Frankreichs Sieg gegen Uruguay Repertoire eines Champions

Frankreich steht im WM-Halbfinale. Der Sieg gegen Uruguay war weniger spektakulär als der gegen Argentinien, aber kaum weniger beeindruckend. Im Fokus: ein Insektenfresser und ein Fliegenfänger.

Antoine Griezmann und Kylian Mbappé
AP

Antoine Griezmann und Kylian Mbappé

Von


Szene des Spiels: Ein Hauch von Champions-League-Finale durchwehte Nischni Nowgorod. Das klingt erst mal ziemlich gut, ist es aber leider nicht: In der 61. Minute griff Uruguays Torwart Fernando Muslera bei einem harmlosen Distanzschuss von Antoine Griezmann daneben. Der Ball flutschte einfach durch seine Handschuhe. "Ein Flatterball", rief ZDF-Kommentator Oliver Schmidt instinktiv, dabei war der Ball schnurgerade auf Muslera zugeflogen. Es war das 2:0 für Frankreich, es war die Entscheidung in diesem WM-Viertelfinale.

Fernando Muslera
AFP

Fernando Muslera

Das Ergebnis: Frankreich schlägt Uruguay 2:0 (1:0) und steht im Halbfinale. Hier geht es zum Spielbericht.

Die Vorgeschichte: Alles hatte auf einen torarmen Fußballnachmittag hingedeutet. An Uruguays Defensive waren bei dieser Endrunde bislang alle vier Gegner zerschellt, einzig Europameister Portugal war im Achtelfinale überhaupt ein Treffer gegen Diego Godín und Co. gelungen. Top-Torjäger Edinson Cavani fiel dazu wegen einer Wadenverletzung aus. Und die vergangenen fünf Duelle zwischen diesen beiden Nationen waren - nun ja - keine Offensivspektakel gewesen.

"Aux armes, citoyens": Vier lange Jahre lang habe ich in der Schule Französisch gelernt, an sonderlich viel davon kann ich mich leider nicht erinnern. Ausnahme: In einer Vertretungsstunde hat Frau Voboril uns damals mit großer Begeisterung die Marseillaise beigebracht. Gut 20 Siebtklässler, die im Süden Schleswig-Holsteins in einem asbestverseuchten Sechzigerjahre-Zweckbau saßen und von durchschnittenen Kehlen und mit unreinem Blut getränkten Äckern tönten. Seltsamerweise sitzt bis heute jedes Wort, und seltsamerweise erfüllt mich die französische Hymne vor jedem Spiel mit nostalgischer Zufriedenheit. (Das als persönlicher Exkurs.)

Die erste Hälfte: Sah in den ersten Minuten erstaunlich offensive Südamerikaner, die immer wieder Cavani-Vertreter Cristhian Stuani (ja, der schreibt sich wirklich so) im französischen Strafraum suchten. Die beste Chance der Anfangsphase hatte allerdings Frankreichs Kylian Mbappé, der in der 15. Minute dank abenteuerlich schlechtem Timing beim Kopfball das mögliche 1:0 liegen ließ. Irgendwie beruhigend, dass der 19-Jährige noch nicht alles perfekt beherrscht. Ansonsten waren die Räume eng, die Zweikämpfe hart und die hochkarätigen Möglichkeiten lange rar. Bis zur 40. Minute...

Der neue WM-Standard: Es ist und bleibt das Leitmotiv der Endrunde 2018, auch im ersten Viertelfinale brach ein ruhender Ball die wechselseitige Blockade. Griezmanns Freistoß bugsierte Raphaël Varane mit abenteuerlich gutem Timing ins lange Eck (40.) - 1:0 für Frankreich! Auf der Gegenseite gab es kurz darauf eine sehr ähnliche Szene, Les-Bleus-Keeper Hugo Lloris kratzte den Kopfball von Martín Cáceres aber spektakulär von der Linie (43.). Im Grunde war das zunächst der ganze Unterschied zwischen den beiden Teams.

Die zweite Hälfte: Uruguay sortierte sich gerade etwas besser, näherte sich vorsichtig dem Ausgleichstreffer, als Griezmann etwas verlegen jenseits der Strafraumgrenze draufhielt und damit das Spiel vorentschied (siehe: Szene des Tages). Davon erholte sich Uruguay nicht mehr. Corentin Tolisso durfte sich in der 73. sogar noch den Luxus gönnen, die Großchance zum 3:0 vorbeizuschlenzen.

Lippenpflege Libello: Das Turnier hat endlich sein Star-Insekt: 2014 in Brasilien landete ein gigantischer Grashüpfer auf James Rodríguez' Oberarm, 2016 in Frankreich nervte eine Motte Cristiano Ronaldo, diesmal flog Frankreichs Keeper Lloris eine neugierige Libelle in den Mund. Der schien nicht vollständig davon überzeugt zu sein, dass Sechsbeiner "die Nahrung der Zukunft" sind.

