Freshfields-Ermittlungen gegen DFB Ein Konto in Sarnen

Vertuschungen, Schweigen, irre Geldflüsse - der Untersuchungsreport der Kanzlei Freshfields, die im Auftrag des DFB die Sommermärchen-Affäre aufgearbeitet hat, hinterlässt offene Fragen. Klar ist: Franz Beckenbauer wird immer mehr zur Schlüsselfigur des Skandals.

Von , , Gunther Latsch und , Frankfurt

Franz Beckenbauer
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Franz Beckenbauer


Rainer Koch zitterten die Hände, als er seine Erklärung vorlas. Der DFB-Interimspräsident hatte sich große Worte auf seinen Zettel notiert, die das abmildern sollten, was man als größte Krise in der Geschichte des Verbands bezeichnen kann: Koch sprach über "Good Governance", "Vertrauen", "Transparenz", "Aufklärung" - positive Begriffe, mit dessen Hilfe die Affäre rund um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 überstrahlt werden sollte.

Eins darf vorab gesagt werden: Trotz aller Bemühungen, diese Worte waren es nicht, die seinen Zuhörern am Ende im Gedächtnis blieben.

Koch war gemeinsam mit dem DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel und dem Präsidenten der Deutschen Fußball Liga (DFL), Reinhard Rauball, nach Frankfurt gereist. In einem Hotel in der Nähe des Flughafens kommentierten sie am Nachmittag die Untersuchungsergebnisse der Kanzlei Freshfields, die viereinhalb Monate lang die Sommermärchen-Affäre im Auftrag des DFB aufzuklären versuchte. Oder besser gesagt: Sie versuchten zu kommentieren.

DFB-Führungsriege
AFP

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Christian Duve, der Leiter der internen Freshfields-Untersuchung, stellte zunächst ausführlich die Erkenntnisse vor, die seine 35 Anwälte gesammelt hatten. Freshfields begutachtete rund 128.000 elektronische Dokumente und 740 Aktenordner.

Es wurden Dutzende Personen, die mit der WM 2006 in Verbindung standen, befragt. Freshfields tat, was eine Untersuchungseinheit ohne strafrechtliche Befugnisse wie Telefonüberwachungen, Kontoüberprüfungen oder Vernehmungen unter Eid durchführen kann. Das Ergebnis bündelte Freshfields in einem 380 Seiten starken Bericht, den Duve interessanterweise nicht Abschlussreport, sondern eine "Bestandsaufnahme" nannte.

Ein Bild der Vertuschung

Die Gründe für die Zurückhaltung der Aufklärer liegen auf der Hand: Sie hatten nur einen eingeschränkten, um nicht zu sagen geringen Einblick in die Komplexität rund um die WM-Vergabe. Viele der damals handelnden Personen, wie Franz Beckenbauers wichtigster Einflüsterer Robert Schwan, der ehemalige Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus oder der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sind mittlerweile gestorben.

Andere Schaltfiguren wie Wolfgang Niersbach, Fedor Radman oder Beckenbauer leiden seit einigen Monaten anscheinend unter partiellem Gedächtnisverlust und konnten den Freshfields-Anwälten nicht wirklich weiter helfen. Am Ende, und das ist ein Skandal im Skandal, offenbarte sich den Aufklärern ein Bild der Vertuschung und Verklärung. Bei der Sichtung der DFB-Unterlagen stellte Freshfields fest, dass elektronische Datenbestände mittlerweile gelöscht wurden und dass ganze Dokumentenstapel nicht mehr auffindbar waren. Einer der verschwundenen Ordner trug den Namen: "Fifa 2000". Das Jahr 2000 war das Jahr der WM-Vergabe.

Als Duve darüber sprach, saßen Rauball, Grindel und Koch vollkommen reglos auf dem Podium, die Gesichter in eine Art Bildschirmschonermodus versetzt.

Es gleicht fast einem Wunder, dass die Freshfields-Untersuchung unter diesen Vorzeichen tatsächlich etwas zu Tage förderte, das zumindest ein wenig Licht in das große Dunkel rund um die ominöse 6,7-Millionen-Euro-Zahlung bringen konnte, die der SPIEGEL im vergangenen Oktober enthüllte: Erst vor Kurzem gab der Testamentsvollstrecker von Louis-Dreyfus den Freshfield-Anwälten den Hinweis, sich doch mal ein Konto im schweizerischen Örtchen Sarnen anzusehen.

