Gladbach in der Krise "Druck, Druck, Druck"

Wieder auswärts verloren, wieder eine Klatsche bekommen: Nach der Pleite in Bremen ist die Stimmung bei Borussia Mönchengladbach mies. Das Überraschungsteam der vergangenen Saison ist noch immer auf der Suche nach dem richtigen System - ein Versäumnis des Trainers.

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Gladbach-Profis Marx, Jantschke, de Jong (v.l.): 16 Gegentore in acht Bundesliga-Spielen
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Gladbach-Profis Marx, Jantschke, de Jong (v.l.): 16 Gegentore in acht Bundesliga-Spielen


Hamburg - Max Eberl wollte nur noch nach Hause, aber er durfte nicht. Als der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach nach der 0:4-Pleite seines Teams bei Werder zu seinem Auto auf dem Parkplatz des Bremer Weserstadions ging, wurde er bereits erwartet. Aufgebrachte Fans stellten ihren Sportdirektor zur Rede.

Die Borussia-Anhänger wollten Erklärungen nach der zweiten Auswärtsklatsche in der Bundesliga in Folge. Antworten auf die Frage, warum ihr Team in dieser Saison häufig so schlecht auftritt. Eberl analysierte: "Wir haben die Stabilität im Kopf verloren." Was er damit meinte, übersetzte Trainer Lucien Favre: "Uns fehlt das Vertrauen, die Geduld." Er hätte auch sagen können: Die Mannschaft ist völlig verunsichert.

Hinten kompakt stehen und aus dieser stabilen Defensive heraus die Offensive ankurbeln: Das war in der vergangenen Saison das Erfolgsrezept der Gladbacher. Die Borussia galt als das beste Konter-Team der Liga, wurde nach dem Fast-Abstieg 2011 ein Jahr später sensationell Vierter. Doch von der erstklassigen Defensive spricht niemand mehr in Gladbach.

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16 Gegentore in acht Bundesligaspielen, das sind die nackten Zahlen. Nur 1899 Hoffenheim hat mit 17 eingefangenen Treffern eine noch schlechtere Bilanz. Gladbach ist Tabellenzwölfter mit nur neun Punkten, und selbst die haben sie teilweise mit Glück geholt. Sowohl bei den Unentschieden in Leverkusen (1:1) als auch zu Hause gegen den Hamburger SV (2:2) durfte Gladbach nur deshalb einen Punkt einstreichen, weil beide Gegner beste Chancen vergaben. Beim Heimsieg gegen Frankfurt (2:0) war die Eintracht fast 90 Minuten überlegen.

Die zentrale Frage in Gladbach mit Blick auf die Krise lautet: Liegt es an den Spielern oder am System? Die Antwort: beides.

Gerne wird bei der Borussia auf die prominenten Abgänge Marco Reus (zu Borussia Dortmund), Dante (Bayern München) und Roman Neustädter (Schalke 04) verwiesen, um die sportliche Misere zu erklären. Und dann folgt der Zusatz, die neuen Spieler Alvaro Dominguez, Granit Xhaka und Luuk de Jong bräuchten noch Zeit. Nur wie lange noch? Bislang hat noch niemand aus dem Trio bewiesen, dass er eine echte Verstärkung ist.

Die Kritik darf aber nicht nur auf die Spieler abzielen, auch der Trainer muss sich ihr stellen. Nach dem Abgang vom Über-Spieler Reus hat Favre ja immer wieder betont, dass das System Gladbach der vergangenen Saison so nicht mehr funktionieren kann. Weil Reus mit seiner Genialität als Spielmacher und hängende Spitze zugleich nicht zu ersetzen war. Und weil in de Jong ein Stürmertyp kam, der nicht in das bisherige Konzept passt, weil er trotz aller Qualitäten vor dem Tor zu statisch agiert.

Favre blieb seinem 4-2-3-1-System dennoch zunächst treu. Schließlich gab es in Juan Arango und Patrick Herrmann noch zwei Spieler aus dem einst genialen offensiven Dreier-Mittelfeld. Nur Reus war weg, aber den konnten weder Arango noch Igor de Camargo oder Alexander Ring ersetzen. Favre stellte auf 4-2-2-2 um. Doch unter de Jong, de Camargo und Mike Hanke wollte sich kein Pärchen finden, das im Angriff zusammenpasst. Zwischendurch gab es sogar ein 4-2-2-1-1 mit Tolga Cigerci als hängende Spitze. Gegen Bremen kehrte der Schweizer wieder zum 4-2-3-1 zurück.

