Trends der EM Titel, Thesen, Treterinnen

Vieles war anders bei dieser Fußball-EM der Frauen - nicht nur, weil Seriensieger Deutschland früh ausschied. Lag es an der fehlenden Erfahrung von Steffi Jones? Gab es taktische Neuerungen?

Niederländische Frauenfußball-Nationalmannschaft
Getty Images

Niederländische Frauenfußball-Nationalmannschaft


Gescheiterte Favoritinnen, euphorische Gastgeber. Deutschland und Frankreich schieden früh aus, die Niederlande nutzen die Gelegenheit zum ersten Titel ihrer Geschichte. Mehr Teilnehmer denn je, eine größere taktische Vielfalt und viele knappe Duelle - was bleibt von der Europameisterschaft im Frauenfußball 2017? Welche Trends hat das Turnier gesetzt?

Erstmals haben 16 Teams die Endrunde einer Frauen-EM im Fußball ausgetragen. Eine unnütze Aufblähung des Turniers - oder eine spielerische Bereicherung? Vier statt drei Gruppen, das brachte nicht nur sechs weitere Vorrundenspiele, sondern auch Klarheit übers Weiterkommen. Die Ersten und Zweiten der Gruppe zogen ins Viertelfinale ein, auf Rechenkonstrukte wie "die zwei besten Dritten" konnte verzichtet werden.

Bedenken, die Vergrößerung des Teilnehmerfeldes könnte die Qualität der Endrunde verwässern, zerschlugen sich. Nicht jedes Spiel war eine Augenweide, das gilt allerdings auch für jedes Männerturnier. Mit Schottland, Österreich, Belgien, der Schweiz und Portugal gab es gleich fünf EM-Debütanten.

Und trotzdem hagelte es keine Kantersiege. Das 6:0 von England über Schottland blieb eine Ausnahme. Das Männerteam Brasiliens wird mit Blick auf das 1:7 im WM-Halbfinale 2014 bestätigen, dass sowas passieren kann. Pro Spiel wurden im Schnitt zwei Tore erzielt. Die Aufstockung trug somit vielmehr dem Umstand Rechnung, dass sich der Frauenfußball in immer mehr Ländern Stück für Stück professionalisiert.

Kleinigkeiten entschieden über Sieg und Niederlage, über Ausscheiden und Weiterkommen. Die Patzer der Torhüterinnen bleiben in Erinnerung. Auch die Art und Weise, wie England aus dem Turnier ging, verdeutlicht dies: Ein zu kurzer Rückpass, und aus einem knappen 0:1-Rückstand wurde ein scheinbar unüberwindliches 0:2 gegen den späteren Turniersieger Niederlande.

Zweikampfhärte als entscheidender Faktor?

Mit nur etwas mehr als sechs Fouls pro Spiel gehörten Deutschland und Spanien zu den fairsten Teams der EM. Ihr vergleichsweise frühes Turnieraus könnte zur These führen, dass beide Mannschaften die notwendige Härte in den Zweikämpfen hätten vermissen lassen. Das wäre jedoch zu kurz gesprungen.

Gutes Stellungsspiel macht Zweikämpfe oft überflüssig. Deutschland und Spanien hatten weit häufiger den Ball als ihre Gegner - und wer im Ballbesitz ist, kann kaum foulen. Island, Österreich, Belgien und Russland bremsten ihre Gegner durchschnittlich mehr als 15 Mal pro 90 Minuten auf unfaire Weise. Die zwei Finalisten Holland und Dänemark finden sich im Mittelfeld der Statistik wieder.

Taktische Variabilität

Die Vielfalt der Spielsysteme, die bei der EM zum Einsatz kam, ist beachtlich: Am häufigsten liefen die Teams in einem 4-3-3-Grundsystem auf, gefolgt vom klassischen 4-4-2 und dem Fixstern der Nullerjahre, dem 4-2-3-1. Die Formation sagt jedoch noch nicht viel aus über die dynamischen Rollenverteilungen auf dem Platz.

Mark Sampson setzte in jeder Partie auf ein 4-2-3-1, und dennoch war England eines der taktisch variantenreichsten Teams der EM. Die Three Lionesses konnten nach Belieben zwischen temporeichem Ballbesitzfußball und tieflauerndem Umschaltspiel wechseln, die Pressinglinie plötzlich nach vorne verschieben, das Tempo rausnehmen und zwischen den Spielen ohne Qualitätsverlust das Personal austauschen.

Fotostrecke

11  Bilder
Europameister Niederlande: Uhrwerk Oranje

Deutschland setzte dagegen ähnlich wie Portugal auf ein Rautensystem, ohne jemals Klarheit in die Aufgabenverteilung auf dem Feld zu bekommen. Die Niederlande fanden wiederum die Stärken ihrer Spielerinnen - technische Finesse im Zentrum, Tempo auf den Flanken - im 4-3-3 am besten zur Geltung gebracht und blieben dabei. Auch sie verstanden es, je nach Situation direkt in die Spitze zu spielen oder bei Bedarf den Ball im Mittelfeld laufen zu lassen. Gleich vier Teams probierten die Dreierkette aus, darunter mit Österreich und Island zwei EM-Neulinge.

