Helmut Rahns erste Bundesliga-Saison: Tore, Baugruben und ein Eiswein

Von Ben Redelings

Für Helmut Rahn, den Helden der WM 1954, lief die Bundesliga-Premierensaison nicht nach Wunsch: Er startete mit einem fiesen Revanchefoul und ließ sich immer wieder vom Alkohol verführen. Den konnte ihm auch ein Pferd nicht austreiben.

Weltmeister Rahn: Am Auftaktspieltag der ersten Bundesliga-Saison im Einsatz Zur Großansicht
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Weltmeister Rahn: Am Auftaktspieltag der ersten Bundesliga-Saison im Einsatz

Drei Weltmeister von 1954 stehen am ersten Spieltag der Bundesliga 1963 auf dem Rasen, zwei von ihnen schießen sogar ein Tor: Helmut Rahn für den Meidericher SV und Max Morlock für den 1. FC Nürnberg. Nur Hans Schäfer für den 1. FC Köln geht leer aus.

Neun Jahre nach dem WM-Triumph von Bern ist es auch ein Weltmeister, der als erster Spieler der Bundesliga vom Platz verwiesen wird. Den sichtlich fülliger gewordenen Helmut Rahn erwischt es am vierten Spieltag in der Partie seiner Meidericher zu Hause gegen Hertha BSC (1:3). In der 77. Minute lässt er sich zu einem Revanchefoul am Berliner Beyer hinreißen. Mit Kopf und Schulter rammt Rahn den Hertha-Spieler so unsanft, dass Schiedsrichter Deuschel den bulligen MSV-Profi sofort in die Kabine schickt.

Das ist jedoch nicht der einzige Aussetzer des gebürtigen Esseners, der mittlerweile nebenbei ein Autohaus betreibt. "Verkauf, Vermittlung, Finanzierung - Helmut Rahn" steht über seinem Geschäft. 25 Autos hat er in kürzester Zeit verkauft und berichtet stolz: "Die Leute rufen sogar aus dem Sauerland an!"

Beim MSV läuft es nicht ganz so gut. Im März muss Helmut Rahn versprechen, sich "künftig voll und ganz für den Verein einzusetzen". Gerüchte wurden laut, dass sich der Meidericher bereits mit einem anderen Verein einig sei, doch Rahn versichert: "Von einer erneuten Abwanderung ins Ausland ist keine Rede." Mehrmals schwänzt der Weltmeister das Training. Ein Disziplinarausschuss des MSV denkt über eine angemessene Strafe nach.

Alkoholisiert mit den Auto in eine Baugrube gefahren

Trainer Gutendorf schwört jedoch weiterhin auf den Weltmeister. "Riegel-Rudi" kaufte Rahn vor der Saison für 60.000 Gulden aus seinem Vertrag in Enschede heraus - gegen die Stimmen eines Großteils der MSV-Verantwortlichen. Rahn hatte in den Wochen zuvor eher private denn sportliche Schlagzeilen geschrieben. Mit seinem Auto war er alkoholisiert in eine Baugrube gefahren.

Um eine andere Schwäche des Weltmeisters, die Unpünktlichkeit, besser in den Griff zu bekommen, kauft Gutendorf ein gemeinsames Pferd für Rahn und ihn. Fortan kümmern sich die beiden morgens um sieben um das Renntier und gehen danach direkt zum Training. Den Alkohol kann der Coach Rahn jedoch nicht austreiben. Am Vorabend des Spiels in Köln, so erzählt Gutendorf Jahre später, habe sich der "Boss" eine halbe Kiste Bier reingetan. Am nächsten Tag sei er beim 3:3 der beste Mann auf dem Platz gewesen.

An einem anderen Abend muss Rahn etwas zu lange im Haus seines Trainers warten. Als sich der Gastgeber auch nach über einer halben Stunde nicht blicken lässt, leert der schon vorher nicht vollkommen nüchterne Boss, um des lieben Pegels willen, Gutendorfs feinste Tropfen aus dem Weinkeller. Erst einen "Domtaler Eiswein" aus dem Jahr 1949 und dann, als der Trainer immer noch keine Anstalten macht, seinen Besuch zu empfangen, öffnet Rahn auch noch eine edle Flasche der Trockenbeerenauslese "Bernkastler Doktor". Als Gutendorf schließlich doch noch kommt, blickt er zuerst entsetzt auf die leeren Weinflaschen und dann in die glasigen Augen seines sichtlich angeschickerten Stürmers.

Dieser Text ist aus dem Buch "50 Jahre Bundesliga - Das Jubiläumsalbum".

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insgesamt 2 Beiträge
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1. der Boss
esnike 23.08.2012
war ist und bleibt der Grösste!
2. Auf dem Platz vielleicht schon.
swandue 23.08.2012
Zitat von esnikewar ist und bleibt der Grösste!
Aber leider nicht im Leben.
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