EM-Triumph in Schweden Generation Neid

Der EM-Gewinn der DFB-Frauen ist eine persönliche Genugtuung für Bundestrainerin Silvia Neid. Nach der verpatzten Heim-WM 2011 war ihr Ruf angeknackst. Eine weitere Pleite hätte sie wohl das Amt gekostet. Aber Neid und ihr Team bewiesen eindrucksvoll, dass sie mit Druck umgehen können.

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Es kann kein Zufall sein, dass die Königin von Schweden Silvia heißt. Die Bundestrainerin hat sich bei der Europameisterschaft in dem skandinavischen Land in jedem Fall ebenfalls gekrönt. Silvia Neid war als Trainerin schon Weltmeisterin mit Deutschland, dennoch hatten ihr vor der EM die wenigsten zugetraut, dass sie diese relativ unerfahrene Mannschaft zum Titel führen würde. Sie hat es geschafft.

Für Neid ist der Finalerfolg über Norwegen eine persönliche Genugtuung - die sie dringend gebraucht hat.

Bis vor zwei Jahren galt Neid als unantastbar beim DFB. Nach dem WM-Erfolg 2007, nach dem EM-Erfolg 2009 gab es außer ihrem ewigen Widersacher Bernd Schröder, dem knorrigen Trainer von Turbine Potsdam, niemanden, der an den Fähigkeiten der 49-Jährigen gezweifelt hätte. Zudem stand sie unter dem besonderen Schutz des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der der Förderung des Frauenfußballs höchste Priorität eingeräumt hatte.

Die Pleite bei der Heim-WM hing ihr zwei Jahre lang nach

Dann kam die Weltmeisterschaft im eigenen Land, und alles wurde anders.

Die Heim-WM sollte so etwas wie der persönliche Triumphzug Neids werden. Zwanziger hatte noch in der Woche vor dem WM-Beginn den Vertrag mit der Trainerin verlängert, ein ganzes Land guckte plötzlich Frauenfußball. Jeder kannte Birgit Prinz, Fatmire Bajramaj, Kim Kulig. Jeder kannte Silvia Neid. Für Team und Trainerin war das eine Nummer zu groß. Das Aus im Viertelfinale gegen Japan, gleichbedeutend mit dem Verfehlen der Olympia-Teilnahme 2012, läutete den ganz großen Katzenjammer ein.

Plötzlich fiel der Öffentlichkeit auf, dass Neid auf Kritik dünnhäutig reagiert, man attestierte ihr eine gewisse Arroganz und eine daraus resultierende Beratungsresistenz. Und Bernd Schröder wurde ein beliebter Interviewpartner.

Neid reagierte, wie man es von ihr erwartete: dünnhäutig. Zudem hatte sich Zwanziger, ihr Schutzpatron beim DFB, aus dem Amt zurückgezogen. Der Neue, Wolfgang Niersbach, lenkte seinen Blick weg auf die Premiummarke Männer-Nationalmannschaft.

Der Misserfolg von 2011 hat Neid zwei Jahre später begleitet. Ein frühes Scheitern bei der EM in Schweden - und Neid wäre wohl kaum noch haltbar gewesen. Es hat bis zu dieser Europameisterschaft gedauert, bis das Team beweisen konnte, dass die WM-Niederlage gegen Japan ein Betriebsunfall war, gespeist aus dem Erwartungsdruck und den eigenen überhöhten Ansprüchen. Neid und die Mannschaft mussten erst das Verlieren lernen, um jetzt wieder gewinnen zu können.

Spielerinnen haben Verantwortung übernommen

"Dieser Titel ist so außergewöhnlich schön, weil man es uns und unseren jungen Spielerinnen nicht zugetraut hat", sagte Neid nach dem 1:0-Finalerfolg über die Norwegerinnen. Im Vorfeld des Turniers musste sie im Wochentakt verletzungsbedingte Absagen von Schlüsselspielerinnen entgegennehmen: Besonders die Ausfälle von Linda Bresonik, Babett Peter und Kim Kulig haben geschmerzt - alle drei spielten in Neids Planungen eine zentrale Rolle.

Die Trainerin hat es danach jedoch hinbekommen, Verantwortung umzuverteilen. Die erfahrenen Akteurinnen wie die überragende Torfrau Nadine Angerer, Abwehrchefin Annike Krahn oder Mittelfeld-Kämpferin Simone Laudehr haben die Herausforderung angenommen: die Jungen zu integrieren und gleichzeitig die eigene Mission Wiedergutmachung voranzutreiben. Das ist im Verlauf der EM gelungen - vom tor- und trostlosen Rumpelstart gegen die Niederlande bis zu den starken Auftritten im Halbfinale und im Endspiel gegen Schweden und Norwegen. Neid hat das alte Bild von der Turniermannschaft Deutschland wieder aufpoliert.

Neid hat gesagt: "Die Freude über diesen EM-Gewinn kommt aus dem Herzen." Als Spielerin und Trainerin hat sie vier EM- und einen WM-Titel gesammelt. Nicht viele können eine solche Bilanz vorweisen. Aber der Sieg von Stockholm war für die Bundestrainerin ihr bislang wichtigster Erfolg.

Lena Lotzen, 19 Jahre jung, Jennifer Cramer, 20 Jahre, Leonie Maier, 20 Jahre, Dzsenifer Marozsan, 21 Jahre - dazu Spielerinnen im besten Fußballalter wie Celia Okoyino da Mbabi oder Nadine Keßler: Der deutsche Frauenfußball hat den Generationswechsel, der genau in die Zeit der Heim-WM fiel, erfolgreich vollzogen. Die nächsten Jahre können wieder goldene Jahre für die DFB-Frauen werden. Das hat jetzt auch Niersbach erkannt, der bei den Feierlichkeiten nach dem EM-Sieg ganz vorne dabei war.

