Fehler der Torhüterinnen bei der EM 2017 Klein Problem

Warum die vielen Fehler der Torhüterinnen bei der EM 2017 nichts mit "Slapstick", sondern mit taktischen Änderungen im Frauenfußball zu tun haben.

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Gaelle Thalmann war untröstlich. Die Torhüterin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft hatte im letzten EM-Gruppenspiel gegen Frankreich einen Freistoß von Camille Abily zum 1:1-Endstand ins eigene Tor geboxt. "Es war ein Handfehler", sagte Thalmann nach dem Spiel, "ich wollte den Ball drüber lenken. Wenn man als Goalie einen Fehler macht, bedeutet das leider ein Gegentor." Hätte Thalmann den Ball gehalten, wäre die Schweiz vermutlich ins Viertelfinale eingezogen.

Seitdem findet sich die 31-Jährige in zahlreichen Bilanzen zur EM 2017 wieder, die am Donnerstag mit dem Halbfinale weitergeht. "Slapstick", "peinliche Patzer", "unbeholfene Fehler" - was wurde in den vergangenen Tagen nach diversen Fehlern der Torhüterinnen nicht alles geschrieben. Häme gehört im von Frauen gespielten Fußball immer noch dazu.

Tatsächlich sahen im Turnierverlauf neben Thalmann auch ihre Kolleginnen Laura Giuliani (Italien), Tatiana Shcherbak (Russland), Gudbjörg Gunnarsdottir (Island), Patrícia Morais (Portugal), Stina Petersen (Dänemark) oder Sari van Veenendaal (Niederlande) bei Gegentoren schlecht aus. Die Häufung der Fehler ist auffällig.

Sind die Torhüterinnen in der Weltspitze schlechter geworden?

Zunächst muss festgehalten werden, dass bei Welt- und Europameisterschaften im Laufe der Zeit durchschnittlich weniger Tore geschossen werden. Bei der WM 2007 fielen noch 3,4 Tore pro Spiel, die EM 2009 hatte mit 3,0 Toren einen ähnlichen Wert. In den Niederlanden fielen bisher dagegen erst 2,1 Tore pro Spiel, ein Trend, den es vier Jahre zuvor bei der EM 2013 (2,2 Tore) auch schon zu beobachten gab.

Bei Partien mit weniger Treffern haben Torwartfehler eine größere Bedeutung, ein Patzer kann das Spiel entscheiden. Die geringere Torausbeute hat vor allem taktische Gründe - und das wirkt sich auch auf das Torwartspiel aus. Spielerisch unterlegene Teams haben in den vergangenen Jahren gelernt, defensivtaktisch besser zu stehen, die Räume geschickter zu verengen und taktisch flexibler zu agieren. Auch in Sachen Fitness haben viele Nationen aufgeholt. Späte Gegentore, weil die Konzentration nach 80 Minuten nachlässt - das gab es bei der EM 2017 bisher nicht.

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EM 2017: Sechs Torhüterinnen, sechs Fehler

Daraus resultieren neue taktische Aufgaben für die Top-Nationen wie Deutschland: Wie geht man mit Phasen mit viel Ballbesitz um? Wie können zwei tief stehende Abwehrketten auseinandergezogen werden? Wie schafft man Überzahl im Mittelfeld? Wie kommt man in den Rücken der Abwehr? Wie kann das Spiel möglichst breit gestaffelt werden?

Die DFB-Frauen schafften es nicht, die richtigen Antworten zu finden, was aber auch am Umbruch innerhalb des Teams und der mangelhaften Chancenverwertung lag. Bei genauerer Betrachtung der vier Viertelfinalpartien fallen noch weitere Dinge auf:

  • In den vier Spielen wurden insgesamt 157 Flanken geschlagen, fast 40 pro Viertelfinale.
  • 48 Mal schossen die Spielerinnen von außerhalb des Strafraums auf das Tor, zwölfmal pro Viertelfinale.
  • Mit einem Anteil von 38 Prozent langer Pässe erreichte Halbfinalist Österreich den Top-Wert. Durchschnittlich schlugen die acht Viertelfinalisten in 23 Prozent der Fälle einen langen Pass.

Flanken, Weitschüsse, lange Pässe - all das sind Indizien für spielerische Einfallslosigkeit, die aus der guten Defensivtaktik der schwächeren Teams resultiert. Thalmann, Morais oder Giuliani standen dadurch stärker im Fokus - was bei den 16 Stamm-Torhüterinnen der EM bei einer durchschnittlichen Körpergröße von 1,75 Meter zu Problemen geführt hat. Nicht nur die ehemalige deutsche Nationaltrainerin Silvia Neid stellte deshalb als DFB-Analystin fest, dass die Torfrauen bei der EM "besonders bei hohen Bällen" große Probleme hätten.

Timing, Sprungkraft, Stellungsspiel - diese Fähigkeiten bekommen für die Torhüterinnen wegen der veränderten taktischen Anforderungen einen höheren Stellenwert.



insgesamt 85 Beiträge
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spiletty 02.08.2017
1. Häme?
Das ist doch keine Häme im Frauenfußball, sondern ganz einfache Kritik wie es die Herren auch beim Fußball erfahren.
champagnero 02.08.2017
2. Und wo ist jetzt genau die Begründung?
Es ist und bleibt Slapstick, wenn bsplsweise die Dänin galant am Ball vorbeifaustet... Aber laut ZDF Kommentatorin ist sie ja auch "nicht ganz austrainiert..."
svempa 02.08.2017
3. Oder wie die Schwedin
Frau Lindahl, da hat ein eklatanter Stellungsfehler beim Freistoss zum Tor gefuehrt. Das passiert den Herren auch ab und zu mal.
coyote38 02.08.2017
4. Aha. Jetzt habe ich's verstanden. Danke.
Wenn die Torfrauen die einfachsten Bälle nicht festhalten können bzw. fallenlassen, an Flanken vorbeifausten oder beim (unnötigen) Versuch des sogenannten "Übergreifens" das Schüsschen aus halblinker Position ins eigene Netz "patschen", dann ist das nicht etwa "mangelnde Klasse" oder "spielerisches Unvermögen", sondern eine "taktische Änderung". Wir merken uns: Auch im Sport ist "frau" niemals für irgendetwas SELBST verantwortlich, auch wenn das Ergebnis ihrer Handlung noch so grottig ist. Gut, dass wir das noch einmal festgehalten haben.
CancunMM 02.08.2017
5.
ja was sind wir wieder pc. jetzt sind die systemänderungen schuld...warum kann man nicht einfach sagen, dass der frauenfussball qualitativ lichtjahre vom männerfußball entfernt ist.
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