Fredi Bobic Gewinner in der Niederlage

Die deutsche Nationalelf musste sich beim letzten Länderspiel des Jahres den kühl bis ans Herz spielenden Holländern geschlagen geben. Doch die Niederlage gegen den Erzrivalen macht mehr Hoffnung auf schönen Fußball "made in Germany" als der Vizweltmeistertitel. Neben Bernd Schneider wusste insbesondere Rückkehrer Fredi Bobic zu gefallen.

Von Andreas Kötter


Gelungenes Comeback: Torschütze Fredi Bobic (r.)
DPA

Gelungenes Comeback: Torschütze Fredi Bobic (r.)

Gelsenkirchen - Niederlagen schmerzen. Und solche gegen Lieblingsfeinde tun sogar ganz besonders arg weh. Dass sich Schmerz und Trauer nach der 1:3 (1:1)-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen das holländische Offensiv- und Kreativ-Ensemble dennoch allerseits und auch zurecht in Grenzen halten, ist einer verblüffenden Erkenntnis geschuldet. Einer Erkenntnis, von der trotz der erfolgreichen WM in Asien wohl selbst die kühnsten deutschen Fußball-Optimisten nicht geträumt haben dürften. Seit Mittwochabend steht fest: Die Elf von Rudi Völler kann wirklich Fußball spielen, wobei die Betonung ganz deutlich auf "spielen" liegt.

Gegen die "Oranjes" zeigten Bobic, Schneider und Co. kreative Einlagen, wie sie sonst höchstens die Brasilianer oder eben die Niederländer selbst zelebrieren. An ein überdimensionales Schachbrett sah sich der Tribünengast erinnert, auf dem sich die Gegner mit taktischen Manövern versuchen zu täuschen. Oder auch an eine fein inszenierte Choreographie, die ihr Ensemble immer aufs Neue in einem anderen bunten Reigen erscheinen lässt.

Beide Teams in der "Arena auf Schalke" boten modernen Fußball auf hohem Niveau, die Holländer mit ihren Superstars Patrick Kluivert, Clarence Seedorf und Edgar Davids individuell sicherlich einen Tick filigraner, die Deutschen als geschlossenes Kollektiv, dessen Mitglieder in der Vorwärtsbewegung mit ihren Laufwegen und Pässen immer wieder die überraschendsten geometrischen Figuren auf den Rasen zeichneten. So schön war das stellenweise anzuschauen, dass man sogar gewillt war, über die bisweilen haarsträubenden Versäumnisse in der Rückwärtsbewegung hinweg zu sehen, die schließlich auch zu den drei Gegentoren und der Niederlage führten.

Rudi Völler sah das wohl ähnlich, schließlich dürfte sein Fazit bei einer Niederlage nur selten so versöhnlich ausgefallen sein wie diesmal. "Ich bin überhaupt nicht enttäuscht, wie wir heute gespielt haben, denn wir konnten auch spielerisch Akzente setzen", so der Teamchef. Vor allem zwei Spieler waren es, die Völler bei Laune hielten. Zum einen der Leverkusener Schneider, der in der Nationalmannschaft, wie auch im Club, immer mehr zum Spielmacher reift. Schneider trickste hier und grätschte dort, schlug die Ecken und zirkelte die Freistöße. Und wenn er im Mittelkreis stehend bemerkte, dass Edwin Van der Sar zu weit vor seinem Tor stand, dann wagte Schneider auch einen Lob über 50 Meter.

Gute Verlierer: Die deutschen Nationalspieler nach dem Abpfiff
DPA

Gute Verlierer: Die deutschen Nationalspieler nach dem Abpfiff

Faszinierend ist es, Schneider gerade dann zu beobachten, wenn es eng wird für ihn, wenn plötzlich drei, vier Gegner um ihn herum sind und der Weg zum gegnerischen Tor verschlossen scheint. Nicht wenige verlieren dann den Kopf, damit gleich auch den Ball und manchmal auch noch das Spiel. Nicht so Schneider, der fast immer eine Lösung findet und noch aus der Bedrängnis heraus den öffnenden Pass spielen kann, weil er den Kopf stets oben trägt.

