Frisk-Rücktritt Schiedsrichter stellen Mourinho an den Pranger

Nach Morddrohungen gegen ihn und seine Familie hat Star-Schiedsrichter Anders Frisk mit sofortiger Wirkung seine Karriere beendet. Die Zunft der Unparteiischen gibt Chelseas Trainer José Mourinho die Schuld für die Anfeindungen, weil dieser den Schweden nach der Champions-League-Partie in Barcelona heftig kritisiert hatte.


Chelsea-Coach Mourinho, Meteja Kezman: "Feind des Fußballs"
AFP

Chelsea-Coach Mourinho, Meteja Kezman: "Feind des Fußballs"

Stockholm - "Ich warne Journalisten und Trainer nachdrücklich davor, alles auf dem Rücken der Schiedsrichter auszutragen - so wie es letzte Woche in Berlin geschehen ist nach den beiden Abseitstoren, denen jeweils Millimeterentscheidungen vorausgegangen waren. Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht mehr, wo das noch hinführen soll", sagte Volker Roth, Vorsitzender des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses. In der "Bild am Sonntag" führte Roth aus: "Ich kann Anders Frisk verstehen. Sein Rücktritt ist eine Folge der Verantwortungslosigkeit, mit der vor allem einige Trainer - übrigens auch bei uns - immer wieder vorgehen. Sie hetzen mit ihrem Verhalten die Fans gegen die Schiedsrichter auf." Die schwedische Zeitung "Aftonbladet" zitiert Roth mit den Worten: "Menschen wie Mourinho sind Feinde des Fußballs."

Auch Frisks Schiedsrichterkollege Kim Milton Nielsen gibt Chelseas Trainer Mourinho die Schuld für die Morddrohungen gegen den Schweden und dessen Familie. "In seiner Position muss Mourinho mehr Verantwortungsbewusstsein haben. Er darf keine Aussagen treffen, die Wasser auf den Mühlen der Hooligans sind", sagte der renommierte Fifa-Referee aus Dänemark gegenüber demselben Blatt.

Gestern hatte Frisk seine Karriere mit sofortiger Wirkung beendet. "Das waren die schlimmsten 16 Tage in meiner Laufbahn. Ich habe meine Tochter aus Angst den Briefkasten nicht mehr öffnen lassen. Die Sicherheit meiner Familie ist wichtiger als alles andere", begründete der 42 Jahre alte Versicherungskaufmann, bei dem nach eigenen Angaben zahlreiche Morddrohungen von Chelsea-Anhängern per Telefon, Post und E-Mail eingegangen sind, seinen Entschluss.

Frisk, der neben dem Italiener Pierluigi Collina und dem Deutschen Markus Merk zu den besten Schiedsrichtern der Welt gehört, hatte nach dem Achtelfinalhinspiel in der Champions League zwischen dem FC Barcelona und dem FC Chelsea (2:1) die Drohungen erhalten, weil er in der 56. Minute Chelsea-Torjäger Didier Drogba die Gelb-Rote Karte gezeigte hatte. Die "Blues" aus London verspielten noch ihre 1:0-Führung und verloren die Partie mit 1:2. Mourinho warf Frisk nach der Partie vor, in der Halbzeit mit Barcelonas Trainer Frank Rijkard gesprochen zu haben und vermutete dahinter Absprachen.

Rot gegen Drogba (u.): "Das war korrekt"
REUTERS

Rot gegen Drogba (u.): "Das war korrekt"

"Ich habe so viel Erfahrung. Ich würde deshalb nie zulassen, dass ein Trainer während des Spiels meine Kabine betritt", sagte Frisk zu den Anschuldigungen. "Ich sage auch jetzt: Was ich in Barcelona getan habe, war korrekt. Bald wird es nicht mehr möglich sein, ein Champions-League-Spiel zu leiten, wenn die Clubs eine Niederlage oder einen Platzverweis für einen ihrer Spieler nicht akzeptieren." Im Rückspiel vergangenen Dienstag hatte Chelsea die Spanier mit einem 4:2-Heimsieg aus dem Wettbewerb geworfen.

Nach dem Ausscheiden der englischen Nationalelf im Viertelfinale der EM 2004 gegen Gastgeber Portugal hatte auch der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier Morddrohungen von Fans erhalten, die ihr Team benachteiligt sahen. Meier pfeift seit diesem Jahr keine internationalen Spiele mehr, weil er mit 46 Jahren die Altershöchstgrenze überschritten hat. "Es ist nicht in Ordnung, dass ein Trainer so großen Druck auf einen Schiedsrichter ausübt, wie es Mourinho getan hat", sagte Meier gegenüber "Aftonbladet" zum aktuellen Fall, "Mourinho muss bestraft werden. Uefa und Fifa müssen die Schiedsrichter vor solchen Attacken schützen."

In Deutschland stehen die Unparteiischen seit dem Wett- und Manipulationsskandal um Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer besonders stark in der Kritik. Mit Dominik Marks wurde am vergangenen Donnerstag ein zweiter Unparteiischer festgenommen. Die Affäre hat zu einer allgemeinen Verunsicherung der Unparteiischen in Deutschland geführt, die Anzahl der Fehlentscheidungen nahm deutlich zu.



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