"Strukturelle und personelle Probleme" Deutsche Schiedsrichter beklagen Missstände

Die Stimmung bei Deutschlands Schiedsrichtern ist schlecht. Strukturelle Probleme, willkürliche Förderung, so die Vorwürfe. Der DFB bestreitet das - dürfte mit einer Aussitz-Taktik aber alles nur noch schlimmer machen.

Rote Karte für Bewertungen nach "Gutsherrenart"
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Rote Karte für Bewertungen nach "Gutsherrenart"


Marija Kurtes sollte eigentlich die nächste Bibiana Steinhaus werden. Steinhaus ist die erste Unparteiische im deutschen Profifußball, und Kurtes schickte sich an, sie zu beerben. Bereits als 19-Jährige pfiff sie in der Frauen-Bundesliga, mit 26 wurde sie Fifa-Schiedsrichterin und leitete Regionalligaspiele bei den Männern. Der DFB kürte sie 2014 zur Schiedsrichterin des Jahres. Wie Steinhaus bescheinigte man auch ihr das Potenzial für die große Bühne.

Doch daraus wird nichts. Vor zwei Wochen trat Kurtes überraschend zurück und schrieb einen Abschiedsbrief an den DFB. In dem klagt sie über "strukturelle und personelle Probleme", "fehlende Transparenz in den Entscheidungsstrukturen" und "gefühlte Ungerechtigkeiten". Von den Aktiven sei "Systemkonformität" gefragt, sonst treten "Repressionen und gezielte Willkür zum Vorschein". Einige Schiedsrichterinnen würden gar entgegen eigener Werte und Überzeugungen handeln, weil es "verlangt" werde. Über den Brief hinaus wollte Kurtes auch auf Nachfrage nichts mehr sagen.

Die Stimmung unter den deutschen Regelhütern ist angespannt. Die Referees sollen in den höchsten deutschen Männer- und Frauen-Ligen für Gerechtigkeit und Fairness sorgen. Doch genau eine solche Fairness und Gerechtigkeit vermissen viele vom Verband, der die Schiedsrichter ausbildet und deren Einsätze koordiniert.

"Es ist äußerst schade"

Der DFB-Vizepräsident und Schiedsrichter-Verantwortliche Ronny Zimmermann sagt: "Wir sind seit einem Jahr gemeinsam bemüht, auch den Bereich der DFB-Schiedsrichterinnen weiterzuentwickeln, Strukturen zu schaffen und neue Wege zu gehen." Er gibt sich betroffen von Kurtes Rücktritt: "Es ist äußerst schade, wenn so eine talentierte Schiedsrichterin so einen Schritt geht." Doch Kurtes, der es laut eigener Aussage nicht darum geht nachzutreten, ist kein Einzelfall. Auch Caroline Telahr hörte auf, sie pfiff in der zweiten Frauen-Bundesliga und assistierte in der ersten.

Ein häufiger Vorwurf an den DFB: Der Verband nehme keine Rücksicht auf Schiedsrichterinnen, die nebenher arbeiten oder studieren. Zimmermann wies darauf hin, dass es nicht einfach sei, den Zwischenbereich von Profis und Amateuren zu handhaben. "Manche sind im Mutterschutz, andere stehen im Beruf, andere im Studium. Es ist schwierig, das Puzzle zusammen zu kriegen".

Ärger gibt es jedoch nicht nur bei den Frauen, sondern auch im Profibereich der Männer, wo es zwar deutlich mehr Privilegien und höhere Antrittsgelder gibt, doch ebenfalls Unmut über bestimmte Abläufe herrscht. Im Fokus stehen Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel, der zum Saisonende aufhört, und DFL-Berater Hellmut Krug.

"Menschenverachtende Zustände"

Kritiker werfen den beiden Ignoranz vor, sie sollen nach Gutsherrenart regieren. Besonders die Bewertungen - jeder Schiedsrichter erhält pro Einsatz Punkte - sorgt für Missstimmung. Diese Leistungsnachweise sind wichtig, denn wie Vereine können auch Schiedsrichter auf und absteigen.

