Frauen-WM Sommer ohne Märchen

In einem Monat beginnt die Frauenfußball-WM in Deutschland, doch die Resonanz ist verhalten: Für zahlreiche Partien gibt es noch Tickets, bei deutschen Testspielen bleiben Plätze leer. Die Verantwortlichen hoffen jetzt auf den "letzten Schub".

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Berlin - Bloß keine Vergleiche: Wenn die deutschen Fußball-Frauen etwas hassen, dann ist es, an ihren männlichen Kollegen gemessen zu werden. In den kommenden Wochen werden sie sich allerdings daran gewöhnen müssen, dass wieder munter Parallelen und Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball aufgezeigt werden. Am 26. Juni beginnt die Weltmeisterschaft im eigenen Land, am Freitag gibt Bundestrainerin Silvia Neid schon einmal ihren finalen Kader bekannt - und bereits jetzt spricht alle Welt in Bezug auf die Männer-WM 2006 vom neuen Sommermärchen.

Eine unfaire Analogie - der Frauenfußball ist noch weit entfernt von der globalen Massenfaszination, die das männliche Pendant ausübt. Vergleiche zwischen 2006 und 2011 können daher nur zum Nachteil der Frauen-WM ausfallen. Beim DFB weiß man das genau, dennoch wird aus Marketing-Gesichtspunkten eifrig das Bild vom "zweiten Sommermärchen" gezeichnet, das Wort wird in den offiziellen Pressemitteilungen des DFB regelmäßig strapaziert. Selbstverständlich, dass auch Bundespräsident Christian Wulff, Schirmherr der WM, bei jeder passenden Gelegenheit vom Sommermärchen spricht. Die offizielle Facebook-Seite der Frauen-Nationalmannschaft heißt "Sommermärchen reloaded".

Das Gegenteil von Märchen heißt Realität. Und dort hat die WM vier Wochen vor dem offiziellen Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Kanada noch ihre Schwierigkeiten, die gewünschte Begeisterung im Lande auszulösen. Tickets für die vermeintlich unattraktiveren Gruppenspiele sind immer noch in ausreichender Anzahl zu haben.

DFB ist sicher: "Die Begeisterung nimmt zu"

So hat vor allem der Standort Bochum noch seine Probleme, das Stadion voll zu bekommen. Im Ruhrgebiet werden vier Gruppenspiele ausgetragen, allesamt ohne deutsche Beteiligung und mit Teams, die keinen großen Glamour-Faktor haben. Das sind die Partien Japan gegen Neuseeland, Kanada gegen Frankreich, Australien gegen Äquatorial-Guinea und Nordkorea gegen Kolumbien.

Nach Aussage von Bochums lokalem WM-Koordinator Thomas Lumma waren zuletzt gut 30.000 Eintrittskarten für die vier Spiele verkauft - das ist nicht einmal die Hälfte des Kontingents. In Dresden sieht es für die Gruppenphase ähnlich aus, auch in Augsburg und Wolfsburg sind für die einzelnen Begegnungen noch genug Tickets zu haben. Steffi Jones, Chefin des Organisationskomitees (OK), die den Anspruch formuliert, "dass alle Spiele ausverkauft sein sollen", war denn auch zuletzt "nicht ganz zufrieden". Spezielle Gruppenangebote für Schulen sollen dafür sorgen, dass sich die Lücken schließen.

DFB-Koordinator Ulrich Wolter verweist dennoch unverdrossen darauf, dass man "voll im Plan" liege. "Die Begeisterung in Deutschland nimmt zu", ist Wolters Wahrnehmung, die "Vorfreude ist überall groß". Tatsächlich sind sämtliche Partien mit deutscher Beteiligung ausverkauft, beim ersten Spiel am 26. Juni gegen Kanada (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) werden gut 70.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion sein - so viel Publikum hatte ein Frauen-Länderspiel noch nie.

