Von Peter Ahrens
Hamburg - Es war der bisherige Härtetest für den FC Bayern München in dieser Bundesligasaison. Hannover 96 war angetreten, der Liga zu beweisen, dass diese bisher so souveränen Bayern doch schlagbar sind. Am Ende hatte 96 verdient 2:1 (1:0) gewonnen und dem Tabellenführer die erste Auswärtsniederlage der Saison beigebracht. Mohammed Abdellaoue und Christian Pander trafen für Hannover, David Alaba für die Bayern.
Bayern bleibt zwar an der Tabellenspitze, der Abstand zum Verfolger Borussia Dortmund hat sich an diesem Wochenende aber auf drei Punkte deutlich verringert. Signal und Mutmacher an den Rest der Liga gleichermaßen: Diese Saison kann doch spannend werden.
Das Team von Trainer Jupp Heynckes musste eine halbe Stunde in Unterzahl bestreiten, nachdem Nationalverteidiger Jérôme Boateng nach einem tumultartigen Handgemenge am Spielfeldrand schon Mitte der ersten Halbzeit die Rote Karte gesehen hatte. Als Hannovers Kapitän Steven Cherundolo nach 63 Minuten die Gelb-Rote Karte sah, war zwar wieder zahlenmäßige Gleichheit hergestellt. Aber da lag München schon mit zwei Toren im Rückstand. Hannovers Mittelstürmer Abdellaoue hatte per Foulelfmeter in der 23. Minute die Führung erzielt. Pander erhöhte kurz nach dem Wechsel. Der Treffer des eingewechselten Alaba in der 82. Minute kam zu spät.
Tempo und Hektik von Anfang an mit im Spiel
"Heute lief viel gegen uns, wir haben einen Elfmeter und dann einen Platzverweis verursacht, der aber unberechtigt war. Nach der Pause haben wir zwei Riesenchancen, wenn wir da das 1:1 schießen, hätten wir noch gewinnen können", sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes. "Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, dass er gar keine Karten geben und weiterlaufen lassen soll. Es war undurchsichtig, ich glaube, da kann man gar nichts entscheiden", kommentierte sein Kollege Mirko Slomka den Platzverweis von Boateng.
Es war ein ebenso aufregendes wie aufgeregtes Spiel, das sich beide Teams vor 49.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena lieferten. Hektik und Tempo waren von Anfang an zu gleichen Teilen in der Partie. 96 war vom Anpfiff weg bissig, aggressiv. Die Bayern wirkten durchaus beeindruckt, versuchten zwar, ihr übliches Kombinationsspiel aufzuziehen. Das Zweikampfverhalten der Hannoveraner jedoch zeigte Wirkung.
Die Schlüsselszene der Partie war das Gerangel, das zum Platzverweis für Boateng führte. Im Anschluss an ein rüdes Foul von Rafinha an Sergio Pinto war es unmittelbar zuvor zur Rudelbildung an der Seitenlinie gekommen. Boateng ließ sich ohne Not zu einem Schubser gegen Christian Schulz provozieren. Der umsichtige Schiedsrichter Manuel Gräfe ließ sich zuerst Zeit für eine Beratung mit seinen Assistenten und zeigte dem Münchner dann Rot. Schulz sah Gelb.
Zahlreiche Chancen auf beiden Seiten
Bis dahin hatten die Bayern die Partie zumindest offengehalten, auch wenn sie zum Zeitpunkt des Platzverweises bereits in Rückstand lagen. Wieder hatte sich ein Nationalspieler eine Dummheit erlaubt: Philipp Lahm hatte seinen Kapitänskollegen Cherundolo im Strafraum gefoult, obwohl überhaupt keine unmittelbare Torgefahr bestand. Abdellaoue bedankte sich für das Geschenk und verwandelte den fälligen Elfmeter sicher ins Eck.
Der Rest der ersten Hälfte sah eine Begegnung wie zugeschnitten auf die Spielphilosophie von Hannover: Den Gegner kommen lassen, ihn dann im passenden Moment attackieren und überfallartig kontern. Abdellaoue und Lars Stindl hätten in dieser Phase bereits das zweite Tor machen können, im Fall Stindl auch müssen.
Nach dem Seitenwechsel kamen wütende Bayern aus der Kabine. Mario Gomez hatte zweimal die große Ausgleichsmöglichkeit auf dem Fuß, zweimal scheiterte er am stark reagierenden Ron-Robert Zieler. Der junge Keeper war sichtlich bemüht, seine schwache Leistung aus dem Europa-League-Spiel gegen Kopenhagen vergessen zu machen. Fast im Gegenzug gab Pander einen seiner gefürchteten Distanzschüsse ab. Bayerns Defensivspezialist Luiz Gustavo fälschte den Ball unhaltbar für Manuel Neuer zum zweiten 96-Treffer ab. Alabas Anschlusstor änderte nichts mehr an der Niederlage. Bisher hatten die Bayern erst einmal in dieser Spielzeit das Feld als Verlierer verlassen: bei der 0:1-Heimpleite zu Saisonstart gegen Borussia Mönchengladbach.
Chancen hatten beide Mannschaften in den 90 Minuten im Übermaß, das Ergebnis noch auf der einen oder anderen Seite zu beeinflussen. Allein Abdellaoue traf zweimal nur den Pfosten, auf der Gegenseite hatte Toni Kroos Pech mit einem Lattenschuss, Bastian Schweinsteigers Schuss zwei Minuten vor dem Ende landete wieder nur am Pfosten. Sky-Livereporter Marcel Reif sprach gar vom "besten Bundesligaspiel dieser Saison". Da könnte er einmal recht gehabt haben.
Hannover 96 - Bayern München 2:1 (1:0)
1:0 Abdellaoue (23. Foulelfmeter)
2: 0 Pander (49.)
2:1 Alaba (82.)
Hannover 96: Zieler - Cherundolo, Haggui, Pogatetz, C. Schulz (46. Rausch) - Stindl, Schmiedebach, Pinto, Pander - Schlaudraff (70. Chahed), Abdellaoue (77. Ya Konan)
Bayern München: Neuer - Rafinha (68. Alaba), J. Boateng, Badstuber (87. Petersen), Lahm - Luiz Gustavo, B. Schweinsteiger - T. Müller, T. Kroos, Ribery - M. Gomez (84. Olic)
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 49.000
Gelbe Karten: Pinto (5), Schmiedebach (4), Schulz (3), Zieler (2) - Ribéry
Gelb-Rote Karte: Cherundolo
Rote Karte: Boateng
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