Bei jedem Spiel ab der vierten Liga aufwärts sitzt ein Beobachter im Stadion, der nach dem Spiel schon mal eine mündliche Bewertung des Schiedsrichters abgibt. In den Tagen danach erhalten der Schiedsrichter selbst sowie die Kommission einen Bewertungsbogen von dem Beobachter, auf dem der die Leistung des Referees anhand verschiedener Kriterien benotet hat. Der Zuständige der Kommission prüft den Bogen noch "auf seine Schlüssigkeit, bevor er dann für den Schiedsrichter und seine Assistenten freigegeben wird". Auf der Grundlage und anderen Faktoren wie Häufigkeit der Fortbildungen und Perspektive sowie Alter steigt ein Schiedsrichter auf oder ab.

Fandel und Krug, so heißt es, würden die Bewertungen nachträglich vor dem Fernseher korrigieren. Angeblich würden Fandel und Krug diese Nachbearbeitung auch dazu nutzen, um vermeintliche Lieblingsschüler zu bevorzugen. Der DFB weist das entschieden zurück: "TV-Bilder führen zu keiner nachträglichen Veränderung der Bewertung, um Schiedsrichter zu bevorzugen."

Offen will sich kein Aktiver darüber äußern. Dafür erzählen Ehemalige wie Markus Merk von "großem Unmut" unter den Kollegen. Noch deutlicher wird Ex-Referee Babak Rafati, der sich im November 2011 das Leben nehmen wollte. Für seinen damaligen Schritt seien auch die "menschenverachtenden Zustände" verantwortlich gewesen. Niemand müsse sich wundern, "wenn es irgendwann mehr Leute gibt, die in die gleiche Richtung steuern wie ich damals".

Rafati hört derzeit viele Beschwerden seiner Ex-Kollegen: "Es gibt keine Transparenz oder Entscheidungen nach Leistungsprinzipien. Da geht es nach Nase." DFB-Vize Zimmermann nennt die Entscheidungswege hingegen "transparent" und bittet um Nachsicht: Aus 75.000 Schiedsrichtern die 23 Besten herauszusuchen, sei nicht einfach. "Der Bewertungsbogen ist durchaus ein hochgradig individueller. Wir sind eben nicht beim Weitsprung, wo der mit der größeren Weite gewinnt. Schon die Nummer 24 ist unzufrieden und fühlt sich persönlich falsch beurteilt. Aber das ist in der Eilte immer so."

"Hilferufe werden ignoriert"

Ein weiteres Problem ist offenbar der Umgang mit Fehlern. Das sagt Rafati, das sagt auch Kurtes. "Es fehlt an einer gelebten Fehlerkultur", schreibt sie. Und nennt ein eindrückliches Beispiel aus ihrer eigenen Karriere, das sie im April 2015 in die Schlagzeilen brachte. In der Nachspielzeit eines EM-Qualifikationsspiels war eine Spielerin bei einem Elfmeter zu früh in den Strafraum gelaufen. Anstatt ihn wiederholen zu lassen, gab Kurtes regelwidrig indirekten Freistoß.

Der englische Fußballverband FA legte wegen der Entscheidung Protest gegen die Wertung der Begegnung ein. Mit Erfolg: Fünf Tage später wurde das Spiel mit dem Elfmeter in der Nachspielzeit fortgesetzt. Ein einmaliger Fall. Kurtes musste vor Ort bleiben, obwohl sie das Wiederholungsspiel eh nicht pfeifen durfte. Sie sagt, es sei ein Fehler gewesen, "dass ich mir nach dem Spiel für drei Tage die Selbstbestimmung habe nehmen lassen und nicht direkt nach Hause bin". Kurtes fühlte sich vom DFB alleine gelassen, ein Krisenmanagement habe es nicht gegeben.

