Stuttgart-Pleite gegen Hertha Ratlos nach der Verjüngungskur

Es sah fast so aus, als würde Stuttgart gegen Hertha BSC zumindest einen Punkt retten können. Doch kurz vor Schluss kam erneut der entscheidende Gegentreffer - und der VfB verlor zum siebten Mal in Folge. Trainer Schneider gehen die Ideen aus, die Angst vor dem Abstieg greift um sich.

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VfB-Profis, Trainer Schneider (r.): Siebte Niederlage hintereinander
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VfB-Profis, Trainer Schneider (r.): Siebte Niederlage hintereinander


Als Spieler und Verantwortliche des VfB Stuttgart in den Stadionkatakomben versuchten, Worte zu finden für das, was an diesem Samstagnachmittag passiert war, hörten die Zuschauer oben auf der Tribüne noch einmal "You'll Never Walk Alone". Es war der Schlusspunkt eines Spiels, das den Stuttgartern in seiner mitleidslosen Härte wie der immer gleiche Alptraum vorkommen musste.

Siebenmal hat der VfB mit dem 1:2 (1:1) gegen Berlin nun in Folge verloren. Doch diese Niederlage war in ihrer Entstehung ungleich bitterer - und gleichzeitig auf groteske Art versöhnlich: Das Stuttgarter Publikum gilt als launisch. Jede Menge Unmut von den besseren Plätzen hatte zuletzt immer wieder mitgeholfen, das labile Mentalgerüst der jungen Mannschaft so sehr zum Wackeln zu bringen, dass jeder sportliche Rückschlag zum Niederschlag wurde. An diesem Samstag jedoch wurde die Mannschaft von einem großen Teil der 45.000 Zuschauer trotz der Pleite bei Abpfiff beklatscht.

Team und Fans scheinen wieder zusammenzuwachsen. Stuttgart hat begriffen, was sich abzeichnet und was sich mit feindseliger Stimmung nur schwerlich vermeiden lässt: Der eingeschlagene Weg mit jungem Trainer und jungen Spielern könnte in der zweiten Liga enden - mit dem ersten Abstieg seit 1975.

"Wir werden wieder aufstehen"

Schon jetzt ist die Angst in Stuttgart zu spüren, nach der Partie gegen Berlin näherte sich die Stimmung vor den Spielerkabinen einer aussichtslosen Apathie. Stürmer Cacau suchte mit leeren Augen Erklärungen auf den Bildschirmen über ihm, Verteidiger Antonio Rüdiger tat selbiges auf dem Boden. Das Resultat war identisch: ein leises Flüstern, lange Pausen, kurze Sätze. "Wir werden einen Tag brauchen, um darüber hinwegzukommen", hauchte Cacau und Rüdiger sagte: "Wir werden wieder aufstehen." Das erinnerte an vieles, aber nicht an das Wort Kampf in Bezug auf Abstiegskampf.

In der Winterpause hatte der VfB die Stellschrauben so gedreht, dass die Mannschaft in der kommenden Saison wieder vorne angreifen würde können. So verfügen die Stuttgarter im Zuge des Verjüngungsprozesses derzeit über ein sehr zahmes Team, zumal ohne Protagonisten wie Vedad Ibisevic (Rotsperre) und Christian Gentner (Muskelfaserriss), die gegen die Hertha erneut fehlten. "Wir haben wichtige Spieler entbehren müssen", sagte auch Trainer Thomas Schneider.

Umso erstaunlicher war es, dass das Team erstmals seit Monaten wieder einen Rückstand aufholen konnte. Zuletzt war ein Rückstand der Anfang vom Ende gewesen, gegen Augsburg und Hoffenheim stand es am Ende jeweils 1:4. Diesmal kämpfte sich das Team nach dem frühen Treffer von Levan Kobiashvili (5. Minute) zurück. Spielerisch nicht überzeugend, aber in der Folge immer zwingender, drückten die Stuttgarter auf den Ausgleich. So kam das 1:1 durch Arthur Boka nicht überraschend (45.).

Es gehört zur Ironie dieser Niederlage, dass es der VfB in der Folge erstmals seit langem vermochte, sich im Laufe eines Spiels zu steigern. Zuvor war das Team einfach irgendwann zusammengebrochen. Gegen Berlin aber erarbeitete es sich sogar Chancen auf einen Führungstreffer nach Rückstand, 14 Torschüssen der Stuttgarter standen neun der Berliner gegenüber.

Viermal fiel der entscheidende Gegentreffer kurz vor Abpfiff

Am Ende brachte das alles jedoch ebenso null Punkte wie die Spieltage zuvor. Der eingewechselte Sandro Wagner köpfte kurz vor Schluss nach einem Standard den Siegtreffer für die Berliner (87.). Viermal hat der VfB nun in diesem Jahr 1:2 verloren, viermal fiel das zweite Gegentor kurz vor Schluss.

