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Frankreichs WM-Eklat: Rien ne va plus

Aus Toulon berichtet

Intrigen, Streit und schlechter Fußball: Frankreichs WM-Team zeigt sich in Südafrika in einem desolaten Zustand. Die Nationalmannschaft verweigert die Arbeit, führt ihren Trainer vor - und zieht sich den Zorn der eigenen Fans zu. Jetzt schaltet sich die Politik ein.

Team Frankreich: Meuterei in Blau Fotos
AP

Immer wieder flimmerten am Sonntagabend die Bilder durch die Sondersendungen: Ein Konditionstrainer, der wutentbrannt auf den Mannschaftskapitän einredet. Ein Kapitän, der daraufhin aufreizend lässig zu seinen Kollegen schreitet und kurz darauf mit ihnen in einem Bus entfleucht, auf den Werbeleute eine Botschaft geklebt haben, die jetzt wie fein ziselierter Hohn klingt: "Tous ensemble vers un nouveau rêve bleu" - "alle zusammen für einen neuen Traum in Blau". Der Bus steht auch im Hintergrund, als Trainer Raymond Domenech eine Erklärung verliest. Inhalt: Die Mannschaft verkündet, das Training zu boykottieren, das er selbst eigentlich zu diesem Zeitpunkt leiten wollte.

Längst hat sich die Politik eingeschaltet. "Das ist erbärmlich und dramatisch", schimpft der ehemalige Sportminister Jean-François Lamour. Seine Nachfolgerin im Amt, Roselyne Bachelot, verlängerte auf Anordnung von Präsident Nicolas Sarkozy ihren Südafrika-Aufenthalt und berief für Montag ein Krisentreffen mit dem französischen Mannschaftskapitän Patrice Evra, Trainer Domenech und dem Präsidenten des französischen Fußballverbandes, Jean-Pierre Escalettes, ein.

Während sich in Paris Politiker und andere Prominente zu den Ereignissen rund um das WM-Team interviewen lassen, haben sich die französischen Fans längst eine Meinung gebildet: "Eine Schande" sei diese Mannschaft, findet Denis, der im Trikot von Olympique Marseille zum Public Viewing gekommen ist, weil ihm die meisten WM-Spiele bislang Freude gemacht haben: "Die Deutschen spielen schönen Fußball, auch Nordkorea hat mich überrascht." Und Frankreich? "Ein jämmerliches Theater" führe die Mannschaft da im fernen Südafrika auf, findet er. Dann fallen Worte, die fatal an die erinnern, die dem suspendierten Stürmer Nicolas Anelka seinen vorzeitigen Rückflug nach London einbrachten.

Divenhaftes, selbstgerechtes Auftreten

Yves, dessen Sympathien dem Traditionsclub St. Etienne gelten, formuliert druckreifer. "Wenn es nach mir geht, brauchen sie gegen Südafrika gar nicht anzutreten. Je schneller sie dieses Turnier verlassen, desto besser." Was Yves sagt, ist Volkes Stimme, wie eilig in Auftrag gegebene Umfragen belegen: Gut drei Viertel der Franzosen würden es begrüßen, wenn "Les Bleus" umgehend aus Südafrika zurückbeordert würden. Sie bewerten die Ereignisse nicht anders als die Altinternationalen Alain Giresse ("eine Schande") oder Robert Pirès, der "seit Jahren davor warnt, dass wir gegen die Wand fahren".

Schande - das ist auch das häufig gebrauchte Wort in den französischen Medien zu den Ereignissen aus Knysna, dem Trainingslager der Equipe Tricolore. Ob konservative oder liberale Presse - in der Einschätzung über den Charakter der Mannschaft sind sich alle einig. "Die Bleus versinken in der Lächerlichkeit", schreibt "Libération", die große Sportzeitung "L'Equipe" ergänzt: "Ein Streik? Nein. Nur Feigheit." Trainer Domenech, so die Zeitung, habe auch "seine letzte Chance vertan, ein bisschen Stil und Mut zu zeigen". "Le Figaro" spricht vom "kollektiven Selbstmord" des französischen Teams. Und "Le Parisien" bilanziert: "Die Meuterei von Knysna wird auf ewig in Erinnerung bleiben als das Waterloo des französischen Fußballs."