Zwei Monate und 13 Pflichtspiele nach dem Saisonstart hat Favre weder das passende System für seinen Kader gefunden noch die ideale Besetzung zentraler Positionen. Xhaka wurde eigentlich als Neustädter-Ersatz neben Havard Nordtveit auf der Doppel-Sechs verpflichtet. Doch der Schweizer spielte auch schon im rechten und zentralen offensiven Mittelfeld, weil dort qualitativ gute Alternative fehlen. Im defensiven Mittelfeld, von dem man sagt, dass dort im modernen Fußball die Spiele entschieden werden, kamen in dieser Saison in Nordtveit, Xhaka, Cigerci und Thorben Marx bereits vier Profis in verschiedenen Kombinationen zum Einsatz.

"Wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten", sagt Favre, der sich nicht allzu gerne auf Diskussionen um sein System einlässt. Abwehrchef Martin Stranzl stellt hingegen die Charakterfrage: "Der ein oder andere hat es anscheinend noch immer nicht verstanden", sagte der Österreicher bei Liga total!. Stranzl glaubt, dass "wir Druck, Druck, Druck brauchen". Spielt Gladbach so weiter, wird es davon noch genug geben.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Greg84 21.10.2012
1.
Wäre mir recht, von Slomka halte ich ohnehin mehr, aktuell würde es mich aber auch nicht wundern, wenn Heynckes noch ein Jahr dranhängt, irgendwie scheint mir der Trainermarkt grade recht leer zu sein.
fusselsieb 21.10.2012
2. lange Wege
Favre läßt immer durch die Mitte spielen. Immer gleiches System. Da wir einer angespielt, der abtropfen lassen soll, und dann ist der Ball im klein-klein Spiel weg. Vielleicht sollte er mehr über die Außen kommen lassen und dnan mit Flanken nach innen oder hinten. Dann bekommt auch deJong seine Bälle. Vielleicht sollte er auch einsehen, das Xhaka es nicht packt.
nordsicht 21.10.2012
3. optional
Wenn Favre recht hat und Xhaka und de Jong sich erst noch an die Buli gewöhnen müssen, kann er sie nicht spielen lassen. Dasselbe gilt für Dominquez. Die drei sind gegenwärtig keine Verstärkung; man sollte ihnen Zeit geben wir sie Martinez in München erhalten hat. Bis dahin sollte ein System gefunden werden, das dem erfolgreichen möglichst nahe kommt: Hanke für de Jong; Hermann auf die Reus-Position, ggf. im Wechsel je nach Tagesform mit Mlapa oder Hrgota. Jantschke neben Nordtveit auf die 6 und Wendt oder Zimmermann hinten rechts. Die IV bilden Stranzl und Brouwers. Wenn die 6er vernünftig verteidigen sind die beiden gut. Standards sind vergangene Saison - auch ohne Dante - kein Thema gewesen. Das alles würde zwar bedeuten, die neuen und womöglich sogar Eberl zu desavouieren; es hilft aber alles nichts. Gladbach steht fast da, wo Favre übernommen hat. Mit denselben Mitteln (Abwehr,Abwehr, Abwehr) wie damals kann er jetzt wieder loslegen, leider. Das Team braucht Führung. Hanke kann das, Xhaka hat offenkundig noch nicht das Standing. Die nächsten, die es hätten, wären Jantschke und Nordtveit. Man muß sich wohl von allen Hoffnungen, an die gute Platzierung, anknüpfen zu können verabschieden und erst einmal wieder Sicherheit gewinnen. Eigentlich sollte Favre das gelingen - wem sonst?
rangifer 21.10.2012
4. wette das..
..Favre der erste Trainer ist, der in dieser Saison entlassen wird. Der schafft mal ein "one hit wonder" und dann ist Feierabend, siehe Herta BSC Berlin.
anonym 21.10.2012
5. Unterschätzt
Es gibt viele Punkte die man kritisch Hinterfragen kann. Man hatte viel Zeit gehabt um sich ernsthafte Gedanken zu der Nachfolge von Reus, Neustädter und Dante zu machen. Es war klar gewesen, dass es sehr sehr wichtige Spieler waren und dann muss ich "gestandene" Profis holen und nicht Spieler, die noch sehr viel Zeit benötigen. Diese Zeit hat man eben nicht. Des Weiteren hatte man ebenfalls genug Zeit gehabt, um sich um das Spielsystem zu kümmern. Es kann doch nicht sein, dass man nach 12 Spielen immer noch nach dem richtigen System sucht? Das es nur an Favre liegt ist ebenfalls zu einfach und nicht richtig. Er hat es doch vorletztes Jahr auch geschafft innerhalb kürzester Zeit ein Team zu bilden. Warum jetzt nicht? Ansonsten muss ich mich Fragen, warum Gladbach soviel Wert auf Charakterspieler legt und dann einen Xhaka kauft. (siehe Interview in der Schweiz) Klar die Verantwortlichen müssen sich einige Fragen gefallen lassen, aber es ist eben nicht immer so einfach wie viele es glauben.
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