Bayern München vor nächstem Titelgewinn Meister der Langeweile

Der FC Bayern wird Deutscher Meister - das ist nichts Neues. Seit 52 Jahren geht im Schnitt jeder zweite Titel nach München. Eine Datenauswertung des SPIEGEL zeigt, dass der Abstand zum Rest der Liga immer größer wird.

Jupp Heynckes bei der Meisterschaft 2013
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Jupp Heynckes bei der Meisterschaft 2013

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Wie wohl die meisten deutschen Fußballfans weiß ich noch, was ich am 19. Mai 2001 getan habe. Ich saß auf der Haupttribüne des Hamburger Volksparkstadions. Gegen 17:17 Uhr saß ich nicht mehr. Ich stand - wie das gesamte Stadion - und bejubelte das 1:0 für den HSV gegen den FC Bayern. In der letzten Spielminute hatte Sergej Barbarez nach Flanke von Marek Heinz per Kopf zur Führung getroffen.

Der Jubel galt nicht nur dem Tor oder dem erhofften Heimsieg des HSV. Es war ein besonders schadenfroher Jubel, weil die Hamburger zum Königsmörder zu werden schienen. Schalke führte zeitgleich 5:3 gegen Unterhaching und hätte am letzten Bundesligaspieltag am Tabellenführer aus München vorbeiziehen können. Dafür brauchten die Schalker Schützenhilfe vom HSV. Und bekamen sie in Form von Barbarez' Last-Minute-Kopfball.

Noch in den Jubel hinein klingelte mein Handy. Mein Vater, auf dessen Dauerkartenplatz ich saß, wollte wissen, wie es steht. Ich erinnere mich noch, wie ich gegen den Stadionlärm ins Telefon brüllte: "Schalke ist Meister!" Ich war nicht der Einzige, der sich an diesem Tag irrte. Der Rest ist bekannt: Schober, Merk, ein Pfiff, Andersson, Kahns Liebkosung der Eckfahne. Aus dem vermeintlichen Meister Schalke wurde der Meister der Herzen.

Alle zwei Jahre eine Meisterschaft

Der echte Titel ging 2001 wieder nach München - zum dritten Mal nacheinander. Und obwohl das niemanden überraschen konnte, war es ein Saisonfinale, das in Erinnerung bleibt. Anders als in den vergangenen Jahren. Oder wissen Sie noch, wo und wie Sie einen der Bayern-Meistertitel zwischen 2013 und 2017 miterlebt haben?

Auch an den 7. April 2018 werden in 15 oder 20 Jahren die wenigsten Menschen ehrfurchtsvoll zurückdenken - obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass die Münchner nach dem heutigen 29. Spieltag erneut als Meister feststehen. Mit einem Sieg gegen Augsburg können sie mit dem sechsten Titel in Folge die eigene Rekordserie weiter ausbauen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Bayern-Dominanz keine neue Entwicklung ist. In 52 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit haben die Münchner bislang 26 Meistertitel gesammelt, zehn Saisons beendeten sie auf Tabellenplatz zwei. Nur vier Mal standen sie am Ende der Spielzeit nicht unter den besten Sechs.

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So überlegen wie nie zuvor

Obwohl die Münchner auch in den Achtzigerjahren sechs von zehn Meisterschaften gewannen, hat ihre Überlegenheit im Vergleich zum Rest der Liga inzwischen eine neue Qualität erreicht. Seit 2013 scheint die Frage nicht mehr zu lauten, ob die Bayern wieder Meister werden, sondern nur noch, wann der Titelgewinn endgültig feststeht - vor oder nach Ostern - und wie viele Punkte sie am Ende vor der Konkurrenz liegen werden.

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Nimmt man den Vorsprung auf den Zweitplatzierten als Maßstab, wird deutlich, dass die Bayern nie so dominant waren wie in den vergangenen sechs Jahren. Zwischen 2012 und 2014 hatten sie im Schnitt über 24 Punkte mehr auf dem Konto als das nächstbeste Team, seit 2015 beträgt der Abstand immer noch über 16 Zähler.

Zum Vergleich: Bei der legendären Bayern-Mannschaft der Siebzigerjahre um Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller, die dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann, betrug der Vorsprung auf den Rest der Liga im Schnitt "nur" gut 13 Punkte, in den Achtzigerjahren waren die Münchner im Schnitt weniger als zehn Zähler besser als ihre ärgsten Verfolger - jeweils umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel.

