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13. Januar 2015, 05:07 Uhr

Fifa-Auszeichnung Ballon d'Or

3:1 für Deutschland

Aus Zürich berichtet

Okay, Ronaldo ist Weltfußballer des Jahres. Doch drei andere Fifa-Auszeichnungen gehen an Trainer und Spieler aus Deutschland. Die Kraft des Kollektivs siegt über die individuelle Klasse - ein großer Erfolg für den DFB.

Ein erstaunlich zufriedenes Lächeln lag auf dem Gesicht von Manuel Neuer, als er am Montagabend das Kongresshaus im Schatten der schneebedeckten Berge am Zürichsee verließ - und das war durchaus bemerkenswert. Denn der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft und des FC Bayern ist eigentlich daran gewöhnt, ganz oben zu stehen, nun war er aber in eine ziemlich ungewohnte Rolle hineingeraten.

Mit 15,72 Prozent der Stimmen landete er bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres nur auf dem dritten Platz, gewonnen hat wieder einmal Cristiano Ronaldo (37,66 Prozent) vor Lionel Messi (15,76). Aber Neuer war sehr zufrieden mit diesem Ergebnis. "Das ist ein toller Erfolg, nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Mannschaften, in denen ich spiele, und für die ganze Torhüterschaft", sagte der 28-Jährige. In seiner Gesamtheit war der Abend aber vor allem zu einem grandiosen Erfolg für den deutschen Fußball geworden.

Denn die Mittelfeldspielerin Nadine Kessler vom VfL Wolfsburg und ihr Klubtrainer Ralf Kellermann wurden zur besten Spielerin und zum besten Trainer im Frauenfußball gekürt. Und Joachim Löw erhielt den Preis für den Männertrainer des Jahres 2014. Drei der vier Titel gingen an Deutschland, außerdem wurden mit Toni Kroos, Philipp Lahm und Neuer drei DFB-Spieler in die Elf des Jahres berufen, mehr als aus jedem anderen Land. Und dieses prächtige Gesamtbild ist symptomatisch für die Entwicklung, die der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren genommen hat.

Der Fußball im Land des Weltmeisters steht auf einer sehr breiten Basis, seine Stärke zeigt sich nicht im Auftauchen überirdischer Einzelkönner, sondern in der Kraft des Kollektivs. Das war bereits das zentrale Motiv des so erfolgreichen WM-Turniers in Brasilien. Als Joachim Löw mit eben diesem Pokal, den er in Zürich erhalten hatte, aus dem Festsaal herausschlenderte, sagte er: "Ich bin stolz, dass wir diesen Preis gewonnen haben."

Dieses "wir" in der Kommentierung einer individuellen Auszeichnung steht eigentlich im Widerspruch zu der Veranstaltung, die die Fifa in jedem Januar zu einer großen Show der großen Einzelhelden aufbauscht. Aber es verkörpert den Zeitgeist im deutschen Fußball. Auch Frauentrainer Kellermann bezeichnete seinen Preis als "Gesamtwerk und Teamleistung" - doch Löw ging noch viel weiter. Er nehme die Auszeichnung "nur stellvertretend entgegen", denn ohne viele wichtige Mitarbeiter und die richtigen Weichenstellungen im Verband hätte er die WM und damit auch die Welttrainertrophäe nicht gewinnen können.

Selbst Jürgen Klinsmann, der 2004 die im Sommer mit dem WM-Titel gekrönten Modernisierungen angestoßen habe, stehe ein Teil dieser Welttrainerauszeichnung zu. Deutschlands Fußball blüht also - selbst wenn die Bundesliga weiterhin auf den ersten "Ballon d'Or"-Gewinner aus einem ihrer Klubs warten muss.

Dafür sind die deutschen Fußballtrainer umso erfolgreicher. Im vorigen Jahr gewann Jupp Heynckes diese Auszeichnung, und Jürgen Klopp zählte seinerzeit zu den drei Finalisten. Es scheint, als sei die Trainerarbeit des DFB im Moment weltweit führend. Und alle die erfolgreichen Fußball-Lehrer predigen nicht nur die große Magie des Kollektivs, sie praktizieren dieses Credo auch konsequenter als viele ihrer Kollegen.

Ronaldo hingegen inszeniert sich als Gegenentwurf zu diesem Glauben an die planvolle Kollektivarbeit. Er ist der weltgrößte Fußballindividualist, der zwar auch gewissenhaft für seine Teams arbeitet, aber nicht darüber spricht. Seinen Sieg feierte er mit einem inbrünstig hervorgestoßenen "Uhhh" auf der Bühne, und nach einem kurzen Dank an die Familie begann er schon wieder von neuen Titeln zu sprechen. "Kollektiven" und natürlich auch "individuellen". Ronaldo ist nicht nur die prominentere Marke, wahrscheinlich ist er einfach der passendste Preisträger.

Neuer jedenfalls sagte: "Es steht den Wählern zu, ihre Wahl so zu treffen, wie sie möchten. Das ist ihr Recht, sie wollten Ronaldo, und damit hat er es auch verdient." Ronaldo fand das natürlich auch, diese Auszeichnung motiviere ihn, weiter zu machen, "ich möchte noch mehr Titel, vielleicht werde ich Messi noch einholen", sagte er in Anspielung auf die Tatsache, dass der Argentinier den Ballon d'Or mit seinen vier Weltfußballertrophäen einmal mehr gewonnen hat.

So etwas würde Manuel Neuer nie sagen, und vielleicht ist das auf dieser Bühne nahe dem Fifa-Hauptquartier kein Vorteil. Ein Vorteil für die Mannschaften, in denen der Torhüter spielt, ist diese Haltung aber ganz bestimmt.

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