Hrubeschs Sieg mit DFB-Frauen Reine Kopfsache

4:0-Erfolg zum Auftakt gegen Tschechien: Unter Interimstrainer Horst Hrubesch zeigte sich die zuletzt kriselnde Frauen-Nationalmannschaft verbessert. Ist nun sogar ein langfristiges Engagement denkbar?

Horst Hrubesch
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Horst Hrubesch


Lena Goeßling strahlte nach dem 4:0-Erfolg gegen Tschechien von einem Ohr zum anderen, als die ARD sie nach der Zusammenarbeit zwischen Interimscoach Horst Hrubesch und dem Team befragte. Kein Wunder. Goeßling war zwischenzeitlich von Ex-Bundestrainerin Steffi Jones aussortiert und kurz darauf wieder eingeladen worden. Die Ehre ihres 100. Länderspiels ließ Jones der Wolfsburgerin dann durch eine Einwechslung in der 90. Minute zuteilwerden. Derartige Volten sind von Hrubesch, der einst Torschützenkönig und Deutscher Meister mit dem HSV wurde, nicht überliefert.

Er ist ein Mann der klaren Ansprache und führte damit sowohl die männliche U18 als auch U21 zum Europameistertitel. Einfach, direkt, herzlich und unkompliziert, so stellt er sich auch den Fußball vor, mit dem sich die Frauen ihr verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückholen sollen.

Beim Erfolg gegen Tschechien gelang dies noch nicht in allen Belangen. Vor allem in der Defensive offenbarte das Team Schwächen. Doch in der Offensive gelang es den Deutschen, zahlreiche Angriffe konsequent zuende zu spielen. Leonie Maier, die zunächst als linke und in der zweiten Hälfte als rechte Außenverteidigerin auflief, war ein wichtiger Faktor im Spiel. Auch Alexandra Popp, Sara Däbritz, Svenja Huth und Vierfachtorschützin Lea Schüller harmonierten gut.

Warum die Zwischenlösung Hrubesch notwendig wurde

Zweimal hatte die DFB-Führung, zu der als Sportdirektor auch Hrubesch gehört, die schützende Hand über Jones gehalten - um dann doch einen Schlussstrich zu ziehen. Jones blieb Bundestrainerin, als die DFB-Frauen im EM-Viertelfinale 2017 historisch früh ausschieden. Auch als die WM-Qualifikation im letzten Herbst in Gefahr geriet, durfte Jones weitermachen. Überraschend souverän besiegte ihr Team die sich ebenfalls im Umbruch befindlichen Französinnen in einem Freundschaftsspiel und rettete sich in die Winterpause. Doch als im März vier der Top-5-Fußballnationen - USA, Deutschland, England und Frankreich - in einem Freundschaftsturnier ihre Kräfte miteinander maßen, gelang der deutschen Nationalelf nicht ein einziger Sieg.

 Sara Doorsoun und Neu-Trainer Horst Hrubesc h
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Sara Doorsoun und Neu-Trainer Horst Hrubesc h

Während die Probleme auf dem Platz dieselben blieben, ging das Selbstvertrauen weiter verloren. Vor dem Spiel am Samstag verriet Hrubesch dem DFB: "Auf der einen Seite spielt der Kopf eine große Rolle: Wenn der nicht funktioniert, funktionieren meist auch die Beine nicht. Das hat man in den zurückliegenden Spielen sehen können. Auf der anderen Seite hat an den entscheidenden Stellen auch das Glück gefehlt, um sich aus dem Tal herauszukämpfen."

Was hat Hrubesch verändert?

Der Interimscoach hat weder den Kader noch die 4-4-2-Grundformation verändert. Wo er konnte, fuhr Hrubesch die Komplexität herunter. Bei seinem Trainerteam setzt er auf das Team, das ihm schon als U21-Trainer der Männer zugearbeitet hatte - ergänzt um Ulrike Ballweg, der Dauerassistentin von Erfolgscoach Silvia Neid. Beim Kader legt Hrubesch großen Wert auf Eingespieltheit. Große Blöcke aus Wolfsburg und Bayern dominieren das Aufgebot. Selbst bei den Wechseln wurde Vielfalt vermieden. Als die Wolfsburgerinnen Anna Blässe und Goeßling das Feld verließen, kamen mit Verena Faißt und Melanie Leupolz zwei Münchnerinnen hinein.

Direkt nach Abpfiff suchte Hrubesch das Gespräch mit seinen Spielerinnen. Keine zwei Minuten waren im Tschechien-Spiel vergangen, ohne dass Hrubesch Anweisungen gab. "Sara, lauf durch!", "Almuth, geh vor, Du hast so viel Platz". Immer folgte auf den einzelnen Namen die klare Handlungsanweisung. Keine abstrakten Motivationsrufe. Simple Führung. Hrubesch gelingt es wie Jupp Heynckes, geradlinige Authentizität alter Schule mit modernem Fußballwissen zu vereinen uns so einen Draht zu seinem Team zu entwickeln. Er fordert Herz und lebt Herzlichkeit vor.

Wenn die Deutschen auch das Spiel am kommenden Dienstag gegen Slowenien mit Horst Hrubesch an der Seite erfolgreich bestreiten, warum sollte er das Traineramt dann nicht auf Dauer übernehmen? Oder zumindest die Zwischenlösung bis nach dem wichtigen Rückspiel gegen Island im September ausdehnen?

Hrubesch hat jedoch nur für die zwei Spiele im April zugesagt. Auf die Schnelle war keine langfristige Lösung gefunden worden, weshalb er eben selbst eingesprungen sei. Man suche schließlich nicht nur eine Bundestrainerin, sondern ein ganzes Trainerteam, berichtete DFB-Präsident Reinhard Grindel nach Abpfiff. Vielleicht verriet Grindel dabei schon das Geschlecht der angestrebten Dauerlösung.



insgesamt 2 Beiträge
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derboesewolfzdf 09.04.2018
1. hier zeigt sich der Wert....
...einen Fachmann/frau zu haben. Einen Trainer zu haben, der das Maximum aus dem Spielerpool holt und nicht Sympathien oder sonstige Abhängigkeiten von der Aufstellung abhängig macht. Alleine die unsägliche Behandlung von Frau Gößling bei Ihrem 100sten "Einsatz" rechtfertigte die Entlassung von Frau Jones. Vielleicht hilft die Geschichte ja auch anderen Managern besser zu entscheiden, wenn es um die Auswahl von geeignetem Personal geht. Kompetenz schlägt immer "Stallgeruch".
cmann 10.04.2018
2. Da sieht man mal
was Sachverstand (Hrubesch) so alle bewirken kann (übrigens gibt es den bei Männlein und Weiblein) allerdings nicht unbedingt bei der geschassten Bundestrainerin nebst dem DFB Vorstand in Person von Herrn Grindel. Hrubesch steht ja leider nur für 2 Begegnungen zur Verfügung, ein weiterer Fehler ist ihm nicht bis nach dem Islandspiel die Verantwortung zu übertragen. Offensichtlich ist man beim DFB nicht in der Lage kompetentes Führungspersonal zu finden. Jones und Grindel sind echte Negativbeispiele mit deutlich vorhandener Inkompetenz!
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