Ende der Vormachtstellung nicht in Sicht

Die Zahlen untermauern das mulmige Gefühl, das sich beim Blick auf die Tabelle einstellt: Man hat sich daran gewöhnt, dass die Bayern das überragende Team der Bundesliga sind und öfter Meister werden als jede andere Mannschaft. Aber mittlerweile sind sie dem restlichen Fußball-Deutschland soweit entrückt, dass ihre Dominanz ermüdend wird.

Für die Bundesliga kann die Einseitigkeit nicht gut sein. Die spanische Primera División zieht ihren Reiz aus der Rivalität zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Und die Premier League gilt unter anderem deshalb als beste Liga der Welt, weil Jahr für Jahr vier oder fünf Spitzenvereine um den Titel kämpfen. In Deutschland herrscht dagegen ähnliche Langeweile wie in Griechenland und Schottland.

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Und ein Ende der Vormachtstellung der Bayern ist nicht in Sicht, da sie durch ihre internationalen Erfolge und die damit in Zusammenhang stehende bessere Vermarktung deutlich mehr Geld zur Verfügung haben als alle anderen Vereine. Auch in diesem Punkt wird der Abstand zum Rest der Liga Jahr für Jahr immer größer.



insgesamt 139 Beiträge
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exxon.uk 07.04.2018
1. Die Frage ist
ob Bayern wirklich zu dominant oder andere Mannschaften einfach zu unfähig sind?! Vermutlich trifft beides zu. Es ist noch gar nicht soooo lange her, da haben die Medien und auch die Verantwortlichen bei Dortmund selbst davon gesprochen, den Bayern langfristig die Stirn bieten zu wollen. Endlich, ja endlich gibt es einen Gegner der es mit den Bayern langfristig aufnehmen kann. Was draus geworden ist, sieht man ja. Und das liegt jetzt nicht nur an der Vormachtsstellung von Bayern, sondern zum großen Teil am Versagen der Verantwortlichen bei Dortmund. Mannschaften wie Hamburg, Bremen und Stuttgart standen jahrelang immer weit oben und konnten auch mal spannende Spiele gegen die Bayern liefern. Lang ist’s her.....
Seneca 07.04.2018
2. Ohnmacht statt Übermacht
In einem leistungsorientierte Land wie Deutschland sollte man nicht die Dominanz der Bayern beklagen, sondern eher die Unfähigkeit der anderen, diese zu brechen. "Geld schießt Tore" ist doch kein Naturgesetz. Es hört sich immer so an, als wären die Bayern schuld an dem Schlamassel. Bitte hört auf zu jammern. Freut euch lieber, dass uns wenigstens einer auf der internationalen Bühne würdig vertritt.
julian0922 07.04.2018
3. Mag die Bayern nicht,
ABBA, was sollen sie machen? Absichtlich verlieren weil die anderen, die auch gutes Geld zur Verfuegung haben (siehe Dortmund), es nicht besser koennen? Wie haben wir alle am Beginn der Saison gesagt das die Meisterschaft dieses Jahr nur ueber Dortmund gehen wuerde....und als die Tuchel Mannschaft zur Bosz Mannschaft wurde war es das. Soll man das den Bayern ankreiden? Nee! Sie haben sich all die Meisterschaften erarbeitet und wem das nicht passt, premier league gucken....wie ich (aber nur weil es interessanter ist und nicht weil ich es Bayern nicht goenne). Somit Glueckwunsch und Prost....
Duracellhase 07.04.2018
4. Was kann Bayern dafür?
Ich habe ehrlich gesagt nicht genau verstanden was der Autor uns sagen will. Mir scheint, er beklagt er die relative Stärke der Bayern in der Bundesliga. Tatsächlich wäre doch eher die Schwäche des Rests der BuLi zu beanstanden, das zeigt doch der Verlauf der aktuellen CL/EL Runde. Außer den Bayern konnte längerfristig keine deutsche Mannschaft da mithalten. Die Frage sollte also eher lauten, warum kriegt es der Rest nicht gebacken. Immer auf dem Erfolg der Bayern rumzuhacken nervt.
gbaboyseb 07.04.2018
5. Finde ich super...
na dann gibt es ja nur zwei Möglichkeiten. 1) Europäische Elite-Liga wo die "besten" Vereine Europas spielen und der Meister am Ende durch lukrative Playoffs ermittelt wird 2) wieder einfach nur "FUSSBALL" spielen..>darum gehen ich ja, wenn zum Fussball, dann in die 3. Liga, obwohl auch dort schon nicht mehr alles Gold ist was glänzt.
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