HSV-Sieg gegen Freiburg Spielerisch reicht es nicht, kämpferisch schon

Der Hamburger SV setzt im Abstiegskampf auf bewährte Tugenden und gewinnt so Spiele - und die Herzen der eigenen Fans. Derweil hadert Freiburg erneut mit einer Schiedsrichterentscheidung.

Dennis Diekmeier und Kyriakos Papadopoulos
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Dennis Diekmeier und Kyriakos Papadopoulos


Ende 2016 machte der damalige Hamburger Trainer Markus Gisdol Gotoku Sakai zum Mannschaftskapitän. Die Entscheidung wurde damals kontrovers diskutiert, Sakai galt als zu leise. Am Samstag, nach dem 1:0-Sieg des HSV gegen den Sportclub Freiburg, wies der Japaner allerdings nach, dass die Entscheidung eine der besseren in Gisdols Amtszeit war.

Nicht nur, dass Sakai als Chef im Mittelfeld mal wieder einer der Besten seines Teams gewesen war. Er war auch der Erste, der den Blick nach dem Sieg im Sechs-Punkte-Spiel wieder auf das Große und Ganze richtete. Der Kapitän beschrieb, warum seine Mannschaft, die sich noch vor wenigen Wochen desolat präsentierte und am Tabellenende stand, nun wieder hofft, zumindest noch die Relegationsspiele zu erreichen. Weil die fußballerischen Basics stimmen: "Manchmal reicht es bei uns spielerisch nicht, um ein Spiel zu gewinnen. Dann muss der Kampf stimmen - so wie heute."

Stimmungstechnisch wäre Hamburg ein Verlust für die Liga

Tatsächlich hatte man beim HSV am Samstag zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sich das Team bereits aufgegeben hat. Allein das ist angesichts von immer noch satten fünf Zählern Rückstand auf Rang 16 bemerkenswert. Der Einsatz stimmte, der Funke sprang von den Rängen aufs Feld und von dort zurück, stimmungstechnisch wäre das Volksparkstadion in dieser Verfassung allemal ein herber Verlust für die Bundesliga.

Fans des Hamburger SV
REUTERS

Fans des Hamburger SV

Aber gilt das auch für die Mannschaft? Die schien nicht konkurrenzfähig, bis ihr Christian Titz eine auf Ballbesitz basierte Spielweise verordnete und den Spielern immer wieder eintrichterte, dass sie ruhig offensiv spielen dürfen. Zu verlieren hatten sie sowieso nichts mehr.

Am Samstag klappte das nur bedingt. Vor allem in der ersten Hälfte nicht, in der sich die Hamburger keine echte Torchance erspielten, dafür aber eine alarmierend hohe Fehlpassquote hatten und bei ihren Standards nie für Gefahr sorgten. Im zweiten Durchgang wurde es besser.

Freiburg verzweifelt an sich selbst - und an Pollersbeck

Freiburg, das die erste Hälfte dominiert hatte und mal wieder an der eigenen Chancenverwertung sowie am starken HSV-Keeper Julian Pollersbeck verzweifelte, verlor komplett den Faden.

Doch außer dem Hamburger Siegtreffer von Lewis Holtby (52.) - Folge einer Energieleistung und eines Aussetzers der kompletten Freiburger Defensive - kam auch der HSV nur noch einmal gefährlich vors Freiburger Tor. Aber Bobby Wood und Filip Kostic blamierten sich ebenso wie es vor der Pause Jannik Haberer bei Freiburgs Hundertprozentiger getan hatte. Abstiegskampf eben - in all seiner spielerischen Dürftigkeit.

Noch fünf Punkte Rückstand für den HSV

Aber Fragen nach der fußballerischen Qualität interessierten nach dem Schlusspfiff niemanden im Hamburger Lager. Weder die glücklichen Spieler noch die 52.000 Fans im Volkspark, die die Mannschaft nach allen Regeln der Kunst feierten. Mit dem Sieg hat der HSV den Rückstand auf den Relegationsplatz auf fünf Punkte reduziert, bei einem Sieg in Wolfsburg am kommenden Wochenende wären es nur noch zwei.

