Bayern-Urgestein: Wie Beckenbauer zum "Kaiser" wurde

Von Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk

Früher stand er für Arroganz und Lässigkeit, heute ist er einfach nur der "Kaiser": Franz Beckenbauer ist das bekannteste Gesicht des deutschen Fußballs, seine größte Zeit hatte er beim FC Bayern. Doch woher kommt die Verehrung? Das Buch "Die besten Bayern" beschreibt den Weg zur Lichtgestalt.

Von Beckenbauer bis Schweinsteiger: Die besten Bayern Fotos
DPA

Am 14. Juni 1969 krönt sich Franz Beckenbauer zum "Kaiser". Im DFB-Pokal-Finale gegen den FC Schalke 04 kann der Bayer ein Dribbling von Stan Libuda, dem "König von Westfalen", nur durch einen Griff an dessen Hose stoppen. Die Schalker Fans halten das für eine Majestätsbeleidigung: "Das Pfeifkonzert ließ mich beinahe in die Erde kriechen", sagt Beckenbauer später.

Aber nur beinahe. Denn tatsächlich läuft er in Richtung der wütenden Schalke-Fans, lupft den Ball, lässt ihn vom rechten auf den linken Fuß tanzen, auf den Kopf und wieder zurück auf den Fuß. Vierzig lange Sekunden jongliert Beckenbauer, das Spiel läuft ganz normal weiter, kein Schalker Spieler traut sich, ihn anzugreifen.

Die Demonstration von Arroganz und Lässigkeit verschafft Beckenbauer seinen Namen: "Kaiser". Denn so nennen ihn zum ersten Mal überhaupt die Reporter der "Süddeutschen Zeitung" und der Münchner "Tageszeitung" in ihren Spielberichten (die Bayern gewinnen 2:1).

Rehhagel erschrickt über den flanierenden Beckenbauer

Den Deutschen ist Beckenbauer lange unheimlich. Otto Rehhagel, in den sechziger Jahren als Defensivarbeiter bei Hertha BSC angestellt, erschrickt, als er den angehenden "Kaiser" vor einem Spiel über den Ku'damm flanieren sieht: "Die Eleganz seiner Bewegung, wunderbar, südländisch." Schon seine Grundschullehrerin beschreibt den kleinen Franz wie eine übernatürliche Erscheinung: "Er ist im Turnsaal herum geschossen, aber er konnte auf einen Schlag anhalten, die Richtung ändern und hat nie jemand angerempelt. Er ist wie ein Blitz zwischen den Kindern herumgelaufen."

Schon als junger Profi erkennt Beckenbauer, dass die wichtigste Position weder im Sturm noch im Mittelfeld, sondern in der Verteidigung liegt. Er schaffte es, aus dem rein defensiven Ausputzer einen Wandler zwischen der Verteidigung und des Angriffs zu machen. Einen Regisseur, der das Spiel vor sich liegen hat und deswegen immer weiß, wohin er mit einem kurzen Pass oder einem Diagonalball das Geschehen verlagern muss. Einen freien Mann, der überall auf dem Platz zu finden ist und so in Defensive und Offensive die entscheidenden Überzahlsituationen schafft.

Beckenbauer bricht starre Strukturen auf dem Platz auf. Er hält nichts von der veralteten Trennung von Verteidigung und Angriff, Kämpfern und Künstlern. Nicht allen gefällt das. Besonders die Fans im Ruhrgebiet verachten ihn. Sie halten Fußball für eine Form der Bergwerksarbeit über Tage. Beckenbauer aber tanzt leichtfüßig übers Gras. Und kämpft nur, wenn es sein muss.

Im WM-Halbfinale von 1970 gegen Italien (3:4) trägt er nach einer Schultereckgelenksprengung den rechten Arm in einer Schlinge und dirigiert wie ein General die Schlacht. Beckenbauer selbst erinnert sich lieber an das Freistoßtor mit dem rechten Außenrist gegen Duisburg 1974. Oder an seinen vorentscheidenden Treffer im Europapokal-Halbfinal-Rückspiel 1975 gegen St. Etienne, als Beckenbauer verärgert am rechten Strafraumeck abdreht, weil Uli Hoeneß mal wieder ins Abseits gelaufen ist, sich dann plötzlich, wie in einem kreativen Wutanfall, um seinen Gegenspieler dreht, in den Strafraum tanzt und aus spitzem Winkel zum 1:0 trifft.