Erkenntnis des Spiels I: Uruguay ohne Cavani ist leider Uruguay ohne Cavani. Sie haben ein starkes Turnier gespielt und sind an einem noch stärkeren Gegner gescheitert, ein ehrenvoller Abschied.

Erkenntnis des Spiels II: Frankreich kann es unspektakulär (Australien und Peru), Frankreich kann B-Elf (Dänemark), Frankreich kann die gaaannz große Show (Argentinien) - und Frankreich kann den geduldigen Arbeitssieg (Uruguay). Das ist grundsätzlich: das Repertoire eines Champions. Das konkrete Zustandekommen suggeriert gemeinsam mit dem Blick auf die Spieldaten zwar einen glücklichen Sieg Frankreichs, es war aber vielmehr das oft bemühte Glück des Tüchtige(re)n. Ein Standard und ein Torwartfehler veredeln eine kompakte Leistung - die Doppelsechs N'Golo Kanté und Paul Pogba wird auch den Sieger der Partie Belgien gegen Brasilien nerven.

Bleu-blanc-rouge-bleu-bleu-blanc: Eine Frage ist offen. In welcher Kombination wird Frankreich im Halbfinale auflaufen? Wir setzen auf: weißes Hemd, blaue Hose, rote Stutzen. Das fehlt noch.

Uruguay - Frankreich 0:2 (0:1)
0:1 Varane (40.)
0:2 Griezmann (61.)
Uruguay: Muslera - Cáceres, Giménez, Godín, Laxalt - Nández (73. Urreta), Torreira, Bentancur (59. C. Rodriguez), Vecino - Suárez, Stuani (59. Maxi Gomez)
Frankreich: Lloris - Pavard, Varane , Umtiti, Lucas - Kanté - Tolisso (79. N'Zonzi), Pogba - Mbappé (87. Dembelé), Griezmann (90. +3 Fekir), Giroud
Schiedsrichter: Pitana (Argentinien)
Gelbe Karten: Bentancur, Rodriguez - Lucas, Mbappé
Zuschauer: 43.319



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bluraypower 06.07.2018
1. Titelkanidat Nummer 1
Frankreich ist jetzt nach der soliden Leistung gegen Uruguay der Titelfavorit. Wünschen würde ich es der Grande Nation auf jeden Fall. Hier kann sich die deutsche Nationalmannschaft mal ein paar Scheiben abschneiden. Wenn es jetzt im Halbfinale gegen Brasilien geht dann können wir uns auf ein grosses Spiel freuen. Mein Tipp fürs Finale: Frankreich gegen England! Wäre der Knaller. Gruss
hoppelkaktus 06.07.2018
2. Nein, sie werden es nicht, diese Franzosen. Nein. Nein.
Spätestens, sobald diese blauen Jungs aus Frankreich auf eine offensivstarke Mannschaft treffen, die zugleich nach hinten nix zulässt, ist das fade, nährstoffarme, labbrige französische Fußball-Weißbrot geschluckt und vergessen. Die Franzosen sind in jedem ihrer bisherigen WM-Spiele immer nur so stark gewesen, wie ihre schwachen oder geschwächten Gegner es zuließen. Aus eigenem Vermögen überlegen waren sie bisher noch nicht. Drum ist dann auch mit dem Halbfinale Ende im Gelände für die derzeit von einigen so arg überschätzten Welschgockel. Besorgt am besten schon mal reichlich schwarzes Vorhangtuch, um mit solchem Trauerschmuck die Tore im Triumphbogen zu Paris angemessen kummervoll umzudekorieren. ;-)
cave68 06.07.2018
3.
Zitat von hoppelkaktusSpätestens, sobald diese blauen Jungs aus Frankreich auf eine offensivstarke Mannschaft treffen, die zugleich nach hinten nix zulässt, ist das fade, nährstoffarme, labbrige französische Fußball-Weißbrot geschluckt und vergessen. Die Franzosen sind in jedem ihrer bisherigen WM-Spiele immer nur so stark gewesen, wie ihre schwachen oder geschwächten Gegner es zuließen. Aus eigenem Vermögen überlegen waren sie bisher noch nicht. Drum ist dann auch mit dem Halbfinale Ende im Gelände für die derzeit von einigen so arg überschätzten Welschgockel. Besorgt am besten schon mal reichlich schwarzes Vorhangtuch, um mit solchem Trauerschmuck die Tore im Triumphbogen zu Paris angemessen kummervoll umzudekorieren. ;-)
trifft die negative Kritik von ihnen nicht nahezu auf alle Teams zu?Oder wer sollte sonst Weltmeister werden? Da zum jetzigen Zeitpunkt Brasilien mit 2:0 zurück liegt wären es wohl die Belgier als Favorit,die aber im Achtelfinale auch nur in letzter Sekunde weiterkamen. Noch schlimmer wäre ein Weltmeister aus dem anderen Turnierbaum....Schweden,Russland?Um gottes Willen...das wären die wahren Rumpler....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.