Chefermittler Althans über Wettmafia "Wir brauchen den Straftatbestand des Sportbetrugs"

Auf der Weltkonferenz der Sportminister steht das Thema Sportbetrug ganz oben auf der Agenda. Der Bochumer Chefermittler Friedhelm Althans fordert im Interview härtere Gesetze und spricht über die Probleme bei der Verfolgung weltweit operierender Wettsyndikate.

Bochumer Chefermittler Althans (im Januar 2013): "Ein wichtiger Schritt"
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Bochumer Chefermittler Althans (im Januar 2013): "Ein wichtiger Schritt"


Friedhelm Althans sitzt in seinem Büro im Bochumer Kriminalkommissariat. Vor ihm ein Computer, eine Tasse Kaffee und ein mit Akten und Ordnern überfüllter Schreibtisch. Althans, der seit Anfang 2009 als Chefermittler die Sondereinheit "Flankengott" leitet, die unter anderem den Berliner Spielemanipulateur Ante Sapina verhaftet hat, wirkt entspannt in seinem Bürostuhl. Rechts von ihm hängt ein altes Organigramm einer weltweit operierenden Mafiabewegung, der Althans jahrelang auf den Fersen war.

Damals galt der Fan von Borussia Dortmund noch als einer der gefürchtetsten Ermittler in der Organisierten Kriminalität, der Mafiawelt. Heute ist Althans das Gesicht der Bekämpfung von Wettbetrug im Fußball. "Die einzelnen Bereiche sind sich nicht unähnlich, aber Wettbetrug ist aufgrund der vielen involvierten Menschen sowie der technischen Möglichkeiten des Internets komplexer zu ermitteln."

Kurz vor der Weltkonferenz der Sportminister, die von Dienstag bis Donnerstag in Berlin stattfindet und auf der das Thema Matchfixing eine tragende Rolle spielt, erklärt Althans im Interview, wie schwierig die Verfolgung von Sportmanipulateuren ist, was er von Frühwarnsystemen hält und wo die Wettsyndikate liegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Althans, Wettbetrug ist eine der großen Bedrohungen für den kommerziellen Sport, das zeigen die Ermittlungen von Strafverfolgern in ganz Europa. Warum ist Bestechung und Bestechlichkeit im Sport in Deutschland noch immer kein Straftatbestand?

Althans: Das ist in der Tat ein gravierendes Versäumnis. Gäbe es solche einschlägigen Bestimmungen im Strafgesetzbuch, würde das unsere Arbeit bei der Beweisführung gegen korrupte Spieler, Schiedsrichter oder Trainer erheblich erleichtern.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Althans: Ich setze mich massiv für eine Gesetzesinitiative ein: Wir brauchen den Straftatbestand des Sportbetruges. Punkt, aus. Dafür müsste ein neuer Paragraf geschaffen werden. Die weiteren Stufen wären dann: europaweite Harmonisierung dieses Gesetzes und anschließend im besten Fall dessen weltweite Verankerung.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell kann so etwas gehen?

Althans: Ich setze große Hoffnungen in die Weltkonferenz der Sportminister, die jetzt für drei Tage in Berlin stattfindet. Dort könnten entsprechende Beschlüsse oder Resolutionen erarbeitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihre Expertise bei Wett- und Sportbetrug von Politikern eingeholt?

Althans: Ja, aber wir würden uns da natürlich ein noch größeres Interesse wünschen. Allerdings waren unsere Gespräche auch schon erfolgreich: Mitte März wurde beispielsweise im EU-Parlament eine Resolution gegen Matchfixing und Korruption im Sport verhängt. Das war schon mal ein wichtiger Schritt.

SPIEGEL ONLINE: Vor drei Monaten sprach Europol auf einer Pressekonferenz vom "größten Wettbetrug aller Zeiten". Annähernd 700 Spiele sollen gefixt worden sein. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die meisten dieser Spiele der Öffentlichkeit bereits bekannt waren.Warum dieser Rauch?

Althans: Uns war wichtig, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass über die bekannten Spiele aus früheren Verfahren eine Vielzahl weiterer Verdachtsmomente aufgetaucht ist, die wir einem weltweit operierenden Syndikat aus Singapur zurechnen. Dieses Kartell stellt eine sehr große Gefahr für die Integrität des Fußballs dar.

SPIEGEL ONLINE: Mitte März haben Sie sich dann im Hauptquartier von Interpol in Lyon mit Ermittlern aus Singapur getroffen, die zuvor den mutmaßlichen Kopf dieses singapurischen Wettsyndikats, Tan Seet Eng, verhört haben sollen. Was kam dabei heraus?