Beckenbauer beschwert sich über zu positive "Bild"-Berichte

Dann, 1994, beschwingt von den Meisterfeierlichkeiten, lässt er sich beim Torwand-Schießen im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF den Ball auf ein Weißbierglas legen, trifft und fällt Lothar Matthäus in die Arme. Moderator Dieter Kürten verkündet mit entrückter Stimme: "Dem Mann glückt alles."

Neben dem Brasilianer Mario Zagallo ist Beckenbauer der einzige Mensch, der sowohl als Spieler wie auch als Trainer die Weltmeisterschaft gewinnt. Als Vorsitzender des Organisationskomitees holt er die WM 2006 nach Deutschland. Zweimal rettet der Trainer Beckenbauer dem FC Bayern eine verkorkste Saison. Als Präsident befriedet er in den neunziger Jahren den zerstrittenen Verein.

Im Laufe der Jahre sind auch noch beim verbohrtesten Schalke-Fan Hass und Neid in Bewunderung umgeschlagen. Vermutlich haben die Deutschen einfach ein paar Jahrzehnte gebraucht, um sich an diesen Beckenbauer zu gewöhnen, dem deutsche Sekundärtugenden wie Ernst, Disziplin, Fleiß und Eifer fehlen. Er verfügt aber auch über die Gabe der Selbstironie, weist außerdem auch selbst gern darauf hin, dass er ab und zu "einen rechten Schmarrn" oder "Blödsinn" redet.

Der Einzige, der den "Kaiser" kritisieren kann, ist der "Kaiser" selbst. Als junger Spieler ruft Beckenbauer einmal bei der "Bild"-Zeitung an und beschwert sich: "Ich war nicht so gut, wie ihr geschrieben habt."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
hokutoriki 23.04.2012
Die WM 2006 wurde ja wohl nachweislich von der Titanic! Redaktion nach Deutschland geholt.
2.
thorkhan 23.04.2012
Lustig zu lesen: Dortmund hat eine grandiose Saison gespielt und SPON bringt eine Retrospektive auf auf alte Bayern-Heroen! Dabei müsste die Überschrift dieses Artikels lauten: "Wie Klopp zum Meister wurde!" Aber nicht nur die Überschrift ändern, sondern auch den Inhalt thematisch anpassen. Wäre eine spannendere Story als die jetzige, die man sich allabendlich in Byern3 anschauen kann. ;)
3.
Fackel 23.04.2012
Und wenn der "Kaiser" sagt der Ball ist eckig dann applaudiert die Journaille und schreibt "Endlich spricht das mal jemand an" Er hat viel getan für den dt. Fussball, aber er ist keine Lichtgestalt und er kann auch nicht über Wasser laufen (was im Gegensatz zur Meinung des Springer Verlages steht).
4.
Fackel 23.04.2012
Und wenn der "Kaiser" sagt der Ball ist eckig dann applaudiert die Journaille und schreibt "Endlich spricht das mal jemand an" Er hat viel getan für den dt. Fussball, aber er ist keine Lichtgestalt und er kann auch nicht über Wasser laufen (was im Gegensatz zur Meinung des Springer Verlages steht).
5.
jan234 23.04.2012
Ich bin wahrscheinlich zu jung. Immer wenn ich Beckenbauer im Fernesehen reden höre, denke ich spontan, ich habe es mit einem geistig Behinderten zu tun. So geht es mir auch mit Boris Becker oder Dieter Bohlen und etlichen anderen. Ist die Republik schon so weit, das als normal hinzunehmen? Ist das die eigentliche Leistung von Herrn Beckenbauer? Verdanken wir ihm Figuren wie Slatko etc? Also dann wäre er doch eher der Fürst der Finsternis, aber richtig! Äaahm.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Bayern München
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp

Themenseiten Fußball

Tabellen