Bliebe noch die Szene, die zumindest aus Freiburger Perspektive nicht ganz unerheblich für den Spielausgang war: In der 71. Minute stellte Referee Benjamin Cortus Freiburgs Caglar Söyuncü nach einem Laufduell mit Kostic vom Platz - Gelb-Rot. Das hätte man als überharte, aber vertretbare Entscheidung abhaken können, wenn er nicht kurz zuvor den ebenfalls verwarnten Hamburger Matti Steinmann nach einem harten Foul an Mike Frantz auf dem Feld gelassen hätte (70.) - Titz wechselte den Youngster konsequenterweise daraufhin aus.

"Gnade vor Recht"

Freiburgs Trainer Christian Streich sprach bei der Pressekonferenz vage von "den Situationen, die den Hamburgern extrem geholfen haben", blieb ansonsten aber bei seiner Linie vom Mainz-Spiel, nichts zur Schiedsrichterleistung zu sagen. Das erledigte dafür Frantz: "Bei denen lässt er Gnade vor Recht ergehen, und Caglar stellt er vom Platz."

Am kommenden Samstag erwartet der Sportclub den 1. FC Köln zum vierten Spiel in Folge gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. Nachdem die ersten drei verloren gingen, braucht Freiburg dringend ein Erfolgserlebnis - und noch dringender Punkte.



insgesamt 11 Beiträge
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telarien 22.04.2018
1. Mitgefühl
Mein Mitgefühl gilt Freiburg. Seit Wochen laufen Schiedsrichterentscheidungen scheinbar gegen sie. Sie haben den kleinsten Etat der Liga. Bei den Bayern kommt dagegen gefühlt nie ein Anruf aus Köln, sie haben den größten Etat. Fußball ist ein Geschäft....
le.toubib 22.04.2018
2.
Was zum Teufel haben die Schiedsrichter eigentlich gegen den SCF? ---Zitat--- Stimmungstechnisch wäre Hamburg ein Verlust für die Liga ---Zitatende--- Braucht der SC auch sich ständig prügelnde Hooligans, um kein "Verlust für die Liga" zu sein? Denn wenn dem so sein sollte, *das* können wir zur Not auch: Oliver Kahn musste es schon am eigenen Leib spüren, allerdings an einem Körperteil, das bei Ihm nicht ganz so ausgeprägt oder in Hip-Hop-Neusprech, das bei ihm nicht so "wohldefiniert" zu sein erschien. Fussball scheint wirklich am Ende angelangt zu sein, wenn Sätze wie "stimmungstechnisch wäre Hamburg ein Verlust für die Liga" spielentscheidend werden. *CIRCENSIS SINE PANE*
RalfHenrichs 22.04.2018
3. Mit Glück und mit Hilfe des Schiedsrichters gewonnen
Ein Sieg in Wolfsburg ist dennoch nicht sicher. Zwar ist auch der VfL schwach, aber der HSV eben weiterhin auch. Und selbst dann sind es noch zwei Punkte. Danach spielt der HSV in Frankfurt und zu Hause gegen Gladbach, die dann vielleicht noch um Platz 7 kämpfen. Klar, ein Wunder ist noch möglich, aber das wär's dann auch weiterhin: ein Wunder.
Eirikol 22.04.2018
4. Die Relegation ist einfach nur peinlich
Die Relegation wurde pünktlich dann eingeführt, als der HSV zum Dauerpatienten im Abstiegskampf zu werden drohte, und da ist sie noch, diese Beihilfe eines vermeintlichen Dinos. Diese gibt es in keiner anderen europäischen Topliga und das aus gutem Grund. Ein System, das den Dritten der 2. Liga abstraft und den (dauer)Drittletzten der 1. Liga belohnt, ist nicht unbedingt vorbildlich. Der HSV ist unabsteigbar? Für mich und viele andere ist der HSV längst abgestiegen, darf aber mit Sondererlaubnis weiter als Kanonenfutter in der 1. Liga dienen. Und damit macht sich in erster Linie die Bundesliga lächerlich.
Pit.Hansen 22.04.2018
5.
Möglicherweise versteh ich die SPON-Spielerstatistiken falsch ... Deshalb bitte ich um Aufklärung, wie Sakais Gesamtpunktzahl von 13 mit dieser Aussage aus dem Artikel zusammenpasst: „Sakai als Chef im Mittelfeld mal wieder einer der Besten“. Herzlichen Dank
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