Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Affäre um WM-Vergabe 2006: Erst ein Anfang

Ein Kommentar von

DFB-Funktionäre Reinhard Grindel, Reinhard Rauball, Rainer Koch Zur Großansicht
Getty Images

DFB-Funktionäre Reinhard Grindel, Reinhard Rauball, Rainer Koch

Die Freshfields-Ermittler haben sich nach Kräften bemüht, die Geldflüsse um die WM-Vergabe offenzulegen. Licht ins Dunkel haben sie aber nicht bringen können. Jetzt sind die Staatsanwälte am Zug.

Das Positive vorweg: Der anfängliche Argwohn gegen die Ermittler von Freshfields aufgrund persönlicher Beziehungen zwischen der Kanzlei und dem Büro des früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach scheint unbegründet gewesen zu sein. Die Prüfer haben nach allem, was man weiß, gründlich und nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet und sich bemüht, die verschlungenen Wege des Geldes rund um die Vergabe der WM 2006 aufzuklären.

Gelungen ist das allerdings nur in Ansätzen. Zahlreiche Detailfragen um die berühmten, vom SPIEGEL ans Tageslicht gebrachten 6,7 Millionen Euro sind noch offen. Viele Dinge bleiben im Halbdunkel, einige der wichtigsten Protagonisten sind mittlerweile verstorben, einige der Befragten wurden von jähen Erinnerungslücken befallen oder haben sich ihre Wahrheit im eigenen Sinne zurechtgelegt.

Eine der Schlüsselfiguren, der Katari Mohamed Bin Hammam, hat erst in letzter Minute äußerst dürre Auskünfte gegeben, nachdem er es zuvor über Monate vorgezogen hatte, zu schweigen. Vertreter der Kirch-Gruppe, der ehemalige Fifa-Chef Joseph Blatter - sie alle standen Freshfields nicht zur Verfügung.

"Wir klagen niemanden an"

Von daher kann die Freshfields-Aufarbeitung all jener unappetitlichen Dinge um geheime Vorverträge, schwarze Kassen und Gefälligkeiten nur ein Beginn sein. Die eigentliche Arbeit obliegt der Staatsanwaltschaft in Frankfurt, dort, wo auch noch zahlreiche Akten ruhen, die Freshfields nicht einsehen konnte.

Fotostrecke

27  Bilder
Franz Beckenbauer: Ein Leben als Kaiser
"Wir klagen niemanden an, und wir sind keine Richter", hat Freshfields-Partner Christian Duve am Freitag gesagt. Bei allem Respekt vor der Tätigkeit interner Ermittler: Wenn es um strafbare, möglicherweise noch nicht verjährte Handlungen gehen sollte, dann sind die staatlichen Behörden gefordert. Von deutschen Staatsanwälten, über Schweizer Bundesanwälte bis hin zum US-amerikanischen FBI, die andere Druckmittel zur Verfügung haben, um Aussagen zu erhalten.

Allen durchaus glaubwürdig klingenden Beteuerungen in Sachen Transparenz zum Trotz, die am Freitag vor allem vom kommissarischen Verbandschef Rainer Koch zu hören waren - beim DFB wäre man sicherlich heilfroh, wenn nach den turbulenten Monaten der Vergangenheit wieder Ruhe einkehren könnte. Zumal der designierte DFB-Präsident Reinhard Grindel jahrelang im Vorstand des Verbands eng an der Seite Niersbachs saß und die Fragen, was und wann er exakt von all dem erfahren hat, auch noch auf ihn zukommen werden.

Die Sache aus DFB-Sicht jetzt als erledigt zu betrachten, wäre allerdings der Schritt in die falsche Richtung. Wer glaubwürdig einen Neuanfang machen will, der muss auch billigend in Kauf nehmen, dass noch für den Verband Unangenehmes an die Öffentlichkeit kommen kann. Dazu gehört auch die unweigerliche Debatte, ob Wolfgang Niersbach den deutschen Fußball tatsächlich in den internationalen Gremien weiter vertreten sollte.

Duve hat am Freitag die Frage ausgerufen: "Wie konnte es überhaupt zu solchen Vorgängen kommen?" Das ist exakt die Frage, die den DFB noch eine ganze Weile zu beschäftigen hat. Die Aufräumarbeiten beim Deutschen Fußball-Bund sind noch lange nicht beendet.

