Frauenfußball-WM Das Gras? Kannst du in der Pfeife rauchen

Vor der Fußball-WM der Frauen in Kanada wird bisher fast nur über den umstrittenen Kunstrasen geredet. Die sportlichen Aussichten geraten dabei in den Hintergrund. Dabei gäbe es auch dort Gesprächsbedarf.

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DPA

Was bringt das neue Jahr? Welche Menschen und Themen werden 2015 wichtig? Das erklären wir in dieser Serie.


Im Tennissport entscheidet der Belag häufig über Erfolg und Misserfolg. Die einen bevorzugen die langsamen Sandplätze für ihr Grundlinienspiel, andere lieben den schnellen Hartplatz, auf dem sie ihre Aufschlagstärke einsetzen können. Im Fußball ist die Belagfrage dagegen bislang eher zweitrangig, wenn nicht gerade Fritz-Walter-Wetter und ein Wolkenbruch den Boden schwer machen.

Bei der Fußball-WM der Frauen im kommenden Sommer (6. Juni bis 5. Juli) wird das anders ein. Der Unmut unter den Spielerinnen über die in Kanada zu bespielenden Kunstrasenplätze ist mittlerweile so groß, dass er das Sportliche dieses fußballerischen Großereignisses komplett überlagert. Der Streit beschäftigt inzwischen die Gerichte. Eine Klage von 61 Spielerinnen gegen den Kunstrasen ist anhängig. Die Fifa ist allerdings bislang in keiner Weise bereit, von ihrem Konzept abzurücken.

Die Liste der Klagenden liest sich wie ein Who's who des Weltfußballs. Deutschlands Torfrau Nadine Angerer ist ebenso dabei wie US-Star Abby Wambach. Abgesehen von dem "fehlenden Gefühl, das Gras unter den Füßen zu spüren", wie es DFB-Angreiferin Celia Sasic ausdrückt, fühlen sich die Frauen auch vom Weltverband diskriminiert. Bei den Männern ist bislang niemand auf die Idee gekommen, die großen Turniere auf künstlichem Geläuf auszuspielen.

"Fehlender Respekt gegenüber uns Athletinnen"

"Das zeugt von fehlendem Respekt gegenüber uns Athletinnen", sagte Nationalspielerin Pauline Bremer SPIEGEL ONLINE. Fifa-Chef Joseph Blatter hält Kunstrasen dagegen für die Zukunft des Fußballs. Die mal eben an den Frauen ausgetestet werden soll.

Immerhin: Die favorisierten Teams aus Japan, den USA, Frankreich, Schweden, Brasilien oder Deutschland hätten am Ende zumindest eine Ausrede parat, wenn aus dem angepeilten Titel nichts werden sollte. Dass der Weltmeister aus dem Kreis dieser sechs Mannschaften kommt, ist unter den Experten ziemlich unstrittig. Gastgeber Kanada werden höchstens Außenseiterchancen eingeräumt.

Das DFB-Team als amtierender Europameister gehört natürlich zu den Titelanwärtern. Die Enttäuschungen der Heim-WM scheinen überwunden, Probleme tun sich im Team von Bundestrainerin Silvia Neid dennoch auf. Und die sollten dem DFB vielleicht noch größere Sorgen bereiten als die Frage, ob der Rasen echt oder künstlich ist.

Defizite vor allem bei Ballbesitzfußball

Beim Testspiel im Oktober gegen Frankreich (0:2) offenbarte das deutsche Team bemerkenswerte Defizite, vor allem dann, wenn es galt, mit viel Ballbesitz den Gegner zu dominieren. Frankreich mit seinen Spielerinnen vom mehrfachen Champions-League-Gewinner Olympique Lyon ist kein leichter Gegner, dennoch war der Unterschied augenfällig, wie gezielt die Französinnen kombinierten und wie schwer sich im Gegenzug dazu die Neid-Elf tat.

