Drittligist im französischen Pokalfinale Das Spiel ihres Lebens

Paris St. Germain könnte am Abend zum vierten Mal in Folge den französischen Pokal gewinnen. Verhindern will das ein Drittligist, für den der Begriff Außenseiter erfunden worden sein könnte.

Les Herbiers Trainerteam bei der Arbeit
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Les Herbiers Trainerteam bei der Arbeit

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Der DFB-Pokal ist ein Rückzugsort für die Fußball-Romantiker in Deutschland, hier schaffen es Amateurteams immer mal wieder, die etablierten Größen zu blamieren. Ehe sie dann meistens eine Runde später selbst rausfliegen. Nun, wer den DFB-Pokal mag, wird den Coupe de France lieben. Besonders in diesem Jahr.

In Deutschland starten jede Saison 64 Teams im Pokal, darunter 28 unterklassige Mannschaften. Es gibt Vorqualifikationsrunden, deren Gewinner eine Saison später in der Hauptrunde antreten dürfen. In Frankreich ist der Modus ein anderer, es werden nacheinander 14 Runden gespielt. In diesem Jahr gingen 8506 Mannschaften an den Start, auch Teams aus den Übersee-Départements wie Réunion oder Guadeloupe nehmen teil, die ersten Runden werden deshalb von den Regionalverbänden ausgerichtet, um Reisestrapazen und -kosten gering zu halten. Ab Runde sieben stoßen die Zweitligisten dazu, noch mal zwei Runden später die Erstligisten.

Übrig geblieben sind in diesem Jahr: Paris St. Germain und Vendée Les Herbiers Football, kurz VF Les Herbiers. Titelverteidiger und Serienmeister gegen Drittligist, Rekordtransfers gegen No-Names aus einem 16.000-Einwohner-Ort. Am Abend spielen sie gegeneinander.

Stade Massabielle - die Heimat von Les Herbiers
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Stade Massabielle - die Heimat von Les Herbiers

Rund zwei Millionen Euro beträgt laut "Le Monde" das Jahresbudget von Les Herbiers, bei PSG sind es eher 550 Millionen. Das durchschnittliche Monatsgehalt der Spieler von Les Herbiers, 2500 Euro, verdient Neymar in 30 Minuten. Les-Herbiers-Kapitän Sébastien Flochon beschäftigt sich lieber mit anderen Zahlen. "Ein Prozent" betrage wohl ungefähr die Siegchance, schätzt der 25-Jährige. "Es wäre die größte Überraschung der vergangenen 20 Jahre."

Selbst wenn diese ausbleiben sollte, hilft das Erreichen des Endspiels bereits enorm bei der Zukunftsplanung. 1,5 Millionen Euro hat Les Herbiers bereits sicher. Auf dem Weg nach Paris hat der Klub aus dem am Atlantik gelegenen Département Vendée die Zweiligisten Lens und Auxerre besiegt. Er ist in der 101. Pokalsaison erst der vierte Drittligist, der es bis ins Finale geschafft hat, bis ins Stade de France mit seinen mehr als 80.000 Sitzplätzen. In der Heimat spielen sie vor 3000 Zuschauern im Stade Massabielle.

Als Trainer Stéphane Masala nun zum ersten Mal die Umkleide des Stade de France betrat, fühlte er sich etwas verloren. "Ich dachte: Das ist viel zu groß hier. Mit wird die Nähe zu meinen Spielern fehlen, wo soll ich mich denn hinstellen?"

Der 41-Jährige setzt auf mannschaftliche Geschlossenheit, Kurzpassspiel, taktische Disziplin. Beeinflusst wurde er von seinem Vater, einem Sarden. "Er hat damals alle Spiele der italienischen Nationalmannschaft bei der WM 1982 auf Video aufgenommen", sagt Masala. Taktikschulung von Kindesbeinen an. "Ich bin mit dieser italienischen Fußballidee aufgewachsen, dass taktische Arbeit das Wichtigste überhaupt ist."

Les-Herbiers-Coach Stéphane Masala: "Ich bin sehr stolz, Trainer dieses Teams zu sein"
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Les-Herbiers-Coach Stéphane Masala: "Ich bin sehr stolz, Trainer dieses Teams zu sein"

Dem Gegner den Platz zum Spielen nehmen und selbst die Räume finden und bespielen, das ist Masalas Fußballideal. Auch gegen PSG mit Stürmern wie Edinson Cavani und Kylian Mbappé will Masala daran festhalten. "Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, es wird vor allem ums Verteidigen gehen. Mal sehen, wie viele Minuten wir sie abwehren können. Oder wie viele Sekunden." Seine Mannschaft müsse es schaffen, nicht ans Ergebnis zu denken, das sei der Schlüssel zum Erfolg.

Man kann davon ausgehen, dass Les Herbiers nicht an mangelnder Einstellung scheitern wird. Am vergangenen Wochenende lag das Team, das in der Liga noch um den Klassenerhalt kämpfen muss, 0:2 gegen Laval zurück. "Meine Spieler hätten aufgeben können um sich für PSG zu schonen", sagte Trainer Masala, "aber sie haben dennoch die Motivation gefunden, noch mal zurückzukommen." 3:2 gewann Les Herbiers noch, und Masala sagt: "Ich bin sehr stolz, Trainer dieses Teams zu sein."

Seinem Gegenüber, PSG-Coach Unai Emery, hat der Siegeszug des Drittligisten im Pokal imponiert. Er ließ seine Mannschaft mit genauso großer Intensität trainieren wie vor einem Champions-League-Spiel. "Es ist ein Finale, es geht um einen Titel", sagte Emery: "Wer im Pokalfinale steht, hat sich das verdient." Dem Gegner könne man nun am besten Respekt zollen, so Emery, "indem wir auf Sieg spielen".

Mit Material von Reuters und AFP



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Seite 1
Franke aus Hamburg 08.05.2018
1. Tja da lauert...
... eine Pokalsensation. Allerdings hat der Amateurverein es ausschließlich über unterklassige Vereine ist Finale geschafft. Aber Wunder gibt es immer wieder. Do, wie Leicester englischer Meister wurde oder wie der HSV es 2018 noch in die Relegation schaffte, zwinker. Ich drücke dem Kleinen gegen PSG auf jeden Fall die Daumen.
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