Als Gradmesser für eine grassierende WM-Stimmung taugen diese Zahlen allerdings nur bedingt. Beim ersten Vorbereitungstestspiel der deutschen Nationalelf am vergangenen Wochenende gegen WM-Teilnehmer Nordkorea verloren sich im Ingolstädter Stadion 8756 Zuschauer. Ein Drittel der mehr als 15.000 Plätze im Sportpark blieb leer, obwohl der Nachmittag als großes Familien-Fanfest konzipiert war.

Die Verantwortlichen an den insgesamt neun Spielorten hoffen jetzt "auf den letzten Schub", wie Wolter sagt. Die neuesten Zahlen zum Ticketing hat der DFB in dieser Woche bekanntgegeben: Gut 620.000 der 900.000 zur Verfügung stehenden Eintrittskarten sind demnach vergeben, Restkontingente sind sogar noch für Eröffnungsspiel und Finale zu haben. Zahlen, die OK-Chefin Jones "sehr erfreulich" nennt. Sie sei "sehr optimistisch, dass wir wirklich tolle Kulissen bei allen 32 Spielen der WM haben werden".

Im April hatte das Münchner Marktforschungsinstitut Marketagent Interesse und Wissen über die Frauen-WM abgefragt. Die Gruppe derjenigen, die überhaupt kein Interesse an der WM vorgaben, war dabei mit 11,7 Prozent fast so groß wie die derjenigen, die sich als sehr interessiert an dem Event zeigten. Bei den möglichen Titelfavoritinnen nannten viele Befragte hinter Deutschland auch die Teams aus Italien, Spanien und den Niederlanden, alles drei große Fußballnationen aus dem Männerbereich. Einziger Schönheitsfehler: Die drei sind bei der Frauen-WM überhaupt nicht dabei.



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geishapunk, 27.05.2011
1.
Bei uns in der Firma wurden Freikarten angeboten, gar nicht so wenige, sowohl für Gruppenspiele als auch für das Eröffnungsspiel, in einer ziemlich guten Kategorie. Es hat sich so gut wie niemand gefunden der Karten haben wollte und es wurde immer wieder die Werbetrommel gerührt das sich doch jemand finden soll. Wenn sie also schon so versuchen müssen die Plätze voll zu bekommen...
Madycrazy, 27.05.2011
2. ..
ähhm ja "Familientag" für knapp 2h 60€ (2 Erwachsene, 2 Kinder) berappen und das in der schlechtesten Kategorie (4) find ich schon ziemlich dreist für ein stink normales Gruppenspiel. Die Herrn und Damen beim DFB und ihrem Vermarkter sollten sich vielleicht mal überlegen was ihnen wichtiger ist, die Kohle oder das Prestige den WM Titel auch im eigenen Land mit Wahnsinns Fankulisse verteidigen zu können.
rodelaax 27.05.2011
3. Einen Hype ...
... kann man, auch wenn Werbemacher das glauben, nicht erzwingen. Der entsteht von selber oder gar nicht.
unifersahlscheni 27.05.2011
4. ...ich bin mir sicher...
...dass spätestens ab dem Eröffnungsspiel Deutschland im Fußball-WM-Fieber ist! Vielleicht noch nicht ganz genau so hoch wie bei den Männern, aber bestimmt zu 93,7 Prozent ungefähr, schätze ich mal...!
Knighter 27.05.2011
5. -
so langsam wird mir übel bei dem wort "sommermärchen" - ganz schön armseliges märchen, wenn zwei gruppen von deppen, die sonst nix können einem ball hinterher rennen. man sollte dieses märchen mal abends seinen kindern erzählen, die schlafen mit sicherheit schnell ein...und was die frauen-wm angeht - also was in der vergangenheit für ein trara gemacht wurde stellt sich also als mitleidsgeste heraus...tja, interessiert scheinbar nicht einmal eine größere anzahl der 40 mio. frauen in D...
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