Hier wird die Bundestrainerin ansetzen müssen, allerdings war das auch schon eine Schwäche, die 2011 bei der WM vor heimischer Kulisse zutage getreten war. Deutschland hat ein starkes Mittelfeld mit der Wolfsburgerin Nadine Keßler an der Spitze, sie hat mit Sasic eine der treffsichersten Stürmerinnen der Welt, mit Angerer die aktuelle Weltfußballerin im Tor - trotzdem: Die USA, Frankreich, auch der Titelverteidiger Japan werden dem deutschen Team alles abverlangen.

Das kann man von den Vorrundengegnerinnen beileibe nicht behaupten. Thailand und die Elfenbeinküste, die ersten beiden Teams, auf die die Neid-Elf bei der WM treffen wird, sind keine Prüfsteine. Der dritte Gruppengegner Norwegen ist zwar Vizeeuropameister, Chancen auf den Titel traut man ihnen aber nicht zu. Ein Vordringen ins Achtelfinale, erstmals ausgetragen bei einer Frauen-WM, ist absolute Pflicht, alles andere nicht vorstellbar.

Der Streit über den Rasen wird bis dahin entschieden sein. Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke hat schon zugesichert, bei der WM 2019 werde in jedem Fall wieder auf echtem Grün gespielt - was die Argumentation der Fifa, Kunstrasen sei die Zukunft, auch ins Absurde führt.

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stranzjoseffrauss 25.12.2014
1. Gruppenphase ist ein Witz
da kommt fast jeder weiter (16 von 24 Teams). Einschalten lohnt sich frühestens ab dem Achtelfinale.
Marut 25.12.2014
2. Konsequenzen
Ändern wird sich da nix mehr. Einmal läßt sich die Fifa sowieso nicht reinreden und im Zweifel geht es garnicht darum, wer recht hat, sondern es geht um die Machtfrage. Der Fifa hat man nicht zu wiedersprechen - und die Frauen schonmal garnicht. Diese in Blatters Augen Sportler 2ter Klasse wagen es, dem Fußballgott zu widersprechen - wo kommen wir denn da hin. Wenn die Frauen es ernst nehmen, dann sollten sie sich überlegen, ob ein Boykott nicht angebracht wäre. Wenn sie dann nach ein bißchen Protest doch brav antanzen, dann hat Blatter wieder recht behalten und sein Weltbild zu Frauen ist wieder bestätigt.
mongolord 25.12.2014
3. intressiert sich eh kein Mensch für...
Hier in Europa interessiert sich doch eh keiner für Frauenfussball, nicht mal die Frauen selbst. Die meisten Mannschaften sind so schlecht, dass das aufm Rasen wirklich nur mit viel Phantasie als Fussball durchgeht. Und das Gejammer von wegen KunstRasen ist lächerlich, bei Spielerinnen die von den technischen Möglichkeiten wohl bei Männern irgendwo in der Regionalliga spielen würden. Und nein Frauensportarten mache ich nicht per se runter. Ich guck gerne die Skisportarten bei Frauen etc. Aber wenn ich die meisten Frauen Fussball spielen seh, fühl ich fast körperliche Schmerzen. Eine Marta spielt guten Fussball, aber die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen halten da nichtmal ansatzweise mit.
jujo 25.12.2014
4. ...
Ich verstehe die Sportler auch nicht, warum üben sie nicht die einzige Machtkarte welche sie haben nicht aus, sich dem Ansinnen der Funktionärsmafia zu verweigern und zu sagen, so nicht, spielt ohne uns! Ob es die kommende Handball WM ist oder die Fußball WM in Qatar. Die Nationalverbände sind da aber ebenso in der Pflicht ihre Sportler zu unterstützen. Mir fällt z.Z. nur Robert Hartung ein, der seinen Mund aufmacht und von Journalisten(!) zu Recht zum Sportler des Jahres gewählt wurde, Würde die Funktionärsmafia die Sportler wählen, könnte er lange auf eine Wahl warten, er wäre nicht mal nominiert!
otelago 25.12.2014
5. Frauenfussball
Da gibt es eine komische Allianz zwischen Feministinnen und im echten Fussball gescheiterten Trainern und Funktionären, die diese Randsporart unbedingt gegen jedes Interesse in die Schlagzeilen hieven wollen.
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