Keine der taktischen Marschrouten war einer anderen per se überlegen, doch eines hat auch dieses Turnier wieder gezeigt: Ein klares, gut einstudiertes taktisches Gerüst kann fehlende individuelle Qualität einzelner Spielerinnen auffangen. Die Favoriten sind gefordert, neue Lösungen zu finden. Sechs Treffer im Finale zeigen, dass der Fußball keineswegs immer defensiver wird.

An der Zeit im Traineramt lag es nicht

Mit Blick auf Frankreich und Deutschland könnte man auf die Idee kommen, dass Teams, die erst seit weniger als einem Jahr mit ihren Cheftrainern zusammenarbeiten, im Nachteil waren. Beide Länder gehören zu den großen Nationen im Frauenfußball. Sowohl Steffi Jones als auch Olivier Echouafni traten ihr Amt im September vergangenen Jahres an. Echouafni hatte bereits als Trainer im Vereinsfußball gearbeitet, allerdings noch keinerlei Berührungspunkte mit dem Frauenfußball gehabt. Bei Steffi Jones verhielt es sich genau umgekehrt.

Steffi Jones
AFP

Steffi Jones

Beide schieden mit ihren Teams im Viertelfinale gegen Mannschaften aus, die ihnen auf dem Papier hätten unterlegen sein müssen. Frankreich unterlag England, das seit mehr als dreieinhalb Jahren von Mark Sampson betreut wird. Deutschland ging gegen Dänemark aus dem Turnier, dessen Geschicke seit knapp vier Jahren von Nils Nielsen gelenkt werden.

Wie lange die Trainer bzw. Trainerinnen bereits als Hauptverantwortliche mit ihren Nationalteams zusammenarbeiteten, war aber nicht ausschlaggebend für deren Abschneiden bei der EM. Sarina Wiegman übernahm erst im Dezember 2016 den Posten der Cheftrainerin der Niederlande und holte gleich mit ihrem Team den Titel.

Was Wiegman Erfolgsgeheimnis war? Sie kannte ihr Team in- und auswendig. Schon 2014 hatte sie für die Löwinnen das Scouting übernommen, war nach der WM 2015 in Kanada vorübergehend als Interimstrainerin eingesprungen und hatte unter Roger Reijners sowie dessen Nachfolger Arjan van der Laan den Assistenztrainerposten inne.

England ist das neue Frankreich

Frankreich hat sich den Ruf einer verlorenen Generation erarbeitet. Häufig das beste Team des Turniers, stets ungekrönt. Als Deutschland nach sechs EM-Titeln in Serie strauchelte, schien die Chance für die Französinnen gekommen.