Rafati ist sich sicher, dass derzeit ein "Tsunami" auf die Schiedsrichter-Verantwortlichen zurollt. "Hilferufe werden ignoriert. Der DFB sollte klug sein, jetzt zu handeln", sagt er. Zimmermann spricht hingegen davon, dass Rafati nach dessen Suizidversuch des öfteren Hilfe angeboten wurde, das Gesprächsangebot gelte weiterhin.

Rafati fordert nun eine offene Diskussion, darin sieht DFB-Vize Zimmermann kein Problem: "Wir haben beim letzten Lehrgang auf Mallorca sehr offen diskutiert", sagt er. "Wir wissen, dass das Schiedsrichterwesen nicht perfekt ist, aber wir arbeiten stetig an Verbesserungen."



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leander.hoffmann 10.03.2016
1. Schiedsrichter in Deutschland
Seit Jahren ist in Deutschland ein Niedergang der Leistungen und der Qualität der ersten Reihe der Schiedsrichter zu beobachten. Es werden haarsträubende Fehler gemacht, die Spiele entscheiden. Schiedsrichter ernennen sich mit ihrem Gehabe zu Hauptpersonen auf dem Platz, obwohl sie nur das Spiel pfeifen und nicht den Ausgang bestimmen sollen. Skandale wie Hoyzer und andere beeinträchtigen das Bild zusätzlich. Der Ruf nach dem Videobeweis ist die logische Konsequenz des Versagens auf dem Platz.
Elfenschubser 10.03.2016
2.
Wie kann der DFB unter solch desaströsen Umständen sich noch anmaßen, Spielern, Trainern und Vereinen gegenüber Sperren, Geldstrafen oder Zuschauerausschlüsse auszusprechen?! Erst mal vor der eigenen Tür kehren...
wallaceby 10.03.2016
3. Schlimm schlimm...
Aus Sicht einer Frauenschiedsrichterin "treten Repressionen und gezielte Willkür zum Vorschein", ein anderer, aus seiner Sicht auch durch persönliche Probleme in einen "Burn-out-Zustand" gekommener Herrenschiedsrichter prangert "Menschenverachtende Zustände" im Schiedsrichterwesen an! Hört, hört! Man könnte glauben, wenn man das alles liest, dass hier Überlebende eines straflager-ähnlichen Betriebes aussagen...! Dabei sind es nur Fussball-Schiedsrichter, männlich wie weiblich, die sich in ihren Aufstiegsbemühungen so manchen, nicht eingeplanten Schwierigkeiten gegenübersehen. Tja, das Leben als Schiedsrichter ist kein Pony-Hof, möchte man den "bedauernswerten, geschundenen" Protagonisten da am liebsten zurufen. Oder anders gesagt: KOMMT WIEDER RUNTER !! Was glaubt ihr eigentlich, wer oder was ihr seid?! Es gibt in jedem Betrieb die wohlbekannten Ehrgeizlinge, die wenn es mal nicht nach ihren Vorstellungen läuft, zum dramatisieren neigen. Aber wenn schon, dann bitte nicht mit obigem Vokabular! Niemand will euch abmurksen, ihr armen, armen Schiedsrichter!
redbayer 10.03.2016
4. Menschenverachtende Zustände
in Fußball und DFB. Warum sollten sich Fußballer und Vereine anders verhalten als es die Politik und die deutsche Einheitspartei (CDU+SPD+Grüne) vormachen. Lügen, betrügen, das Volk ausnehmen und sich selbst die Taschen voll stopfen. Das ist eben die "neue Kultur" in Deutschland, da müssen einen selbst die Millionen Zuwanderer leid tun (die haben aber Priorität bei Merkel)
ctulhu 10.03.2016
5. genau die gleichen Probleme
...Wie vor zwanzig Jahren. Aus exakt den gleichen Gründen hab ich mit dem schiedsrichten aufgehört. Auf dieses ganze gekungel hatte ich einfach keine Lust. Wer nicht zum inneren Zirkel gehörte, hatte einfach keine Chance... ...Nach Leistung wurde gelegentlich tatsächlich bewertet, aber das waren angenehme Ausnahmen. Leider. Ich spreche übrigens von Berlin.
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