Spektakuläre Entscheidung bei Mainz vs. Freiburg War der Schiedsrichter im Recht?

Die Partie Mainz gegen Freiburg wurde durch einen der kuriosesten Elfmeter der Bundesliga-Geschichte entschieden. Aber: Durfte Schiedsrichter Winkmann überhaupt eingreifen? Kann der SC Freiburg Protest einlegen?

Schiedsrichter Guido Winkmann (l.)
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Schiedsrichter Guido Winkmann (l.)


Der Abstiegskampf in der Bundesliga bekommt durch den 2:0-Sieg des FSV Mainz gegen den SC Freiburg eine neue Dynamik. Mainz zieht in der Tabelle mit 30 Punkten wegen des besseren Torverhältnisses an Freiburg vorbei, das Team von Trainer Christian Streich steht nun auf dem Relegationsplatz. Bei nun acht bzw. neun Punkten Rückstand auf Freiburg, Mainz und Wolfsburg sowie nur noch vier ausstehenden Spielen müssen der Hamburger SV und der 1. FC Köln fast sicher vom Abstieg ausgehen.

Allerdings ist noch unsicher, ob das Ergebnis aus Mainz dauerhaft Bestand haben wird. Denn der FSV profitierte in der Nachspielzeit der ersten Hälfte von einem Videobeweis, der sehr umstritten war. Schiedsrichter Guido Winkmann wurde auf dem Weg in die Kabine von der Video-Assistentin Bibiana Steinhaus darauf aufmerksam gemacht, dass der Freiburger Marc-Oliver Kempf eine Flanke von Daniel Brosinski mit einem strafbaren Handspiel abgelenkt hatte. Winkmann entschied daraufhin auf Handelfmeter, ließ die Freiburger Spieler aus der Kabine holen - und Pablo De Blasis verwandelte in der siebten Minute der Nachspielzeit zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung für Mainz.

1. War es überhaupt ein Elfmeter?

Sollten die Freiburger beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) Protest gegen die Spielwertung einlegen, wird es nicht um diese Frage gehen sondern darum, ob Winkmann zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme durch Steinhaus überhaupt noch berechtigt war, den Videobeweis anzuwenden. Aber: Inhaltlich ist die Elfmeter-Entscheidung korrekt. Kempfs Hand war weit ausgestreckt, die Flanke kam aus ungefähr fünf Metern Entfernung, und er hatte freie Sicht auf den Ball.

2. Wie lautet das Regelwerk in Bezug auf den Videobeweis?

Laut Regel 8.13 des für den Videobeweis zuständigen International Football Association Board (IFAB) darf der Video Assistent Referee (VAR) auch nach Halbzeit- und Schlusspfiff eingreifen, solange der Schiedsrichter das Spielfeld noch nicht verlassen hat. Schiedsrichter Winkmann sagte nach dem Spiel, der DFB hätte diese Regel in einer Anweisung insofern abgeändert, dass es in der Bundesliga nach einem Schlusspfiff kein Videobeweis mehr angewandt werden darf. In Mainz schritt VAR Steinhaus allerdings in der Halbzeit ein, das war damit regelkonform.

Allerdings wird es bei einem denkbaren Protest darum gehen, wann Steinhaus den Kontakt zu Winkmann aufgenommen hat. Unerheblich ist dabei, wo sich die Spieler beider Mannschaften zu diesem Zeitpunkt aufgehalten haben. Videoaufnahmen des Spiels zeigen, dass Winkmann sich erstmals an das Headset in seinem Ohr fasste, als er die Außenlinie und damit das Spielfeld bereits verlassen hatte. Maßgeblich dürften daher im Fall einer Verhandlung vor dem Sportgericht die Aussagen von Winkmann und Steinhaus sein.

Im Video: Freiburgs Trainer Streich über die Entscheidung

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3. Warum mussten alle Spieler zurück auf das Spielfeld kommen?

Bei dem Elfmeter handelte es sich laut Regelwerk um eine Spielfortsetzung. Diese kann nur erfolgen, wenn sich mindestens sieben Spieler - einer davon muss der Torwart sein - beider Mannschaften auf dem Rasen befinden.

4. Was wäre passiert, wenn der Ball vom Pfosten oder nach einer Torwart-Parade zurück ins Spielfeld gelangt wäre?

Hier leistete Winkmann nach der Partie Aufklärung. "Ich habe die Spieler darauf hingewiesen, dass die Zeit abgelaufen ist und ich keinen Nachschuss zugelassen hätte", sagte der Schiedsrichter. Deshalb war es auch unerheblich, wo die Spieler bei der Ausführung von De Blasis standen.