Kein Wunder also, dass es gerade Schneider war, der mit einer präzisen Freistoßflanke die Stirn von Fredi Bobic suchte und so dessen spektakuläres Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 ermöglichte. Bobic ist der andere deutsche Spieler, der sich ebenfalls als Gewinner in der Niederlage fühlen darf. Umso mehr, als seine späte Nachnominierung in einer Form über die Bühne ging, die weder ihn noch den Teamchef beschädigt hat.

Blenden wir zurück: Als Rudi Völler vor wenigen Wochen im Courtyard-Hotel zu Hannover im Vorfeld des EM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer Inseln mit einigen Journalisten bei einer Tasse Kaffee zusammen saß, da kam die Rede auch auf Fredi Bobic. Schließlich war die Sturmmisere der Nationalmannschaft schon damals Völlers größtes Problem, und Bobic hatte sich durch seine Tore für Hannover 96 durchaus schon als Alternative angeboten. Der Teamchef sprach zwar dann in der Runde auch großes Lob für den Europameister von 1996 aus, gab sich aber ansonsten mit dem Verweis auf die fehlende Langzeitperspektive in Blick auf die WM 2006 eher wortkarg. Bis ihm mit einem Mal das alte deutsche Sprichwort entfuhr vom "Teufel, der immer dann auftaucht, wenn man vom ihn spricht".

Fredi Bobic stand plötzlich am Tisch, grüßte mit einem "Hallo, wie geht's" freundlich in die Runde und warf Völler noch ein "Ich lass' mich beim Spiel mal sehen" zu. Gemüter, die gerne an Übernatürliches glauben, wähnten das schon damals als eine Art höheres Zeichen für Bobics Rückkehr in die Nationalmannschaft. Dabei hatte die Szene einen ganz irdischen Grund. Bobic wohnt in Hannover immer noch Hotel und eben just in dem, das der DFB für die Pressekonferenz vor dem Faröer-Spiel auserkoren hatte.

Überragend: Fredi Bobic (M.) springt höher als "Oranje"-Kapitän Frank de Boer
AP

Überragend: Fredi Bobic (M.) springt höher als "Oranje"-Kapitän Frank de Boer

Völler blieb dann auch hart, als die Nominierung des Kaders für das Niederlande-Spiel anstand, und Bobic somit draußen aus dem Kreis der Nationalmannschaft. Für viele Kritiker unverständlich hielt der Teamchef trotz des ständig steigenden Drucks der Medien fast schon trotzig an Carsten Jancker fest. Einerseits wohl aus der Überzeugung heraus mit Jancker über einen stets fleißigen Stürmer zu verfügen, der auch "nach hinten" Arbeit verrichtet, andererseits vielleicht auch um seinen Spielern zu zeigen, dass er nicht gewillt ist, sich diesem Druck zu beugen.

Je öfter Bobic aber in der Bundesliga traf, desto größer wurde der Druck auf den Teamchef. Umso mehr muss Anfang dieser Woche die verletzungsbedingte Absage von Jancker dem Teamchef vielleicht doch - im Gegensatz zu Bobics Auftauchen im Hotel in Hannover - wie ein Zeichen des Himmels vorgekommen sein. Und dass es Völler in guter, alter Adenauer-Manier offensichtlich so leicht fiel, seine ursprüngliche Entscheidung gegen Bobic zu revidieren (dem er nach eigenen Worten allerdings sowieso Hoffnung auf ein Comeback im nächsten Jahr gemacht hatte), das dürfte neben der tollen Form des Stürmers wohl auch daran gelegen haben, dass Bobic selbst die aufgeregte, öffentliche Debatte weitgehend still und leise betrachtet hatte.

Wenn er in einem Interview die Nationalmannschaft mit einem "Bonbon, einer Süßigkeit" verglich, "die kleine Kinder kriegen, wenn sie etwas Tolles gemacht haben", dann bedeutete das schon den Gipfel seiner Selbstanpreisung. Bobic sagt von sich "ich kenne die Mechanismen" und deshalb besteht seine PR in eigener Sache heute ausschließlich aus Toren. Der möglichen Versuchung, sich über die Presse in die Nationalmannschaft hinein reden zu wollen, hat er klug widerstanden. Bobic hat "die Klappe gehalten" und wollte auch in der Nachnominierung keinen Makel erkennen. "Das ist im Fußball so, einer verletzt sich, und einer anderer rückt dann nach, warum sollte ich deshalb ein schlechtes Gefühl haben", so der 31jährige.

