Fußball-Bundesliga: Bayern Meister - warum eigentlich?
Der FC Bayern München wird Deutscher Meister. Das gilt als ausgemachte Sache - bei den Trainern ebenso wie bei der Sportredaktion von SPIEGEL ONLINE. Dabei gibt es genug Gründe, warum der FC Bayern auch in diesem Jahr scheitern wird.
Vielleicht ist Thomas Tuchel auch nur ein Provokateur. 16 von 18 Bundesligatrainern haben den FC Bayern München zum Titelfavoriten erhoben. Der 17., Bayern-Coach Jupp Heynckes, hat sich als bekannt höflicher Mensch dem Eigenlob entzogen. Und nur Tuchel, der Trainer von Mainz 05, hat nicht auf den FC Bayern München getippt.
Ist das von Tuchel schon Majestätsbeleidigung oder nur ein ungehöriges Gedankenspiel? Der FC Bayern gilt vor seinem ersten Ligaauftritt am Sonntag gegen Borussia Mönchengladbach (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) landauf, landab als sicherer Meister. Diese Voraussage ist so eindeutig wie selten zuvor - bei den Trainern der Liga ebenso wie in der Saisonprognose dieser Sportredaktion. Aber warum eigentlich?
Der FC Bayern hat in der vergangenen Spielzeit sieben Partien verloren, darunter beide gegen den souveränen Meister Borussia Dortmund. Meist ist das auf die schwache Abwehrleistung zurückgeführt worden. Der neue Trainer Jupp Heynckes war sich denn auch dieser Tage nicht zu schade, den fußballerischen Kalenderspruch: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften" nochmals zu bemühen.
Desaster mit 40 Gegentoren soll nicht mehr passieren
Die Bayern haben entsprechend reagiert und in der Sommerpause massiv in die Defensive investiert. Torwart Manuel Neuer und die beiden Star-Verteidiger Jérôme Boateng und Rafinha sollen dafür Sorge tragen, dass so ein Desaster mit 40 Gegentoren wie in der Vorsaison nicht mehr annähernd passieren kann.
So zu tun, als sei mit diesen Einkäufen das Abwehrproblem gelöst, ist mindestens gewagt. Über die Qualitäten eines Manuel Neuer muss man nicht lange reden, der Keeper hat in Schalke eine imponierende Saison gespielt - er wird auch in München seine Leistung bringen, sofern er sich durch die für ihn ungewohnte neue Umgebung mit ihren bekannten Begleitumständen nicht verunsichern lässt. Allerdings hat auch Dortmund in der vergangenen Saison keinen überragenden Torwart gebraucht, um Meister zu werden. Roman Weidenfeller ist ein guter Schlussmann, mehr aber auch nicht. Auf ihn kam es im Meisterjahr am wenigsten an.
Dennoch ist Neuer ohne jeden Zweifel eine große Verstärkung. Seine Vorderleute allerdings sind unsichere Kantonisten. Keiner kann sagen, ob sie die Wünsche der Bayern-Verantwortlichen nach einer sicheren Abwehr erfüllen oder lediglich ein Versprechen bleiben.
Boateng wirkt oft ungelenk
Boateng hat in seiner Karriere selten auf dem Posten des Innenverteidigers gespielt. Er hat stets gesagt, dies sei seine Lieblingsposition. Ob er dort auch am besten aufgehoben ist, ist noch völlig offen. Zudem wirkt der 22-jährige Nationalspieler im Zweikampf häufig ungelenk, staksig und wandelt durch sein ungestümes Einsteigen gerne am Rande eines Feldverweises. Sein Nebenmann Holger Badstuber ist zwar ein Liebling von Bundestrainer Joachim Löw, aber wirkte in der gesamten Vorsaison formschwach, nervös, unsicher. Die Vorbereitungsspiele haben nicht den Eindruck erweckt, als habe sich dies grundlegend geändert.
Als Alternative bietet sich der Belgier Daniel van Buyten an. Jener hüftsteife van Buyten, der in der Vorsaison als Symbol für die Wackelabwehr der Bayern stand.
Außenverteidiger Rafinha stand seit langem auf dem Wunschzettel der Bayern. Mit zweijähriger Verspätung ist der Brasilianer jetzt an der Säbener Straße angekommen - zwei Jahre, die nicht die Jahre des Rafinha waren. Bei Schalke kam er zugegebenermaßen nicht mit Felix Magath zurecht, was nicht weiter verwundert. Er flüchtete nach Genua und spielte auch dort eine eher durchwachsene Saison. Zudem hält Rafinha die rechte Abwehrseite besetzt, die bei Bayern unter Trainer Louis van Gaal von Kapitän Philipp Lahm bearbeitet wurde. Lahm ist, um dem Brasilianer Platz zu machen, auf den linken Flügel gewechselt - die Seite, auf der er wie er selbst sagt, "offensiv stärker, aber defensiv schwächer" sei.
Ein Trainer, der seine Teams verwaltet
Fasst man zusammen: Die Bayern-Abwehr hat einen besseren Torwart. Davor agieren vier Abwehrspieler, von denen drei ihre neue Rolle im Team erst finden müssen und der vierte in einer veritablen Formkrise steckt. Hat sich die Defensive wirklich verbessert?
Die Offensive hat ihre Qualitäten bewahrt. Aber auch ihre Risiken. Die Verletzungsanfälligkeit der beiden Stars Arjen Robben und Franck Ribéry taugt mittlerweile zum Legendenstatus. Mario Gomez steht nach dem Abgang von Miroslav Klose allein als Mittelstürmer auf weiter Flur. Die Bayern-Verantwortlichen sollten ihn in Watte packen. Was Zweitliga-Torschützenkönig Nils Petersen in der Bundesliga zu leisten imstande ist, kann niemand vorhersagen. Ebenso, ob Ivica Olic nach seiner langen Verletzung wieder die alte Form erreichen kann.
Über all dem steht ein Trainer, der den Betriebsfrieden bei den Bayern nicht gefährden wird. Ein menschlicher Coach, nahbarer als der ebenso rätselhafte wie eitle Louis van Gaal. Aber Jupp Heynckes ist auch niemand, der in den vergangenen zehn Jahren durch große Erfolge oder innovative Konzepte aufgefallen ist. Jürgen Klopp hat eine Mannschaft geformt, einen Stil kreiert, der zuletzt zum Ligaauftakt die Massen begeistert hat. Jupp Heynckes verwaltet dagegen die Fähigkeiten seiner Teams. Die Spieler können unter ihm all ihre Qualitäten ausspielen. Ob der Coach sie aber dazu bringt, auch einmal darüber hinauszugehen, wenn es darauf ankommt, hat Heynckes weder in Leverkusen noch bei seinen Trainerstationen zuvor in Schalke oder Mönchengladbach nachweisen können.
Möglicherweise ist Thomas Tuchel nur ein Provokateur. Vielleicht aber ist er tatsächlich der Sachverständige des deutschen Fußballs, für den er sich selbst hält.
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