5. Bis wann müsste der SC Freiburg einem Protest einlegen?

Der SC hat zuletzt gute Erfahrung mit einem Einspruch beim DFB gemacht. Stürmer Nils Petersen hatte im Spiel gegen den FC Schalke Gelb-Rot gesehen. Das DFB-Bundesgericht folgte nach einem Protest der Freiburger Petersens Argumentation, er habe die erste Verwarnung nicht wahrgenommen und sei bei der zweiten Gelben Karte davon ausgegangen, noch gar nicht verwarnt zu sein.

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Bundesliga: Pause? Nein, Elfmeter!

Nun könnte es erneut zu einer Verhandlung kommen. Einsprüche müssen laut Regelwerk "innerhalb von zwei Tagen nach Ablauf des Tages, an dem das Spiel stattgefunden hat, bei der DFB-Zentralverwaltung schriftlich eingelegt" werden. Berechtigt sind nur die Vereine, die auch an dem betroffenen Spiel teilgenommen haben, der HSV oder Köln können deshalb keinen Einspruch gegen die Wertung einlegen.

6. Was hätte eine Spielwiederholung für Auswirkungen?

Der Videobeweis wird in Deutschland von vielen Zuschauern und Fans abgelehnt, das wird durch den Fall in Mainz nicht weniger werden. Allerdings haben die 18 Bundesligisten bereits beschlossen, den Videobeweis dauerhaft einzusetzen. Daran wird auch ein erfolgreicher Protest der Freiburger nichts ändern.

Allerdings werden die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der DFB bei einem Erfolg der Freiburger darauf drängen, das Spiel schnellstmöglich, sprich in der kommenden Woche parallel zu den Halbfinalpartien der Champions League, zu wiederholen. Ansonsten droht eine Wettbewerbsverzerrung, denn bei einem möglichen Sieg der Freiburger in einem Wiederholungsspiel würde sich auch die Ausgangslage des HSV und des 1. FC Köln verändern.

Allerdings werden sich die Freiburger fragen müssen, ob ein Einspruch aus sportlicher Sicht die richtige Entscheidung ist. Ein zusätzliches Spiel bedeutet mehr Belastung für die Profis, ein Erfolg in Mainz ist nicht gewährleistet, und eine weitere Niederlage könnte Einfluss auf die Form in den verbleibenden Spielen nehmen. Hierbei sei an den 1. FC Nürnberg in der Saison 1993/1994 erinnert: Der Klub hatte nach dem Phantomtor von Bayerns Thomas Helmer am 32. Spieltag erfolgreich Protest eingelegt, verlor dann aber die letzten drei Partien - inklusive Wiederholungsspiel - mit einem Torverhältnis von 2:13 und stieg auch deshalb aus der Bundesliga ab.

FSV Mainz 05 - SC Freiburg 2:0 (1:0)
1:0 De Blasis (45.+7, Handelfmeter)
2:0 De Blasis (79.)
Mainz: Adler - Diallo, Hack, Balogun, Brosinski - Latza, Gbamin, Serdar (80. De Jong) - De Blasis (90.+1 Ujah), Quaison, Öztunali (85. Holtmann)
Freiburg: Schwolow - Kempf (46. Kleindienst), Gulde, Söyüncü - Günter, Koch (69. Schuster), Höfler, Stenzel - Höler (77. Kath), Haberer - Petersen
Schiedsrichter: Guido Winkmann
Zuschauer: 26.407
Gelbe Karten: Balogun / Haberer, Gulde

krä

insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
flow-tschi 17.04.2018
1. Ursprünglich
war ich für den VAR. Aber in dieser unsäglichen Art und Weise umgesetzt ist das doch grauenhaft! Ein Freischein für noch mehr Willkür! Man darf sich zusätzlich auch fragen wie es ein ganzes Team von Schiedsrichtern nicht schafft über neue Regeln Bescheid zu wissen! Dilettantismus der seinesgleichen sucht... Des Weiteren setzt mir die zunehmende Kommerzialisierung zu. Ein Sport geht sukzessive komplett an den Fans vorbei. Die Bundesliga ist mir so langsam (leider) immer mehr zuwider!
ogonoi 17.04.2018
2. SCF und die Schiedsrichter
Man hat langsam den Eindruck, dass dem allseits beliebten SC Freiburg durch durchaus strittige Schiedsrichterentscheidungen das Leben schwer gemacht wird. Das ist sehr ungerecht.
spon_2937981 17.04.2018
3.
Es kommt auf die Aussagen von Winkmann und Steinhaus an? Na dann ist ja alles klar: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus...
tadano 17.04.2018
4. Karma is a Bitch
Klagt doch! Karma is a Bitch!
super-m 17.04.2018
5.
Die BuLi schafft sich ab. Der Videobeweis ist genau das, was so viele vorher befürchtet hatten... Keine Garantie für Fairness und eine absolute Belastung für Sport und Zuschauer. Weg damit!
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