Genau das dürfte Völler gut gefallen haben, umso mehr als er weiß, dass Bobic auch anders kann. So hatte der Stürmer noch zu seiner Stuttgarter Zeit durchaus Geschick in der Kunst des "Politikmachens" erkennen lassen. Der damalige VFB- und heutige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und der damalige VFB-Coach Winfried Schäfer, der nun die Kameruner Löwen zu zähmen versucht, werden sich nicht allzu gerne an diese Zeit erinnern. Der Abend in der "Arena auf Schalke" aber hat deutlich aufgezeigt, dass die Nationalmannschaft einen wie Bobic auch in der Zukunft gut gebrauchen kann.

Der Hannoveraner war immer anspielbar, "heiß" auf den Ball, sorgte stets für Gefahr. Und in dem Augenblick, in dem er das Feld verließ verpufften die Flanken von außen nahezu bedeutungslos: Niemand war mehr da, der auf diese Flanken gewartet hätte. Bobic reißt eine Mannschaft mit, er lebt Fußball und die Fans kaufen ihm das auch ab. Als er zur neuen Saison nach einem Gastspiel bei den Bolton Wanderers wieder zurück zur Dortmunder Borussia kehrte, wo man ihn klipp und klar für überflüssig erklärte, muss der Schwabe darunter arg gelitten haben.

Wie sehr, das weiß wohl niemand besser als Christian Hochstätter, Manager bei Borussia Mönchengladbach. Denn Bobic hätte für einen Wechsel zum Bökelberg Gehaltseinbußen von bis zu 75 Prozent in Kauf genommen, "etwas, was ich bei einem Profi in dieser Form noch nicht erlebt habe", so Hochstätter. Der Wechsel platzte dennoch - wegen der Ablöseforderungen der Dortmunder - und Bobic landete schließlich beim Tabellenletzten Hannover 96. Und damit auch wieder im DFB-Dress. Mit seinen Toren scheint er nicht nur seinen Club vor dem Abstieg zu retten, sondern auch seine Karriere vor dem Abstellgleis. Spätestens seit seinem Ausgleichstor gegen die "Oranjes" fährt der Bobic-Express wieder auf der Hauptstrecke - möglicherweise sogar bis zur WM 2006.


Deutschland - Niederlande 1:3 (1:1)
0:1 Kluivert (22.)
1:1 Bobic (34.)
1:2 Hasselbaink (69.)
1:3 van Nistelrooy (79.)
Deutschland: Kahn (Bayern München/56 Länderspiele) - Rehmer (Hertha BSC Berlin/30), Baumann (Werder Bremen/13), Friedrich (Hertha BSC/4) - Frings (Borussia Dortmund/19), Jeremies (Bayern München/45) ab 46. Kehl (Borussia Dortmund/14), Ballack (Bayern München/32), Böhme (Schalke 04/8) ab 78. Neuville (Bayer Leverkusen/39)- Schneider (Bayer Leverkusen/21) - Bobic (Hannover 96/20) ab 68. Asamoah (Schalke 04/17), Klose (1. FC Kaiserslautern/24) ab 46. Freier/VfL Bochum (23/5)
Niederlande: van der Sar (FC Fulham/70) - Ricksen (Glasgow Rangers/8), Stam (Lazio Rom/48), F. de Boer (FC Barcelona/98) ab 46. van der Vaart (Ajax Amsterdam/3), Zenden (FC Chelsea/40) - Seedorf (AC Mailand/61), Bosvelt (Feyenoord Rotterdam/15), Cocu (FC Barcelona/65) ab 46. Reiziger (FC Barcelona/56), Davids (Juventus Turin/50) - Makaay (Deportivo La Coruna/20) ab 65. Hasselbaink (FC Chelsea/22), Kluivert (FC Barcelona/64) ab 46. van Nistelrooy (Manchester United /20)
Schiedsrichter: Dallas (Schottland)
Zuschauer: 60.601 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - / Reiziger



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.