Fußball auf der Krim Illusion der Unabhängigkeit

Lange war unklar, wie es mit dem Fußball auf der von Russland annektierten Krim weitergeht. Ende August soll die eigene Liga endlich starten. Der erste Titel wurde schon vergeben.

Denis Trubetskoy

Von Denis Trubetskoy, Sewastopol


Das war eine Meisterschaft, die wohl kaum jemand anerkennen wird. 20 Mannschaften von der Halbinsel Krim, seit der Annexion durch Russland nicht nur fußballerisch ein Niemandsland, spielten seit April um den ersten Krim-Meistertitel. "Wir wollten sehen, ob wir überhaupt ein Turnier ins Leben rufen können. Dies ist uns zum Glück gelungen", sagte Jurij Wetocha, der zukünftige Präsident des Krim-Verbandes, am Sonntag am Rande des Finales in Sewastopol.

Im Endspiel siegte der gastgebende FC Sewastopol 6:2 gegen Gwardejez, ein kleines Team aus dem sogar auf der Krim weitgehend unbekannten Dorf Gwardejskoje, und ist damit erster inoffizieller Krim-Meister. Doch am Final-Wochenende stand nicht das Sportliche im Vordergrund, zumindest nicht für die Funktionäre.

Im vergangenen Dezember schloss die Uefa die Teams von der Krim aus der russischen Liga aus. Aus der Halbinsel wurde eine "Sonderzone", die direkt vom europäischen Verband kontrolliert werden sollte - nicht vom russischen und auch nicht vom ukrainischen. Seitdem befinden sich die zuständigen Seiten in ständigem Austausch. Eine Kommission der Uefa besuchte sogar die Krim, um einen Ausweg aus dieser komplizierten Lage zu finden.

Acht Teams sollen die Krim-Liga bilden

"Einige Kleinigkeiten bleiben noch offen, aber insgesamt sind wir uns einig", sagte Wetocha, der sich am Tag des Finales mit den Präsidenten der Krim-Vereine traf. Es ging einzig und allein um die neue Krim-Liga, die Wunschlösung der Uefa, die nun Ende August endlich beginnt. Lange war fraglich, ob die Halbinsel überhaupt acht Teams findet, die für eine professionelle Liga nötig wären.

Mittlerweile stehen acht Mannschaften fest - darunter nicht nur der FC Sewastopol, sondern auch Tawrija Simferopol, der erste Meister der unabhängigen Ukraine. Laut Wetocha könnten bis August noch zwei Teams dazu stoßen. Doch die Krim-Liga, die auf dem Papier nichts mit Russland zu tun hat, ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE alles andere als unabhängig.

Sechs Vereine werden von Russland finanziert

Sechs von acht Teams, die an der zukünftigen Meisterschaft teilnehmen sollen, werden in irgendeiner Form vom russischen Sportministerium in Moskau finanziert. Lediglich der FC Sewastopol und Tawrija sind finanziell unabhängig. Außerdem ist Wetocha, der als einziger Bewerber für das Amt des Verbandspräsidenten zur Verfügung steht, von Moskau als Kandidat abgesegnet worden. Der russische Sportminister Witalij Mutko soll sich dazu persönlich beim Aufbau des Krim-Verbands beteiligt haben.

Etwa 2500 Zuschauer, die im relativ neuen Stadion von Sewastopol ihre Mannschaft feierten, interessierten sich für all die sportpolitischen Hintergründe nicht, sie feierten ihr Team. Zumindest in der ersten Halbzeit spielte der FC Sewastopol dominierend und führte nach 45 Minuten 4:1. Nach einem verdienten 6:2-Erfolg wurde der FC Sewastopol zum ersten Meister der Krim.

Wenn die Sewastopoler auch die erste Auflage der Krim-Liga gewinnen, können sie aber vorerst nicht mit einer Europapokal-Teilnahme rechnen. "Die Uefa gibt uns zwei Jahre, um alle Strukturen auf ein ordentliches Niveau zu bringen", sagt Wetocha, der sogar von einer Krim-Nationalmannschaft träumt. Bisher hat die Uefa allerdings alles in dieser Richtung abgeblockt.

Alle Spiele der neuen Krim-Liga werden künftig im Internet und im lokalen Fernsehen übertragen. Einige Prominente wird man sehen können: Andrei Kantschelskis, Ex-Spieler von Manchester United und Everton, ist zum Beispiel als Cheftrainer von FC Jewpatorija im Gespräch.

Trotzdem sagte ein glücklicher Sewastopol-Fan mit Russlandfahne nach dem Finale am Sonntag: "Die Ukraine werde ich nicht vermissen. Die ukrainische Liga vermisse ich schon."



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