Frankreich. Keine schlechte Ausgangslage für den weiteren Turnierverlauf.

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insgesamt 3 Beiträge
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chrissie 20.06.2016
1. Wenn die Deutschen gegen die Schweiz so gespielt
Hätten, würden jetzt alle von mangelnder Chancenverwertung schwadronieren
batig 20.06.2016
2.
Auch die Eidgenossen hatte eine hundertprozentige Torchance... ganz zu Beginn des Spiels nach einer Ecke. Dazu der nicht gegebene Elfmeter in der Nachspielzeit.
pefete 20.06.2016
3. Gott sei Dank.
Die Gruppenspiele sind bald vorbei. Dann wird wieder richtiger Fussball gespielt.
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