Frage: Herr Streich, das Fantransparent, das aus dem Freiburger Mannschaftshotel hängt, scheint Ihnen nicht zu gefallen. Was stört Sie am Slogan "Es gibt nur einen Christian Streich"? Dass Sie zu sehr in den Vordergrund gerückt werden?
Streich: Ich bin jetzt eine öffentliche Person. Das wollte ich nie sein, und deshalb wollte ich diesen Job ursprünglich nicht machen. Doch ich bin nicht naiv, und es ist, wie es ist. Ich werde dafür bezahlt und fertig.
Frage: Für das, was Ihnen gerade widerfährt, gibt es zwei Gründe: zum einen die sehr erfolgreiche Rückrunde des SC Freiburg, zum anderen die Tatsache, dass alle Welt auf Sie als Typ abfährt. Ist es das, was eigentlich nervt?
Streich: Nö, das ist das Angenehme. Aber man hat oft das Gefühl, nur eine Reproduktionsfläche zu sein, eine Hülle. Nehmen wir zum Beispiel Gespräche mit Journalisten. Ich habe keine Lust, irgendwelchen Kram zu reden, also erzähle ich echte Geschichten. Mittlerweile weiß ich manchmal nicht, was ich noch erzählen soll. Ich erlebe ja außerhalb des Fußballs nichts mehr.
Frage: Hat sich Ihr Freizeitverhalten verändert? Früher sollen Sie Stammgast eines Freiburger Musikclubs gewesen sein.
Streich: Es stand ja bereits in der Zeitung, dass ich dort hingehe. Darauf habe ich zum Besitzer gesagt: "Du findest das wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Aber vielleicht ziehst du damit eine Klientel an, die dir nicht so gut gefällt. Und ich komme jetzt leider nicht mehr."
Frage: Warum nicht?
Streich: Weil ich den ganzen Tag über Fußball rede. Das muss nicht auch noch sein, wenn ich in der Kneipe bei einem Bier sitze. Es ließe sich in der jetzigen Situation aber kaum vermeiden. Dabei bin ich noch der gleiche Mensch und Fußballtrainer wie vorher. Ich arbeite ja jetzt nicht anders.
Frage: Nachdem Sie Ihre aktive Karriere beim Freiburger FC und den Stuttgarter Kickers begonnen hatten, kamen Sie 1987 als Spieler zum SC Freiburg. Das war aber noch ein anderer Verein als der SC, den wir heute kennen, oder?
Streich: Es war unvorstellbar. Präsident Stocker hat damals seine Kaffeemaschine von zu Hause zum Spiel mitgebracht und für die zwei Leute, die darüber geschrieben haben, Kaffee gekocht. Danach hat er drei Stunden die Straße gekehrt und die Maschine wieder mitgenommen.
Frage: Wer war der talentierteste Spieler, den Sie je trainiert haben?
Streich: Das kann ich nicht sagen, es ist aber auch nicht so wichtig. Talent macht höchstens 15 Prozent des Gesamten aus. Hinzukommen genetische und physische Voraussetzungen, aber auch andere Sachen wie Fleiß und Empathie. Spieler wie Ömer Toprak und Tobias Willi haben sich dadurch ausgezeichnet, dass sie auch für die Reservisten der A2-Jugend noch Interesse aufgebracht haben. Das sind in der Regel die Jungs, die es bei uns weit bringen.
Frage: Der SC Freiburg betreibt seine Fußballschule doch auch, um Bundesliga-Profis hervorzubringen.
Streich: Schon klar, aber so dürfen wir nicht denken. Wir müssen die gleichen Rahmenbedingungen für alle schaffen, und das hilft gerade den exponierten Spielern, Verantwortung zu übernehmen. Viel mehr, als wenn man mit 17 zu irgendwelchen Turnieren nach Abu Dhabi ins 28-Sterne-Hotel geflogen wird und aus goldenen Schüsseln frisst, wie es manchmal passiert. Dann ist es gut, wenn sie danach wieder zu uns kommen und neben einem Burschen sitzen, der am Wochenende geheult hat, weil er in der A2 nicht zum Einsatz kam.
Frage: Hassen Sie Spielerberater?
Streich: Nein, die machen auch nur ihren Beruf.
Frage: Aber sie sind es doch in der Regel, die den Spielern goldene Schüsseln servieren.
Streich: Ja, aber das ist Unwissenheit. Andere Prioritäten. Da geht es ums Geld. Und das hat ja erst mal nichts mit den jungen Spielern zu tun. Die werden ja nicht so gut, weil sie geldgierig sind, sondern weil sie fußballgierig sind. Ein Ronaldo war erst heiß aufs Kicken, dann hat er viel Geld verdient.
Frage: Und damit kommen die Berater ins Spiel.
Streich: Spielerberater sind überall, sie sind wie Ameisen. Du musst sie einfach an dir hochlaufen lassen. Wichtig ist, dass ich den Jungs erkläre, was diese Menschen machen, warum sie es machen und dass es auch hier unterschiedliche Persönlichkeiten gibt. Und dass sie mit der Entscheidung, die ihnen am meisten Geld bringt, nicht automatisch am glücklichsten werden.
Frage: Haben Sie Angst vor unrealistischen Erwartungen? Sie haben in der letzten Rückrunde mit dem SC Freiburg 27 Punkte geholt. Da könnte man ja theoretisch in der ganzen kommenden Saison 54 holen.
Streich: Wenn das die Erwartungen sind, sage ich: "Ihr habt keine Ahnung". Doch mit der Drucksituation muss ich trotzdem umgehen. Natürlich kann ich sagen, ihr habt sie nicht mehr alle, doch die Leute haben die Latte nun mal dort hingelegt und ich sehe sie ja.
Das Interview führten Jens Kirschneck und Tim Jürgens
Lesen Sie das vollständige Interview in der neuesten Ausgabe der "11FREUNDE".
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