Allem Anschein nach ahnen die französischen Spieler nicht einmal, wie weit sie sich von ihren Fans entfernt haben - durch ihre miserablen Leistungen in der Vorbereitung und in den ersten beiden WM-Spielen. Aber auch durch das divenhafte, selbstgerechte Auftreten, das auch aus jeder Zeile des "Communiqués" trieft. Nach einigen Worten an die ach so "opferbereiten Fans, die uns hier unterstützen", versteigen sie sich darin zu der Ankündigung, "individuell und kollektiv alles zu tun, damit Frankreich am Dienstag gegen Südafrika seine Ehre wiedererlangt". Abgesehen vom Training natürlich - da können Arsenal-Coach Arsène Wenger und ein wutschnaubender Konditionstrainer vor dem entscheidenden Spiel am Dienstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch so eindringlich daran erinnern, dass "man gegen Südafrika keine vier, fünf Tore schießt, wenn man nicht vorher einstudiert, wie das geht", wie Fitness-Coach Robert Duverne sagt.

Das Team sucht den Verräter

Die Spieler treibt anderes um. Die Suspendierung von Anelka hat ihre Gemüter nachhaltig in Wallung gebracht. "Nico" sei schweres Unrecht widerfahren. "Die FFF (der französische Fußballverband, d.Red.) hat zu keinem Zeitpunkt versucht, die Gruppe zu beschützen. Sie hat eine Entscheidung getroffen, ohne die Mannschaft zu befragen - ausschließlich auf Grundlage von Medienberichten." Deshalb sprächen sich nun "alle Spieler der französischen Mannschaft" gegen die Suspendierung Nicolas Anelkas aus. Wie sagte doch Kapitän Patrice Evra so schön: "Nicolas ist nicht das Problem. Das Problem ist der Verräter in unseren Reihen."

Dass Anelka den veröffentlichten Satz ("Lass dich in den Arsch ficken, du dreckiger Hurensohn") tatsächlich so gesagt hat, bestreiten nicht einmal seine Spielerkollegen. Allerdings habe er diese Worte nur laut vor sich hingemurmelt, als ihn Domenech in der Halbzeitpause des Mexiko-Spiels dazu ermahnt hatte, mehr seine Position zu halten. Mitnichten habe er diese Worte dem Trainer entgegengeschleudert. Für Domenech offenbar tatsächlich ein gravierender Unterschied: "Was ein Spieler in seiner Ecke sagt, was er vor sich hinmurmelt, ist nicht wichtig." Wie seine Spieler fragt sich auch der Trainer seit Tagen, wer der "Maulwurf" sei, der den Kabinendisput nach außen getragen hat.

Während der seit Jahren unbeliebte Coach also versucht, sich vor eine Mannschaft zu stellen, die ihm schon lange die Gefolgschaft aufgekündigt hat, freut man sich zu Hause auf die Zeit nach der WM. Laurent Blanc, Trainer von Girondins Bordeaux, steht längst als Nachfolger fest. Nicht nur ehemalige Mitspieler wie Zinédine Zidane und Emmanuel Petit trauen ihm den Neuanfang zu.

Doch einstweilen erfreut sich ausgerechnet ein Verbandsfunktionär höchster Beliebtheit. Teammanager Jean-Louis Valentin, der am Sonntag seinen Rücktritt erklärte - und wenige Sekunden darauf die Arbeitsverweigerung der Mannschaft ganz anders kommentierte als der Trainer: "Ich schäme mich. Ich bin empört und angewidert. Was passiert ist, ist ein Skandal."

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Forum - Chaos bei den Franzosen
insgesamt 276 Beiträge
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1. Adieu les Bleus ...
crocodile dentist 21.06.2010
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
... mit einem neuen Trainer klappt's vielleicht 2014.
2.
Christian W., 21.06.2010
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
3. Fluch der Iren
druum, 21.06.2010
Zitat von Christian W.Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
Von wegen afrikanischer Voodoozauber. Ich sehe die Franzosen - zurecht - vom Fluch der Iren getroffen. So werden sie am Dienstag gänzlich untergehen ...
4. Nein !
franzosen 21.06.2010
Wenn es nach den Franzosen ginge, bräuchten "les Bleus" gar nicht mehr antreten. Domenech hatte es schwer, war aber auch ganz und gar nicht die richtige Person, verquert, unfähig...Schon vor Jahren wollte man ihn ersetzen, aber er hatte einen langjährigen Vertrag. Das Bildungs- und Erziehungsniveau der Spieler, na ja, ist schon weit unten angesiedelt...Wir warten auf Monsieur Blanc !
5. Suppenkasper Franz
Jettenbacher 21.06.2010
Na ja, ich glaube an Peinlichkeiten sind auch die deutschen Auftritte bei WM's nicht arm. Wer nannte den Franz Beckenbauer einen Suppenkasper, und durfte dafür nach Hause reisen? Immer erstmal vor der eigenen Haustüre kehren ;-)
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