Althans: Zu konkreten Namen äußere ich mich nicht. Grundsätzlich gilt, dass dieser Austausch mit den Kollegen noch nicht seriös zu bewerten ist. Erst die kommenden Monate werden zeigen, ob die Kooperation mit Singapur Chancen auf Erfolg hat. Mein persönlicher Eindruck war allerdings, dass die singapurische Seite das Problem mittlerweile ernst nimmt und gewillt ist, mit uns zusammenzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ermittler behaupten, in China und Russland gebe es noch weitaus größere und einflussreichere Kartelle als in Singapur.

Althans: Das deckt sich voll mit meiner Einschätzung. Nach den Gesprächen, die wir mit anderen Kollegen im Ausland führen, gibt es sehr konkrete Hinweise darauf, dass Kartelle in Russland oder China noch größeren Einfluss auf die Matchfixing-Szene haben als das Syndikat in Singapur. Die Schwierigkeit liegt darin, auch diesen Gruppen Tatbeteiligungen nachzuweisen, die zu einer Anklage und Verurteilung führen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Pressekonferenz von Europol sagten Sie, "die Frühwarnsysteme der Verbände haben alle versagt". Warum funktionieren diese überaus teuren Wettradare bei Fifa oder Uefa nicht?

Althans: Das Problem ist, dass es einen Unterschied zwischen dem legalen und dem illegalen Wettmarkt gibt. Die Frühwarnsysteme erfassen die Bewegungen auf dem illegalen Wettmarkt überhaupt nicht. Natürlich können diese Wettradare Erkenntnisse darüber gewinnen, ob ein Spiel manipuliert wurde. Aber diese Erkenntnisse sind eben nur Verdachtsmomente und deshalb komplett ungeeignet, um sie vor Gericht als Beweismittel einzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Fifa unterstützt Interpol mit 20 Millionen Euro für den Kampf gegen Wettmanipulation. Was halten Sie davon?

Althans: Ich denke, dass Strafverfolgungsbehörden nicht auf Gelder von irgendwelchen Institutionen, Vereinen oder Verbänden angewiesen sein sollten, um ihre Arbeit zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Werden aktuell Fußballspiele in Europa verschoben?

Althans: Auf jeden Fall.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Fußball eine Chance, irgendwann völlig sauber zu werden?

Althans: Das hoffe ich. Aber es wird noch ein sehr schwerer Kampf.

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie eigentlich privat gerne Fußball?

Althans: Bedingt. Und nach meinen beruflichen Erfahrungen noch weniger als zuvor.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Lieblingsclub?

Althans: Ich sympathisiere mit Borussia Dortmund, gehe allerdings sehr selten ins Stadion.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie überhaupt noch Fußball gucken, ohne bei einem krassen Fehler eines Spielers automatisch zu denken: Der Mann ist gekauft?

Althans: Natürlich stellen sich mir bei bestimmten Situationen Fragen, ob das da auf dem Spielfeld tatsächlich alles so sauber abläuft. Dafür habe ich in dem Bereich Matchfixing einfach auch schon zu viel Kurioses erlebt.

Das Interview führte Rafael Buschmann



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insgesamt 2 Beiträge
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gable 28.05.2013
1. Stallorder in der Formel 1
Wird die Stallorder in der Formel 1 dann auch unter Strafe gestellt? Aus meiner Sicht ist das Betrug, weil nicht der Beste gewinnt, sonder von außen auf das Ergebnis Einfluss genommen wird.
Nonvaio01 28.05.2013
2. das problem ist
Zitat von sysopDPAAuf der Weltkonferenz der Sportminister steht das Thema Sportbetrug ganz oben auf der Agenda. Der Bochumer Chefermittler Friedhelm Althans fordert im Interview härtere Gesetze und spricht über die Probleme bei der Verfolgung weltweit operierender Wettsyndikate. http://www.spiegel.de/sport/fussball/friedhelm-althans-bochumer-chefermittler-ueber-kampf-gegen-wettmafia-a-902211.html
doch die beweisbarkeit. Wenn der Goalgetter an dem Tag einfach nicht das Tor trifft kann man ihn schlecht verklagen. Wenn der Torhueter daneben greifft will man Ihn verklagen? Solange alle einfach den Mund halten und keiner redet, kann man auch nix beweisen. Wer soetwas aber ueber das telefon abspricht ist eben schoen bloed.
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