Doch nicht etwa Frankreich löste Deutschland an der Spitze ab, sondern England löste Frankreich ab - als Unglücksrabe der EM. Dominant und ungefährdet schritten die Engländerinnen von Sieg zu Sieg und waren auch im Halbfinale gegen die Niederlande die bessere Mannschaft. Doch ein Tor wollte ihnen nicht gelingen. Jedenfalls nicht ins richtige Netz. So setzten sich die Gastgeberinnen mit einem 4:2-Finalsieg gegen Dänemark die Krone auf.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zaunreiter35 07.08.2017
1. Hmm...
Frau Lahr-Eigen, wenn ich das richtig sehe, schreiben Sie ja auch im Bayern-Blog und beschreiben sich als "Potsdamer Zugereiste". Und auf dem Weg nach Hamburg hätten Sie mal das Potsdamer Urgestein interviewen können, was er von dieser EM hält. Ich widerspreche mal im letzten Punkt: "England ist das neue Frankreich". Dem ist nicht so. Sie haben sich bei der WM 2015 die Bronzemedaille erarbeitet. Die haben schon was! La France, das schöne Spiel der goldenen Generation mit Necib, Abily, Franco, Bompastor hat 2011 (WM-Vierter), 2012 (Olympiavierter), 2013 (EM-Halbfinale), 2015 (WM-Viertelfinale) und jetzt 2017 (EM-Viertelfinale) zu keiner Medaille geführt. England hat seinen Angstgegner Frankreich nach endlosen 43 Jahren besiegt. Das Problem Frankreichs heißt Olympique Lyon. Da hat sich Monsieur Aulas eine Weltauswahl zusammengebastelt, PSG ebenfalls. Die dominieren die Liga nach Belieben. Dann treffen sie sich halt das dritte mal in der Saison im Finale des Coupe de France und dieses Jahr halt zusätzlich im CL-Endspiel. Wenn ich das weiß, dann ist mir auch klar, warum das Torwart- und Stellungsspiel einer Sara Bouhaddi, die das Jahr über wenig zu tun hat, in entscheidenden Spielen in der Natio Schwächen aufzeigt. Über ihr "laissez-faire", die so eine naive Unbekümmertheit ausstrahlt, reg ich mich jedes mal auf! Aber sie weiß halt auch, dass vor ihr eine Wendie Renard, eine Laura Georges, ihr da schon helfen. Ach...noch einige Anmerkung zu der taktischen Variabilität. Laut Dominik Thalhammer können die Frauen Austrias vier verschiedene Systeme spielen und auch mitten im Spiel umschalten. Die Niederlande - die saugen das 4-3-3 schon mit der Muttermilch auf. Ich hab heute irgendwo gelesen, dass Frau Wiegmann meinte, sie würden damit aufwachsen, weil das "holländische Natur" sei. Und wer eine Martens - Miedema - van de Sanden hat, der brauch sich keine Sorgen zu machen.
micheleyquem 07.08.2017
2. Die Antwort ist einfach: Frauen Fussball hat sich zurück entwickelt !
Es war generell ein grausames Gekicke, herausragend gerade in dieser Kategorie: die deutsche Mannschaft. Das war eine Zumutung ! Der Aufwand und die Kosten für die Zwangsgebühren-Zahler waren eine Beleidigung ! Das ganze Geld hätte man für die Förderung vom Möglichkeiten zum Fussballspielen von Kindern und Jugendlichen BEIDERLEI Geschlechts, ZUSAMMEN, benutzen sollen, so wie das weltweit üblich ist. Fussball spielen macht Spass, für beide Geschlechter. Es ist schlimm genug in welches Business der Männer Fussball ausgeartet ist, aber immerhin zeigen die Leistungen.. Es ist pervers solche Fussballerinnen als Profis zu bezahlen, die dann auch noch gleiche Bezahlung fordern. Das stinkt alles zum Himmel!
zaunreiter35 07.08.2017
3. Und auch für Sie gilt:
Zitat von micheleyquemEs war generell ein grausames Gekicke, herausragend gerade in dieser Kategorie: die deutsche Mannschaft. Das war eine Zumutung ! Der Aufwand und die Kosten für die Zwangsgebühren-Zahler waren eine Beleidigung ! Das ganze Geld hätte man für die Förderung vom Möglichkeiten zum Fussballspielen von Kindern und Jugendlichen BEIDERLEI Geschlechts, ZUSAMMEN, benutzen sollen, so wie das weltweit üblich ist. Fussball spielen macht Spass, für beide Geschlechter. Es ist schlimm genug in welches Business der Männer Fussball ausgeartet ist, aber immerhin zeigen die Leistungen.. Es ist pervers solche Fussballerinnen als Profis zu bezahlen, die dann auch noch gleiche Bezahlung fordern. Das stinkt alles zum Himmel!
Fernseher ausmachen, wenn es Sie quält. Ich fand es gut, dass alle Spiele auf ARD, ZDF, deren Online-Streams, ARD-One und Eurosport gezeigt worden sind. 1. Punkt: "Equal pay" - gleiche Bezahlung: Wenn ich mich recht erinnere ist das ein Anliegen des US-WNT. Weil die erfolgreicher sind als die Männer. Die US-Liga spart Geld ein, indem der Nationalspielerinnen-Pool von Kanada und der USA von den jeweiligen Föderationen bezahlt wird. Die Mannschaften der Liga haben einen Salary-Cap. Deutsche Forderungen sind das nicht! Die deutschen Frauen, und nicht nur die, haben noch einen zusätzlichen Beruf oder studieren nebenbei. Einer der Gründe ist, geerdet zu bleiben und nicht abzuheben. Und auch einen Beruf für die Zeit nach dem Fußball zu haben. Es gibt aber Spielerinnen, die sind Profis. Die wollen dann halt mehrere Jahre nur das tun, was auch männliche Fußballer ohnehin schon tun: Ihrem Hobby frönen, mit Leidenschaft - Passion! Und das dann auch für wesentlich weniger Geld als die Männer. 2. Punkt: "Ihre" Gebührengelder. Es gibt bestehende Verträge der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten mit dem DFB, der UEFA oder auf Weltniveau auch der FIFA. Diese beinhalten auch den Frauenfußball. Mir ist es wichtig, dass ich wenigstens Frauenfußball im Fernsehen schauen kann, ich finde den professionellen männlichen Fußball langweilig (Schauspielereien, Rudelbildungen, etc.). Wenn ich mir ein Theaterstück anschauen will, dann gehe ich in ein Schauspielhaus und nicht in ein Fußballstadion. Wenn es Ihnen wichtig ist, dann beschweren Sie sich bei den Zuschauerredaktionen von ARD und ZDF. Wenn nicht, dann lassen Sie es einfach bleiben.
aurichter 08.08.2017
4. Klasse !
Dank an zaunreiter35 für die Beiträge eins und drei. Auch der Wink mit dem Zaunpfahl aus Beitrag drei war mehr als angebracht. Eine Antwort darf man wohl nicht erwarten :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.