Mehr zur DFB-Affäre im SPIEGEL
Logo SPIEGEL

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Den digitalen SPIEGEL finden Sie in den Apps für iPhone/iPad, Android, Windows 8, Windows Phone und als Web-App im Browser.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE.

Zum Autor
Peter Ahrens

Peter Ahrens ist Redakteur im Sport-Ressort bei SPIEGEL ONLINE.

  • E-Mail: Peter.Ahrens@spiegel.de

Mehr Artikel von Peter Ahrens

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. in dubio pro reo!
BeatriceMaurer 04.03.2016
Da es also (immer noch) keine Beweise um Schmiergeldzahlungen und rechtswidrige Handlungen gibt - sollte man da nicht die attackierten Personen in Ruhe lassen? Die Unschuldsvermutung gibt es bei der Presse offenbar nicht, wenn man die aktuellen headline bei Spiegel online liest (die schon wieder beckenbauer belasten wollen). Dabei entlastet die Recherche von Freshfields doch Personen wie Beckenbauer & Co. Diese haben weder geschmiert noch selber Geld genommen. Es wird also Zeit, dass die Presse mit den wilden Spekulationen und Behauptungen (die sich zu einer richtig gehenden Hetzjagd entwickelt haben) zu stoppen. Zumindest solange, bis es belastbare Beweise für irgend etwas geben sollte.
2. Eigenartige Vorstellungen vom Rechtsstaat
st_ivo 04.03.2016
Soso, Staatsanwälte erwirken Aussagen von Beschuldigten, indem sie von "Druckmitteln" Gebrauch machen. Da hat der Autor wohl zuviele dubiose Krimis geschaut, jedenfalls aber eigenartige Vorstellungen davon, wie in einem Rechtsstaat Ermittlungsverfahren abzulaufen haben.
3. Staatsanwälte am Zug?
userkk 04.03.2016
Wenn wird hier nur die US amerikanische Justiz weiter aufklären. Weder die deutschen, noch die Schweizer Behörden haben bisher gesteigertes Interesse gezeigt. (Und werden es wohl auch nicht zeigen) . Allerdings ist das US Interesse auch weit weg von hehren Aufklärungszielen, sondern dient lediglich der eigenen politischen Karriere als Sprungbrett. Sei es drum...immer noch besser als das tieftauchen und verschleiern hier.
4. Der Autor hat ganz korrekte Vorstellungen....
vaikl 04.03.2016
Zitat von st_ivoSoso, Staatsanwälte erwirken Aussagen von Beschuldigten, indem sie von "Druckmitteln" Gebrauch machen. Da hat der Autor wohl zuviele dubiose Krimis geschaut, jedenfalls aber eigenartige Vorstellungen davon, wie in einem Rechtsstaat Ermittlungsverfahren abzulaufen haben.
...über die von ihm erwähnte "Druckmittel-Arbeit" der US-Justiz, für die es in einem jahrhundertealten Rechtsstaat dazu gehört, Verdächtigte in Korruptionsskandalen z.B. hinter Gitter zu bringen.
5. Einschaltung von Freshfields dient ausschließlich der Verdunklung
elultimo 04.03.2016
Der DFB stellt die Einschaltung einer Anwaltskanzlei, die nach eigenen Angaben einen niedrigen siebenstelligen Betrag mit dem Mandat verdient, als unverbrüchliches Zeichen seines Aufklärungswillens dar. Das halte ich für skandalös. Es gibt eine staatliche unabhängige Institution, die zur Aufklärung der Vorgänge berufen ist. Nämlich die Staatsanwaltschaft. Wenn der DFB wirklich einen Willen zur Aufklärung hätte, hätte er von Anfang an vorbehaltlos mit der StA kooperiert und ihr die nötigen Informationen und den Zugang zu Unterlagen verschafft. Die Auswertung und rechtliche Bewertung hätte die StA dann sicher gerne selbst vorgenommen. Stattdessen hat der DFB für einen Riesenbatzen Geld eine private Kanzlei beauftragt. Wer an deren Unabhängigkeit glaubt, ist an Naivität nicht zu überbieten. Diese Praxis (ist aus den angelsächsischen Rechtskreisen rübergeschwappt und) erfreut sich bei Institutionen mit viel Geld, die jede Menge zu verschleiern haben, größter Beliebtheit. Man kann auf diese Weise Sachverhalte zu seinen Gunsten frisieren und dabei noch den großen Aufklärer raushängen lassen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: