Bundesliga-Bilanz Ein Hoch auf den Videobeweis

Was bleibt von dieser Bundesligasaison? Der Abstieg von Köln und Hamburg? Sicher nicht. Stattdessen der Videobeweis. Er hat dem Fußball die Emotion zurückgebracht.

Videobeweis in der Stuttgarter Arena
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Videobeweis in der Stuttgarter Arena

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Der geschätzte BVB-Blog schwatzgelb.de hat dieser Tage einen Text veröffentlicht, in der die Sehnsucht der Bundesligafans nach einer Geschichte thematisiert wurde. Mit dieser Sehnsucht wurde begründet, warum so viele dem Hamburger SV den Abstieg wünschen. Damit man von dieser Spielzeit etwas zu erzählen hat.

Aber dazu braucht es doch keinen Niedergang des HSV. Zumal das Sterben eines Pflegefalls, der seit Jahren der Agonie entgegendämmert, ja am Ende selbst bei nahen Angehörigen vielmehr das Gefühl der Erleichterung hervorruft, als von großer, gar schockhafter Emotion reden zu können. Stirb endlich, du Bestie. Nun ist sie gestorben.

Diese Saison hat eine ganz andere Story. Es ist die Saison, als der Videobeweis das Drama der Bundesliga zurückgebracht hat. Man stelle sich nur vor, diese Saison hätte ohne den Videobeweis stattgefunden. Diese Saison mit den ewigen Bayern da vorne, mit dem 1. FC Köln dort unten auf dem Abstiegsrang seit dem zweiten Spieltag. Mit Hertha, Augsburg und Mainz. Mit Peter Stöger, der Borussia Dortmund das Fußballspielen ausgetrieben hat, mit dem 1:0-Tedesco als Vizemeister mit 21 Punkten Rückstand. Der Ausfall des Eurosport Players am zweiten Spieltag als größtem Aufreger des Jahres. Und Köln und Hamburg sind übernächste Saison sowieso wieder da.

Kein Adrenalin für Schmadtke und Streich

Wie sehr dagegen hat der Videobeweis das Blut in Wallung gebracht. Wie viel Adrenalin hätten Kölns Jörg Schmadtke und Freiburgs Christian Streich nicht verschüttet, wenn die Entscheidungen althergebracht von Felix Brych und Manuel Gräfe auf dem Feld getroffen worden wären. Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Wie langweilig.

Ganz schnell wurde klar, dass dieses Instrument nicht, wie vordergründig immer noch behauptet, zur Fehlervermeidung eingesetzt wurde. Sonst hätte es ja Fehler deutlich vermieden, wenn es so gewesen wäre. Nein, die Einführung des Videobeweises hatte eine ganz andere Funktion. Die DFL hat das in vollem Bewusstsein gemacht, um den Entertainmentfaktor der Liga zu heben.

Wie machen wir die Bundesliga wieder spannend? Das hatte der Fußball-Vordenker Uli Hoeneß schon vor Jahren gefragt. Dieser nervenaufreibende Moment, wenn der Unparteiische einen Fernsehschirm in die Luft malt und der Jubel der Spieler plötzlich einfriert, als hätte sich im Kölner Keller Dornröschen mit der Nadel in den Finger gestochen. Die Minuten, die wie Stunden sind. Der Cliffhanger. Perfekt inszeniert auch, das Publikum im Stadion im Unwissen zu lassen wie in einem Haferkamp-Tatort von 1976. Nur nicht zu viel auflösen.

Wer kannte vorher kalibrierte Linien?

Und dann der Pfiff, die Überraschung, die Entscheidung, mit der niemand rechnete. Das große Raunen. Dann die Empörung, der Bluthochdruck, der Stammtisch. All das, was Fußball ausmacht. Der Riss durch die Familien heißt nicht mehr: Dortmund oder Schalke. Er heißt: Anhänger oder Gegner des Videobeweises. Beatles oder Stones, Grindel oder Streich.

Elfmeter, die niemand sah, die immer neue Interpretation der Handspielregel, die stets überraschende Deutung, was eine klare Fehlentscheidung ist und was nicht - nie kam Routine in die Spieltage, die Fans stürzten von Moment zu Moment in Wechselbäder der Gefühle. Und wer kannte vorher schon das Wort kalibrierte Linien, das jetzt Fußballfans unfallfrei in jede Debatte einwerfen können?

Strafstöße in der Halbzeitpause, wo endet die Macht des Referees, wo beginnt sie, und sitzt in dem Videokeller wirklich ein Unbekannter, der eine weiße Katze streichelt? Der Schurke, der über seine Kontrollbildschirme die Dinge regelt. Mehr James Bond war nie in der Fußball-Bundesliga.

Danke, Videobeweis. Danke, Deutsche Fußball-Liga. Ihr habt den Fußball gerettet.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
schorri 14.05.2018
1. Schafft den Mist ab
Schafft diesen Mist namens "VAR" endlich wieder ab. Nach einem Jahr "Test" mit über 300 Spielen ist doch wohl ausreichend bewiesen, dass DFB, Schiedsrichter und Spieler mit dem Blödsinn nicht umgehen können / wollen. Und für die Zuschauer, auch das ist doch wohl hinlänglich bewiesen, ist er das Desaster der Saison schlechthin.
el_sebio 14.05.2018
2. Seltsame Sichtweise
„Dann die Empörung, der Bluthochdruck, der Stammtisch. All das, was Fußball ausmacht.“ Das gehört zwar leider auch zum Fußball, das macht aber nicht den Fußball aus. Höchstens aus Sicht eines schön-Wetter-sonntags-Mitläufer-Fußballfans. Und es ist ja nicht so als wenn es das vor dem Videobeweis nicht mehr gegeben hätte. Ich bin seit 25 Jahren mit Dauerkarte ausgestattet und dank Fanclub intensiv bei der Sache, diese Sichtweise ist mir allerdings noch nie untergekommen. Videobeweis ok, aber bitte mit klaren, nachvollziehbaren Regeln. Dass sich diese erst etablieren müssen ist klar, aber so schwammig und konfus wie es diese Saison durchgezogen wurde ist alles andere als zielführend und hilfreich.
rambazamba1968 14.05.2018
3. Raub
Wenn Pizarro in der 87. Minute eingewechselt wird und in der 94. Minute das entscheidende Tor macht, was dann vom VAR wieder zurückgenommen wird, hat der Autor diesen Artikels anscheinend keine Ahnung wie man sich dann fühlt. Ich war mindestens zwei Tage traumatisiert und bin schlichtweg eines emotionalen Ausbruchs beklaut worden. Ich stand auf der Südtribüne und bin einfach komplett ausgerastet und da interessiert es mich nicht, ob dadurch der Fußball gerechter wird. Und eins steht fest. Wir werden auf lange Sicht weniger Tore haben. Ist das gewollt? Mehr Spiele, die 0:0 ausgehen. Kann ich mir nicht vorstellen. Jetzt mal im ernst. Der Videobeweis ist so für die Zuschauer im Stadion eine Katastrophe. Wenn der Ball im Tor ist, will ich in diesem Moment wissen, ob ich jubeln kann oder nicht. Oder wer jubelt gerne 5 MInuten später. Und die Zuschauer im Stadion machen am Ende des Tages den Sport groß und kein Investor oder sonstwer.
CancunMM 14.05.2018
4.
Zitat von el_sebio„Dann die Empörung, der Bluthochdruck, der Stammtisch. All das, was Fußball ausmacht.“ Das gehört zwar leider auch zum Fußball, das macht aber nicht den Fußball aus. Höchstens aus Sicht eines schön-Wetter-sonntags-Mitläufer-Fußballfans. Und es ist ja nicht so als wenn es das vor dem Videobeweis nicht mehr gegeben hätte. Ich bin seit 25 Jahren mit Dauerkarte ausgestattet und dank Fanclub intensiv bei der Sache, diese Sichtweise ist mir allerdings noch nie untergekommen. Videobeweis ok, aber bitte mit klaren, nachvollziehbaren Regeln. Dass sich diese erst etablieren müssen ist klar, aber so schwammig und konfus wie es diese Saison durchgezogen wurde ist alles andere als zielführend und hilfreich.
Ich denke mal der Artikel ist satirisch gemeint. Alles Andere wäre verrückt. Mal wird ein Tor aberkannt, weil vorher ein Foul mehrere Sekunden vorher geschah, dann wieder nicht wie am Samstag in Berlin als Werner klar Kalou foult und kurz danach das Tor schiesst. Schafft diesen Mist ab. Niemand verlang von Schiedsrichtern, dass sie immer alles sehen. Aber wenn man dann das Video hat und immer noch falsch entscheidet, dann wird es ärgerlich.
Ponyhofromantik 14.05.2018
5. Objektivität sollte das Ziel sein ...
... und wie der Artikel gut darlegt, ist genau das nicht eingetreten. Man redet sich die Köpfe heiß, weil es eben nicht objektiv ist. Also kann man diese Pseudo-Objektivität auch gleich lassen. Fußballregeln sind nun mal Interpretationssache: Beim 2:1 von Wolfsburg standen beim Pass 2 Wolfsburger im passiven Abseits. Der Ball wurde auf die rechte Seite zum nicht abseitsstehenden Spieler gespielt, der den Ball nach innen brachte, woraus das Tor resultierte. Wie oft hörte man in der Sportschau den Satz "... indem er jetzt eingriff, wurde aus dem passiven aktives Abseits ...". Hier gilt das aber trotz Videobeweises nicht? Weil die Bewertung "Ist es eine neue Spielsituation?" eben nicht objektiv, sondern höchst interpretativ subjektiv ist. Wenn Objektivität aber nicht möglich ist, dann lasst es. Dann kann sich als Fan über den Schiri aufregen, aber den Faktor Mensch als potentielle Fehlerquelle akzeptieren. Ein Assistenzsystem funktioniert jedoch nur, wenn es objektiv ist - wie z.B. die Torlinientechnik.
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