Siegloser Zweitligist in Schottland 0:5 - und das war noch der Höhepunkt

Die bisherige Saisonbilanz von Köln oder HSV ist mies - aber im Leben ist eben alles relativ. Der schottische Zweitligist Brechin City hat nämlich noch keinen einzigen Sieg eingefahren. Der Klubchef nimmt's erstaunlich locker.

Profis von Brechin City
Derek Watt/Brechin City FC

Profis von Brechin City

Ein Interview von


Zur Person
  • Derek Watt/Brechin City FC
    Ken Ferguson arbeitet seit mehr als 30 Jahren für Brechin City. Er fing an als Fotograf für das Stadionmagazin und ist seit 2007 Klubchef. Er ist 58 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Mister Ferguson, Ihr Verein hat in dieser Saison erst vier Punkte geholt, ist noch ohne Sieg und steht sieben Spiele vor dem Ende schon als Absteiger fest. Was ist bei Ihnen schiefgelaufen?

Ferguson: Nicht viel, um ehrlich zu sein. Wir sind zu dieser Saison überraschend aufgestiegen und spielen als halbprofessioneller Klub in einer Profiliga. Unsere Mannschaft trainiert zweimal die Woche, dienstags und donnerstags. Die Spieler gehen ganz normalen Berufen nach. Wir haben Taxifahrer, Feuerwehrmänner, Buchhalter und Börsenmakler im Team. Unsere Mannschaft und unsere Fans haben bis zum bitteren Ende alles gegeben, aber es hat nicht gereicht. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Ihre Enttäuschung hält sich in Grenzen?

Ferguson: Natürlich wollten wir mehr Punkte holen. Aber wir können mit unseren Leistungen zufrieden sein. Die meisten Spiele haben wir nur knapp verloren. Niemand hat sich hängen lassen. Die Saison in der zweiten Liga hat sich gelohnt. Unsere Spieler haben an Erfahrung gewonnen, der Verein konnte seine Finanzen stabilisieren und befindet sich in einem besseren Zustand als vor einem Jahr.

Spieler mit dem Klubpräsidenten
Derek Watt/Brechin City FC

Spieler mit dem Klubpräsidenten

SPIEGEL ONLINE: Ein Trainerwechsel stand trotz der vielen Niederlagen nie zur Debatte. Warum nicht?

Ferguson: Wir haben nicht eine Sekunde daran gedacht, unseren Trainer zu entlassen. Er leistet großartige Arbeit. Wir glauben daran, dass es sich auszahlt, Trainern eine Chance zu geben und ihnen zu vertrauen. Unser Klub hat die Tradition, gute Trainer hervorzubringen. Nordirlands Nationaltrainer Michael O'Neill zum Beispiel hat seine Karriere bei uns begonnen.

SPIEGEL ONLINE: Was war aus Ihrer Sicht der Höhepunkt der Saison?

Ferguson: Wir haben Anfang des Jahres im Pokal beim FC Celtic im Celtic-Park gespielt. Das war eine großartige Sache für den ganzen Verein, trotz unserer 0:5-Niederlage.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Bilder, wie Sie vor dem Spiel auf dem Rasen stehen und Fotos machen, wie ein Tourist.

Ferguson: Das war ein schwacher Moment, das muss ich zugeben. Aber ob Sie es glauben oder nicht - das Beste war, als wir bei uns am Stadion losgefahren sind. Wir wurden mit einem Konvoi aus zwölf Bussen begleitet und haben rund 1200 Fans mit nach Glasgow gebracht, mehr als so mancher Erstligist. Das hat uns unglaublich stolz gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und der frustrierendste Moment?

Ferguson: Mitte März hatten wir zwei Spiele nacheinander gegen den FC Dumbarton. Das ist neben uns der einzige Klub der Liga, der nur halbprofessionell arbeitet. Wir haben beide Spiele verloren. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass die Köpfe nach unten gegangen sind. Zuletzt haben wir gegen den Tabellendritten Greenock Morton allerdings wieder eine sehr gute Leistung gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind Sie nach der 0:2-Niederlage rechnerisch abgestiegen.

Ferguson: Das ist vielleicht sogar ein Vorteil. Jetzt ist der Druck weg, wir können befreit aufspielen. Vielleicht schaffen wir es ja noch, den einen oder anderen Sieg einzufahren. Wir wollen keine Antwort bei einem Kneipenquiz sein.

Klein, aber fein - das Stadion von Brechin City
Derek Watt/Brechin City FC

Klein, aber fein - das Stadion von Brechin City

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Ferguson: Na ja. Ich will nicht, dass beim Quiz in der Kneipe die Frage gestellt wird, welche schottische Mannschaft eine ganze Saison kein Spiel gewinnen konnte - und die Antwort darauf Brechin City lautet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Gegner an diesem Samstag, der FC Falkirk, steht nur zwei Plätze vor Ihnen. Da könnte es doch mit dem ersten Sieg klappen.

Ferguson: Im Grunde müssen wir vor keinem Gegner Angst haben. Nach jedem Spiel haben uns die Vertreter der anderen Klubs gesagt, dass wir richtig gute Arbeit machen würden, wir eine bessere Platzierung verdient hätten und es nicht mehr weit bis zum ersten Sieg sein könne. Ich will das nicht mehr hören. Ich will endlich ein Spiel gewinnen.



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heinzi55555 31.03.2018
1.
Respekt, denen geht es nur um Fussball, nicht ums grosse Geld.
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