Testspiel gegen Deutschland Sexaffäre trübt Frankreichs EM-Euphorie

Frankreich, der EM-Gastgeber, trifft auf Deutschland, den Weltmeister - ein Duell zweier Top-Mannschaften. Doch die Erpressungsaffäre um Karim Benzema und Mathieu Valbuena überschattet alles.

Aus Paris berichtet

Deschamps: "Fragen Sie bitte nach den Spielern, die im Kader sind"
AFP

Deschamps: "Fragen Sie bitte nach den Spielern, die im Kader sind"


Pressekonferenzen mit Didier Deschamps sind stets eine etwas längere Angelegenheit. Der Trainer der französischen Nationalmannschaft ist ein überaus höflicher Gesprächspartner, er nimmt sich für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich viel Zeit für die Journalisten, und wie es sich für einen Franzosen gehört, wahrt er dabei stets die Contenance, so kritisch die Fragen der Medienvertreter auch sind.

Vor dem Spiel gegen Weltmeister Deutschland, dem Duell der größten Titelfavoriten bei der EM im kommenden Jahr, (21 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) dürfte es ihn allerdings ein Höchstmaß an Selbstbeherrschung gekostet haben, ruhig am Tisch sitzen zu bleiben und freundlich zu antworten. Denn nach sportlichen Dingen wurde Deschamps bei der Abschluss-Pressekonferenz kaum gefragt. Alle interessierte nur "die Affäre". Die unappetitliche Sex-Geschichte um die beiden Nationalspieler Mathieu Valbuena und Karim Benzema.

Benzemas Rolle beschäftigt die Justiz

Die Affäre, die in Frankreich seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht, in Kurzform: Valbuena, Mittelfeldspieler bei Olympique Lyon, 52facher Nationalspieler, hat sich beim Sex mit seiner Freundin auf dem Smartphone gefilmt und war anschließend so clever, sein Mobiltelefon zu verlieren. Unter mysteriösen Umständen gelangte es in den Besitz von Bekannten von Benzema, die Valbuena daraufhin mit den Aufnahmen erpresst haben sollen. Ob Real-Star Benzema davon wusste oder sogar daran mitgewirkt hat, das beschäftigt derzeit die Justiz. Der Angreifer wurde in der Vorwoche vorläufig festgenommen, verhört und dann wieder auf freien Fuß gesetzt.

Valbuena: Wurde angeblich von Bekannten von Benzema erpresst
AFP

Valbuena: Wurde angeblich von Bekannten von Benzema erpresst

Nun hat Frankreich eine gewisse Tradition mit internen Verwerfungen innerhalb der Équipe Tricolore. Die Vorgänge bei der WM 2010 in Südafrika, als das Team gegen Trainer Raymond Domenech rebellierte und sich vor aller Augen selbst in Einzelteile zerlegte, haben im französischen Fußball traumatische Wirkung bis heute behalten. Die Parole vor der EM im eigenen Land war eigentlich: So etwas nie wieder. Nur nicht die große Chance auf den EM-Titel durch so etwas kaputtmachen.

Jetzt ist das Binnenverhältnis in der Mannschaft erneut schwer belastet, es heißt, die Affäre sei in der Kabine der Mannschaft "ein großes Thema". Valbuena und Benzema sind zwei Leistungsträger des Teams. Beide nach dieser Sache wieder in ein Team zu integrieren, ist selbst für den verbindlichen Deschamps eine Herausforderung.

Benzema: Wurde nach Verhör wieder freigelassen
AFP

Benzema: Wurde nach Verhör wieder freigelassen

Beide Kontrahenten stehen nicht im Kader

Für die beiden Tests gegen Deutschland am Freitag und England am Dienstag hat der Trainer erst einmal auf eine Berufung der zwei Kontrahenten verzichtet. Benzema ist ohnehin nach einer Verletzung noch nicht ganz fit. Das machte es dem Coach einfacher, dessen Nicht-Berufung mit "körperlichen Gründen" zu erklären. Was ja auch irgendwie stimmt.

"Fragen Sie mich bitte nach den 23 Spielern, die im Kader sind", war denn auch Deschamps Kampflinie gegenüber den Journalisten vor der Partie im Stade de France. Die hielten sich an diese Vorgabe allerdings nicht, immer wieder kam die Frage danach, welche Folgen der Konflikt zwischen den zwei Stars für die Vorbereitung auf die EM haben könne. "Wie Sie sehen, bin ich völlig entspannt, gut drauf und habe immer noch ein Lächeln im Gesicht", konterte Deschamps. Aber das Lächeln, dass er daraufhin zu zaubern versuchte, wirkte reichlich bemüht.

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EM-Gastgeber: Die französischen Hoffnungsträger
Die "L'Équipe", die große einflussreiche Sportzeitung, hat auf ihrem Titel zum Spiel ein leeres Frankreich-Trikot gezeigt mit der Überschrift: "Gagner sans Benzema" (Gewinnen ohne Benzema). Im Innenteil der Zeitung haben die Optimisten ausgerechnet, dass der Toreschnitt der Équipe in den Partien, in denen Benzema fehlte, sogar noch ein bisschen besser ist als in den Spielen, in denen er dabei war.

Fakt ist aber, dass das Angriffsspiel der Franzosen mit dem Real-Stürmer steht und fällt. Frankreich hat mit Antoine Griezmann und Olivier Giroud auch andere starke Stürmer. Aber Benzema mit seiner Torgefahr, mit seiner Dribbelstärke hebt das Niveau der Franzosen noch einmal auf einen anderen Level.

Dass sich der Stürmer seit nunmehr sechs Jahren im Superstar-Ensemble von Real Madrid neben Cristiano Ronaldo behauptet, sagt sehr viel über die Qualität des Angreifers aus. Er hat in der Zeit fast 100 Ligatore für Real erzielt, er ist Frankreichs Fußballer des Jahres 2014. Auf ihn zu verzichten, kann sich Deschamps eigentlich nicht erlauben. Einen Benzema, der im Zuge der Affäre eventuell wegen Verwicklung in eine Erpressung verurteilt werden würde, anschließend zum großen Helden der EM werden zu lassen, ist allerdings auch schwer vorstellbar.

Dem freundlichen Herrn Deschamps stehen unerfreuliche Entscheidungen ins Haus. Wenn der Trainer diese Angelegenheit ohne nachhaltige Reibungsverluste löst, kann er wohl gleich in den diplomatischen Dienst der Grande Nation eintreten.



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