Da ist es auch keine Hilfe, dass Trainer Schneider im Anschluss bemerkte, "dass die Mannschaft noch lebt". Es ist auch kein Trost für die Stuttgarter, dass man als Bundesliga-15. momentan nicht auf einem Abstiegsrang steht. Der Trend und die spielerische Leistung über 90 Minuten sprechen gegen die Stuttgarter. "Scheiße", findet das alles Timo Werner. Der 17-Jährige wirkt wie die gesamte Mannschaft extrem verunsichert. Wie das in den kommenden Spielen in Frankfurt und gegen Braunschweig anders werden soll, ist nur schwerlich zu erkennen.

Schneider hat in den vergangenen Wochen schon fast alle Umschaltknöpfe versucht zu drücken. Ohne Erfolg. "Viel Glück", wünschte Berlins Trainer Jos Luhukay, der selbst von einem "glücklichen Sieg" sprach. Im Umfeld aber wachsen die Zweifel, dass nur fehlendes Glück die Krise verantwortet. "Erfahrene Trainer tun sich auch schwer, das haben wir gesehen doch gerade erst gesehen", verteidigte sich Schneider.

Noch sind die Verantwortlichen von diesem mutigen Weg, der irgendwann in eine goldene Zukunft führen soll, überzeugt. Allein, in der Gegenwart offenbart dieser Weg den einen oder anderen Abgrund.

VfB Stuttgart - Hertha BSC 1:2 (1:1)
0:1 Kobiaschwilli (5.)
1:1 Boka (45.)
1:2 Wagner (87.)
Stuttgart: Ulreich - Schwaab (90.+4 Haggui), Rüdiger, Niedermeier, Gotoku Sakai - Khedira (76. Yalcin), Boka - Harnik, Maxim, Timo Werner - Abdellaoue (67. Cacau)
Berlin: Kraft - Pekarik, Sebastian Langkamp, Kobiaschwilli, van den Bergh - Hosogai - Ndjeng (85. Brooks), Nico Schulz (80. Wagner) - Cigerci - Allagui, Ramos (90.+3 Niemeyer)
Schiedsrichter: Robert Hartmann
Zuschauer: 45.700
Gelb-Rote Karte: Wagner wegen Foulspiels (90.+2)
Gelbe Karte: Allagui (2)
Torschüsse: 14 / 9
Ecken: 5 / 8
Ballbesitz: 50 Prozent / 50 Prozent

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Franke aus Hamburg 23.02.2014
1. Auweia...
...VfB. Aber keine Sorge. Es ist ganz einfach. Sucht euch ein oder zwei Vereine aus ... sagen wir Frankfurt und Bremen und knüppelt sie fußballerisch nieder. Dann habt ihr mit Braunschweig den dritten Absteiger und sogar noch Freiburg in Reserve. So machen wir in Hamburg das! Nur der HSV!
barth1808 23.02.2014
2. Welcher Weg?
Statt Spieler wird in Stadionausbau investiert, statt in Trainer in VIP Lounges. Beim VfB gibt es nur den Weg der falschen Entscheidungen. Und da ist Vereinsspitze gefragt. Nicht Schneider, der aus einem Ackergaul auch kein Rennpferd machen kann, nicht Bobic - der kann auch nicht mehr Geld ausgeben, als er vom Verein bekommt. In Stuttgart gilt es bei der Vereinsführung anzusetzen - hier wurden die Weichen falsch gestellt - am Ende hat man ein Weltniveau-Stadion in dem man dann die Zuschauer suchen kann in der 2. Liga. Und ich sage, das ist noch nicht das Ende - diese Vereinbsführung bringt den VfB, wenns sein muss auch noch weiter runter! Über MV hat man sich oft aufgeregt, aber damals war zumindest der Verein erfolgreich, ich hätte nicht erwartet, dass der Tag kommt aber ich will MV zurück!
grätscher 23.02.2014
3. Bobic...
...wäre es zu verdanken, wenn wir am Ende absteigen. Was dieser Versager in 4 Jahren aus diesem Verein gemacht hat grenzt schon an mutwillige Zerstörung. Wie der mit dem Geld umgeht ist Wahnsinn(Labbadia's Vertragsverlängerung und dann feuern, 5 mios für Hannovers Ersatzbank, usw....), es werden zu Saisonbeginn keine klaren Ziele definiert, Bobic war ein guter Kicker, ist aber als Manager grausamschlecht
grätscher 23.02.2014
4.
Anstatt in der zurückliegenden Transferperiode in die drittschlechteste Abwehr zu investieren wird ein 18 Jahre altes Talent aus Ecuador fürs Mittelfeld für viel Geld geholt, das die Ersatzbank wärmt...das zeugt von Planlosigkeit hoch 10 und bringt mich als Fan zur Weißglut. Dieser Jugendwahn endet kommende Saison in Paderborn, und unser Präsi laberte bis vor 2 Wochen von der Championsleage!!! Versager und Ignoranten auf allen Ebenen sind auf dem Wasen am Werk
uh17 23.02.2014
5. Artikel und Kommentare
erinnern mich doch sehr an meinen HSV, bis gestern jedenfalls erteinmal. ;-) Vereinsführung ... Bobic - Kreuzer ... MV - Hoffmann ... Stimmt wahrscheinlich in beiden Fällen. Am Ende wird dann aber immer wieder nur der Trainer gefeuert.
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