Erfolge sind immer noch das beste Rezept gewesen, um beim DFB Wirkung zu erzielen.

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Radler 29.07.2013
1. Abwarten
Ob Frau Neid und ihrem Kluengel der Umbruch gelungen ist, wird sich erst noch zeigen. Noch sind fuehrungsstarke Spielerinnen zur Hand. Warum eine Celia Okoyino da Mbabi so gelobt wird ist fraglich, da sie zweifelsohne die Koenigin der Fehlpaesse ist. Was fuer eine schwache Spielerin sie ist, hat sich gezeigt, als im Halbfinale Anja Mittag endlich von Beginn an spielen durfte - ploetzlich war Feuer und Dynamik im deutschen Spiel. Dass Celia Okoyino da Mbabi viele Tore gegen schwache Mannschaften schiesst ist keine Errungenschaft, gegen starke Teams sieht sie sehr klaeglich aus, Im EM Finale war sie farblos und schwach, die angebliche Weltklasse Stuermerin. Wenn Spielerinnen wie Krahn, Laudehr, Mittag und Angerer nicht mehr da sind, dann wird sich zeigen, was Frau Neid wirklich kann. Aber es gibt ein Plus, was man ihr bei dieser EM geben muss! Sie hat diesmal keine Spielerin so veraechtlich und niedertraechtig gemoppt, wie Birgit PRinz bei der WM 2011.
lady_amanda 29.07.2013
2. Neid
Sylvia Neid hat tatsächlich große Erfolge gefeiert, dennoch denke ich, das sie nicht in der Lage ist dem deutschen Team beim nächsten Schritt zu helfen. Wenn ich mir die Fortschritte der anderen Mannschaften ansehe, muss ich sagen, dass diese zumeist besser geschult waren, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu übertünchen, siehe Norwegen, die lediglich mit langen Bällen in die Spitze spielen und ansonsten verdichten. Das hat sie bis ins Finale gebracht, obwohl andere Teams technisch um einiges weiter sind. Ich denke, es braucht neues Blut in der Trainerriege. Dennoch große Anerkennung und Hochachtung für bisher geleistetes.
tiit 29.07.2013
3. Da hat
aber noch eine Menge Nachholbedarf. Alle sprechen von Jogi und seiner Supermannschaft, die aber bisher nichts gewonnen hat! Silvia Neid ist die erfolgreichste Trainerin des DFB. Ob "Jogi" da noch heranreichen wird? Aber bei den Männern reicht schon ein einziger Titel, um "König" zu werden...bisher ist jedoch "Jogi" immer nur der ewige "Prinz" :-)
BSC 29.07.2013
4. Frauenfußball
...muss nicht jeder mögen, die Dynamik ist mit den Herren nicht zu vergleichen. Aber Jogi Löw und seine Truppe können sich eine Menge von den Frauen abschauen, wie es gemacht wird. Wenn es drauf ankommt, waren die Frauen da, mit viel Willen und Leidenschaft zum Sieg. Am Ende zählt der Titel, nicht das schöne Spiel. Respekt und Glückwunsch dafür!
tomkey 29.07.2013
5. Trotz des Titel müssen Fragen gestellt werden (dürfen)
Das Vorrundengewurschtel war wirklich schrecklich, das meinen ja sogar die Spielerinnen selber. Gegen Schweden sah 30 starke Minuten und sonst viel großartigen Kampf. Trotz des tollen EM-Titels frage ich mich, wie es nun weitergehen wird. Nach der WM vor 2 Jahren fragten sich viele Frauenfußballfans, ob Frau Neid noch die richtige Trainerin ist. Ich auch. Durch den Titelgewinn in Schweden sollte jetzt eigentlich keine Fragen bezüglich Frau Neid aufkommen. Ich tue es trotzdem. Ist sie noch die Trainerin, die uns weiter bringt? Ich sehe da einigen Schatten, aber auch Licht. Das Verhältnis Trainer/Team scheint ja intakt zu sein. Die Einbindung junger Spielerinnen ebenfalls, teils gezwungenermaßen (Verletzungen), teils selbst gewollt (Nichtberücksichtigung). Letzteres sollte mal hinterfragt werden, sind doch einige dieser nicht nominierten Spielerinnen durchaus in der Lage, das dt. Team zu verbessern (z.Bsp. Pohlers). Taktisch wurden ebenfalls keine Akzente gesetzt. Mbabi als alleinige durchschlagende Stürmerin, die viel mit Präsenz und wucht macht, ist mir ein bißchen wenig, mehr Variationen sollten doch möglich sein, siehe Mittag. Kann Deutschland eigentlich eine Dreierkette in der Abwehr, insgesamt ein anderes System? Ich sah immer nur eine 4-5-1 Aufstellung, überraschendes für den Gegner ist was anderes. Technische Mängel waren auch viele zu sehen. Woran liegt oder lag das? Vor 2 Jahren zur WM war das deutsche Team nicht besser, aber auch nicht schlechter. Irgendwie treten wir auf der Stelle. Warum? Will Frau bei der nächsten WM wieder böse aufwachen wie vor 2 Jahren (wo ja nichtmal Olympia-Quali geschafft wurde!)?
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