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Streit mit Rektor: Freiburger Doping-Kommission löst sich auf

Universitätsklinik in Freiburg Zur Großansicht
DPA

Universitätsklinik in Freiburg

Der Streit der Freiburger Doping-Aufklärer mit der Universitätsleitung hat Konsequenzen: Die Gruppe stellte ihre Arbeit jetzt ein. Die Aufklärung soll jedoch weitergehen.

Die Doping-Kommission an der Freiburger Universität hat sich aufgelöst. Das bestätigte Kommissionsmitglied Fritz Sörgel, nachdem um Mitternacht ein Ultimatum an die Universitätsführung verstrichen war. "Es ist für uns eine schwierige Entscheidung und wir bedauern sehr, die Arbeit so kurz vor ihrem Abschluss abbrechen zu müssen. Aber wir können im Sinne einer wahrhaftigen Aufklärung keine Kompromisse eingehen", sagte der stellvertretende Vorsitzende Hellmut Mahler.

Die "Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin" protestiert damit gegen die angebliche Einschränkung ihrer Unabhängigkeit durch den Rektor der Universität, Hans-Jochen Schiewer. Einen Kompromissvorschlag Schiewers bewertete die Kommission als nicht weitgehend genug. Der Rektor wies die Kritik in einer Presseerklärung der Albert-Ludwigs-Universität umgehend zurück. Den Rücktritt von fünf der sechs Kommissionsmitglieder bezeichnete Schiewer als "unbegründet und verantwortungslos".

Die Kommission war 2007 mit dem Ziel gegründet worden, die Geschichte der skandalumwitterten Freiburger Sportmedizin unter ihren ehemaligen Professoren Joseph Keul und Armin Klümper zu untersuchen. Die Gruppe bestand aus führenden Anti-Doping-Experten: Letizia Paoli (Italien/Belgien), Hans Hoppeler (Schweiz), Perikles Simon (Mainz), Gerhard Treutlein (Heidelberg), Hellmut Mahler (Düsseldorf) und Sörgel (Nürnberg). Fünf dieser Mitglieder sind zurückgetreten. Nur die Vorsitzende Letizia Paoli schloss sich ihren fünf Kollegen nicht an.

Die Universität will die Aufklärung nun selbst fortsetzen

In den vergangenen Wochen hatte sich der Konflikt zugespitzt. Auf das Ultimatum von Seiten des Gremiums, hatte Schiewer die sechs Mitglieder aufgefordert, "spätestens" Dienstag, 14 Uhr, mitteilen, ob sie zurücktreten oder sein Gesprächsangebot annehmen wollten.

Nach dem daraus folgenden Rücktritt forderte Schiewer das Gremium auf, die bisherigen Erkenntnisse und Ergebnisse zur Verfügung zu stellen. "Es wäre verantwortungslos gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Auftraggeber, die bis jetzt erstellten Unterlagen der Kommission zurückzuhalten oder gar zu vernichten", sagte der Rektor. Diese Erkenntnisse seien die "Grundlage für die von der Universität weiter angestrebte volle Aufklärung der Geschichte der Freiburger Sportmedizin." Gleichzeitig wolle die Uni Freiburg die Aufklärungsarbeit durch eine Forschungsstelle zum Thema Doping und Sportmedizin - unterstützt durch einen externen wissenschaftlichen Beirat - in Eigenregie fortsetzen.

Die Kommissionsmitglieder versicherten ihrerseits, ihre Aufklärungsarbeit fortzusetzen. "Alle Kommissionsmitglieder fühlen sich der Aufklärung von Dopingvorgängen und wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Sportmedizin auch weiterhin verpflichtet", heißt es in der Stellungnahme. "Im Rahmen ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Tätigkeit werden sie weiter dazu beitragen, dass die Dopingaufklärung in Deutschland und darüber hinaus fortgeführt wird."

cte/aev/dpa/sid

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Ist so eine Uni eigentlich Selbstständig?
susybntp11-spiegel 01.03.2016
Wer hat denn dort die Kontrollfunktion? Kann eine Uni selbst entscheiden was Sie letztendlich verhindern will? Die Tatsache daß Sie auf höchster Ebene, vielleicht auch noch mit staatlicher Hilfe Manipuliert hat wird durch solches Verhalten doch nur gestärkt. Ich wußte bis jetzt nicht welch dumme oder auch korrupte Menschen dort beschäftigt sind, Seriös sieht anders aus.
2. Hat da jemand etwa...
spon72 01.03.2016
...begonnen, etwas tiefer zu graben? Schon faszinierend, wie sehr man Aufklärungsarbeit förmlich vernichten kann, wenn es an die Pfründe beliebterer Sportarten wie dem Fußball gehen könnte. Jedenfalls war die Geschichte um den VfB Stuttgart und seine Dopingpraktiken aus der Vergangenheit wohl Warnung genug, um diese Kommission nicht noch mehr "Schaden" anrichten zu lassen und womöglich mithilfe der Uni noch auf die Schliche von aktuelleren Vergehen bei unserem heiligsten aller Dinge, dem runden Leder, zu bringen. Schließlich sind auch "wir" ja letztendlich Weltmeister mit Spielern geworden, deren Laufpensum vor 20 Jahren noch undenkbar war, also schon zu Zeiten wo im Schwabenländle fleißig nachgeholfen wurde und die Lauf- und Sprintstrecken während der 90 Minuten nur halb so weit waren, ein Schelm wer Böses dabei denkt.
3. unmöglich
hei-nun 01.03.2016
Es wird der Eindruck erweckt, als wenn die Uni Freiburg etwas verheimlichen wolle. Wenn man natürlich eine Komission ohne staatsanwaltliche Befugnisse ausstattet, dann passiert genau das, was jetzt passiert ist. Russland lässt grüßen. Gibt es keine öffentlichen Kontrollfunktionen für eine Universität ?
4. Ausgesessen!
genugistgenug 01.03.2016
Auch so kann man Untersuchungen zu Ende bringen. Nach 9 Jahren und vielen Steinen im Weg löst sich die Kommission SELBST auf und man kann nun alles locker beerdigen oder nun pro forma eine willigere Kommission einsetzen. Kurz wurden mal in Dokumentationen die Verstrickungen ehemaliger sogenannter Koriphäen, doch auf die üblichen Wiederholungen der Sendung warten wir noch immer. Neben den medizinischen Koriphäen wurden auch viele Politiker gezeigt, deren Schützlinge sich natürlich verpflichtet fühlen. Dieses Doping ist und bleibt nun der nächgste Schandfleck der Uni Freiburg.
5. aufgelöst und abgezockt
tonitornado 01.03.2016
Es drängt sich der Verdacht auf das von Seiten der Kommission (speziell Paoli) kein rechter Wille zum Abschluß war. Möchte gerne wissen was die Kommissionsmitglieder die Uni ( und letztlich den Steuerzahler )gekostet hat.
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)


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