Dort fand Freshfields heraus, dass Beckenbauer, der einstige Chef des WM-Organisationskomitees, und sein Kompagnon Schwan insgesamt zehn Millionen Schweizer Franken nach Katar transferieren ließen. Empfänger: Kemco, eine Unternehmensgruppe von Mohammed Bin Hammam, der 2011 von der Fifa im Zuge eines Korruptionsskandals lebenslang gesperrt wurde. Dass Beckenbauer auf direktem Wege an einer Überweisung an Bin Hammam beteiligt war, zieht die einstige Lichtgestalt tief in die Dunkelheit der Korruptionswelt. Gegenüber Freshfields gab Beckenbauer an, er sei überrascht über die Erkenntnisse. Überrascht, nun ja.

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Doch was passierte anschließend mit dem Geld? Wofür oder für wen wurde es von Katar aus eingesetzt? Die Fragen konnten weder Duve noch die drei Vertreter des DFB beantworten.

Dies entmutigte Koch aber nicht, mehrfach zu betonen, dass es "keine Belege für einen Stimmkauf bei der Vergabe der WM 2006 gab". Nebenbei betonte er allerdings auch, dass man nicht ausschließen könne, dass es eben doch passiert sei.

Sollte er in den kommenden Tagen noch einmal die Zeit finden, den Freshfields-Bericht aufmerksamer zu lesen, wird er womöglich doch noch stärker ins Grübeln geraten: Da findet sich beispielsweise auf Seite 380, der letzten Seite, ein Vermerk vom damaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt vom 23. August 2000. Es geht um den Vertrag zwischen dem hoch korrupten Concacaf-Chef Jack Warner und Beckenbauer.

Staatsanwaltschaft und FBI arbeiten weiter am Fall

Der Vertrag hatte ein Gesamtvolumen von rund zehn Millionen Euro, die aktuelle DFB-Führung bezeichnete ihn als "möglichen Bestechungsversuch". Schmidt schreibt in seinem Vermerk: "Unter der Voraussetzung, dass die Gültigkeit des Vertrags so akzeptiert wird, muss umgehend erörtert werden, wie die daraus erwachsenen Verpflichtungen in den Haushaltsplänen des DFB ihren Niederschlag finden. Grundsätzlich ist die Einbindung des WM-2006-Etats ebenfalls mit vorzusehen."

Das DFB-Präsidium stimmte dem Vertrag aber eben nicht zu, er platzte. Musste das Warner-Geld deshalb anderweitig aufgetrieben werden? Haben möglicherweise Bin Hammam, Kemco und Beckenbauer geholfen? Noch sind dies Spekulationen, auch genährt von einer anderen Transaktion: Bin Hammam ließ Warner im Jahr 2011 schon einmal Geld über Kemco zukommen, der Vorgang ist aktenkundig.

All diese Zusammenhänge führen eher dazu, dass Koch und seine Mitstreiter nun zwar über einen neuen, transparenteren DFB sprechen können, in den kommenden Monaten aber wohl noch etliche Male Stellung zur Sommermärchen-Affäre beziehen müssen. Denn die Frankfurter Staatsanwaltschaft und Steuerbehörde, die Berner Bundesanwaltschaft und auch das amerikanische FBI arbeiten weiterhin mit deutlich schärferen Mitteln, als Freshfields sie zur Verfügung hatte, an der Aufklärung dieses Skandals.

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insgesamt 110 Beiträge
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nachdenker101 04.03.2016
1. Aufklärung?
Lächerlich. Das Geld für die Schaumschlägerei hätte man sich sparen können. Und der Kaiser, der weiß doch sowieso von nichts.
bjbehr 04.03.2016
2. Das Verblassen einer Aura
Wie kann jemand wie ein Franz Beckenbauer derart mauern? Verzeihung, liebes SPON, dass ich abermals diese Verknüpfung anspreche: Sein Sohn ist letztes Jahr verstorben - eine der schlimmsten Tragödien, wenn Eltern ihre Kinder überleben. Mir will einfach nicht in den Kopf, dass ein solcher Verlust, der noch jeden Ottonormalverbraucher innehalten lässt und mehr noch, keinen Sinneswandel bei Herrn Beckenbauer auslöst. Was soll ihm schlimmstenfalls passieren? Ein paar Monate Gefängnis? Er weiß doch nun am eigenen Leib, dass es Schlimmeres gibt. Je länger sein Schweigen dauert, um so düsterer verblasst seine lichtgestalterische Aura. Eigentlich schade drum.
quadrubbel 04.03.2016
3. Frischfeld
Die heldenhaften Nachforschungen der Firma Frischfeld in erweiterter Mannschaftsstärke kosten vermutlich ein Vielfaches der läppischen 6 Mio €.
M. Heibach 04.03.2016
4.
Falsch: Sommermärchen-Affäre Richtig: Bestechungsskandal
MasterB 04.03.2016
5.
Was hat Freshfields eigtl gezahlt dass die auf allen Kanälen unter anderem gar in den Überschriften mit Namen auftauchen?
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