Von Peter Ahrens
Die Ausgangslage: 142. Revierderby - was für eine Zahl! Vor exakt 142 Jahren erfand James Beall Morrison den Zahnarztbohrer. Vor ungefähr 142 Jahren beging Schalke 04 seine letzte deutsche Fußball-Meisterschaft. Vor gefühlt 142 Wochen bestritt Christoph Metzelder (früher BVB, heute S04, dazwischen ein ganz klein bisschen Real Madrid) sein bisher letztes Ligaspiel über 90 Minuten. Es gab also viel zu feiern.
Die erste Halbzeit: Die Schalker Halbzeit. Fazit: Königsblau ist doch die mit Abstand beste Mannschaft des Ruhrgebiets. Die Festspiele begannen bereits damit, dass vor dem Anpfiff die Vertragsverlängerung von Kapitän Benedikt Höwedes bis 2017 verkündet wurde. Anschließend überfallartige Angriffe über außen mit Atsuto Uchida und Michel Bastos, präzise Flanken in die Mitte, und dort zuverlässige Abnehmer in Person von Julian Draxler (11. Minute) und Klaas-Jan Huntelaar (35. Minute). Und der BVB? Lernte, dass grippekranke Spieler ins Bett gehören und nicht ins Abwehrzentrum. Trainer Jürgen Klopp hat das zur Pause auch verstanden und ließ Mats Hummels ab dann draußen.
Die zweite Halbzeit: Die Dortmunder Halbzeit. Fazit: Der BVB ist doch die klar bessere Mannschaft der beiden. Mit der Hereinnahme von Marco Reus zur zweiten Hälfte kehrten sich die Machtverhältnisse weitgehend ins Gegenteil. Schalke verdaddelte die üblichen Konterchancen und trug ansonsten nicht mehr viel zum Spiel bei. BVB-Stürmer Robert Lewandowski traf erst ins Tor (59. Minute) und dann nur Schalke-Keeper Timo Hildebrand (88.). So endete ein typisches Unentschiedenspiel mit einem Schalker 2:1-Erfolg.
Duell des Spiels: Robert Lewandowski und Klaas-Jan Huntelaar - beide Großverdiener, beide Mittelstürmer, beide Profis, die nicht immer und überall den Eindruck erwecken, als hinge ihre Herz zu 100 Prozent am Revier. Und beide Torschützen im Derby. Einen Sieger gab es also nicht. Aber einen Verlierer. Es scheint, als habe Königsblau den Erfolg mit einer schweren Knieverletzung Huntelaars extrem teuer bezahlt.
Junior des Tages: Julian Draxler ist 19 Jahre alt. Er hat am Samstag sein 100. Pflichtspiel für Schalke gemacht. Keiner vor ihm war in diesem Alter so weit. Bei Twitter wurde vor dem Spiel die Frage gestellt, wer der Bessere sei: Draxler oder Mario Götze? Dass eine solche Frage überhaupt gestellt wird, war bis zum Anpfiff für Draxler schon ein Erfolg. Nach dem Spiel muss man sich sogar ernsthaft mit der Beantwortung dieser Frage befassen.
Reif des Tages: "Die Stimmung hier im Stadion ist nun einmal so, wie sie ist. Wir haben hier Regionalliga West vom Feinsten." Einen Marcel Reif in die Nähe von Regionalliga-Niveau zu rücken, wäre uns dagegen noch nie in den Sinn gekommen.
Analyse des Spiels: Dortmund arbeitet erfolgreich daran, dass die Bayern bereits Meister sind, wenn der BVB sie im April zum Rückspiel in der Liga empfängt. 20 Punkte Rückstand hat Schwarz-Gelb mittlerweile auf den Rekordmeister. Jetzt kann sich das Team von Jürgen Klopp in aller Ruhe auf das weit wichtigere Saisonziel konzentrieren, den FC Schalke am Ende hinter sich zu lassen. Das bisschen Champions League machen sie ja eh nebenbei. Endspiel wahrscheinlich gegen Schalke.
Bewertung des Spiels: Schalke ist nunmehr seit fünf Spielen in der Liga unbesiegt, dazu mit veritablen Aussichten auf das Champions-League-Viertelfinale ausgestattet. Dabei waren sie vor vier Wochen schon so gut wie mausetot. Und dem Trainer Jens Keller werden jetzt bereits die ersten Hymnen gedichtet. Da wächst ein echter Meistercoach heran. Beziehungsweise ein Meister-Interimscoach. Dabei ist es doch so offensichtlich: Keller - ein Mann dieses Namens ist wie geschaffen für eine Stadt, die sich ihren Ruf unter Tage erworben hat. Aber es hat ja auch niemand je an ihm gezweifelt.
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