DFB-Pleite gegen Brasilien Im März wird man nicht Weltmeister

Bundestrainer Joachim Löw bleibt nach dem 0:1 gegen Brasilien gelassen. Dafür kritisiert Toni Kroos seine Mitspieler ungewohnt scharf. Doch dabei geht es vor allem um das Machtgefüge innerhalb des DFB-Teams.

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Aus Berlin berichtet


Vor dem Spiel gegen Brasilien war Joachim Löw gefragt worden, ob ihn die öffentliche Kritik von Abwehrchef Jérôme Boateng nach dem 1:1 gegen Spanien gestört habe. "Das geht absolut in Ordnung", hatte der Bundestrainer gesagt, ganz allgemein - um dann vor allem selbstkritische Ansätze zu loben. Darunter dürfte das Fazit von Toni Kroos nach der 0:1-Heimniederlage gegen die Selecão nicht fallen: "Einige hatten heute die Chance, sich zu zeigen", sagte der Mittelfeldspieler von Real Madrid. "Wenn man die Möglichkeit hat, kann man schon eine andere Körpersprache erwarten."

Namen nannte Kroos nicht, aber wer die 90 Minuten in Berlin verfolgt hat, kann problemlos Bezüge herstellen. Torhüter Kevin Trapp erwischte einen ganz schwachen Tag, auch wenn ihn Löw von einer Mitschuld am Treffer von Gabriel Jesus (37. Minute) freisprach. Ilkay Gündogan leistete sich zu viele Ballverluste. Leon Goretzka konnte, wenn auch auf einer Position, die ihm nicht liegt, seine Stärken nie einbringen. Leroy Sané kam über ein paar gute Ansätze nicht hinaus.

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DFB-Auswahl in der Einzelkritik: Gündogan taucht ab

Die Liste könnte problemlos verlängert werden, auch um den läuferisch sehr dezent agierenden Kroos. Doch der 28-Jährige ist Stammspieler, er muss sich keine Sorgen um seinen Platz im WM-Kader machen. Anders als Trapp, Goretzka, der defensiv anfällige Linksverteidiger Marvin Plattenhardt oder die eingewechselten Sandro Wagner, Lars Stindl, Niklas Süle und Julian Brandt. Allesamt Confed-Cup-Sieger 2017, als Löw viele Stammspieler schonte und die zweite Reihe zu überzeugen wusste. Und so kann sowohl Boatengs als auch Kroos' Kritik an den Mitspielern auch so verstanden werden: Hey, wenn wir in Russland Weltmeister werden wollen, dann bitte mit möglichst vielen etablierten Haudegen in der Startelf.

Im Moment steht der Klubfußball an erster Stelle

Es stand ohnehin nie zur Debatte, schon vor der WM in Russland einen Umbruch voranzutreiben, auch wenn im aktuellen Kader für die Partien gegen Spanien und Brasilien nur noch acht Weltmeister von 2014 standen. Der größte Erkenntnisgewinn der beiden Spiele ist daher, dass die etablierten Spieler im Machtgefüge der Mannschaft wieder an Wichtigkeit zugelegt haben.

Aus sportlicher Sicht halten sich die Erkenntnisse für den Turnierverlauf in Russland dagegen in Grenzen. Auch wenn die Testspiele gegen zwei andere WM-Mitfavoriten im Vorfeld zu einer echten Standortbestimmung hochgejazzt wurden, kann es zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht anders sein. Es ist März, die Spieler verfolgen in ihren Klubs noch ganz andere Ziele, es konnte nur wenig trainiert werden, zudem standen für Deutschland zwei völlig unterschiedliche Mannschaften auf dem Platz. Seit Löw Bundestrainer ist, gab es im Vorfeld von großen Turnieren insgesamt acht Testspiele in dieser Phase der Saison, davon wurden nur drei gewonnen, bei einem Remis und vier Niederlagen.

"Mir bereitet gar nichts Sorgen", sagte der Bundestrainer. "Ich weiß, was wir können." Er habe schon vorher gewusst, dass noch viel Arbeit anstehe. "Deshalb ist das Trainingslager von gut zwei Wochen so wichtig." In Südtirol wird Löw seine Mannschaft vom 23. Mai an auf Russland einstimmen, dann dürften auch wieder Freistöße und Eckbälle auf dem Trainingsprogramm stehen - diese Stärke kam gegen Spanien und Brasilien überhaupt nicht zum Tragen.

"Das war vorher Quatsch, das ist jetzt Quatsch"

Am 15. Mai muss der Bundestrainer seinen vorläufigen WM-Kader benennen. Bis dahin bleiben noch viele offene Fragen: Erlangt Torhüter Manuel Neuer rechtzeitig die nötige Fitness samt Spielpraxis? Wie viele gelernte Außenverteidiger will Löw mitnehmen? Drängt sich einer aus dem Dortmunder Trio um Mario Götze, Marco Reus und André Schürrle nachhaltig auf? Braucht es in Russland einen, zwei oder doch keinen klassischen Mittelstürmer? Gibt es wieder eine überraschende Nominierung?

Für Kroos ist besonders wichtig, dass in Deutschland das Gerede von der Titelverteidigung aufhört. "Ich wusste es schon vorher, aber wir sind nicht der absolute Favorit auf den WM-Titel", sagte Kroos. "Das war vorher Quatsch, das ist jetzt Quatsch - und nun sehen es vielleicht ein paar mehr."

Wobei das März-Argument auch für alle anderen Teams zählt. Brasilien ist nach dem prestigeträchtigen Erfolg in Berlin genauso wenig alleiniger Top-Favorit wie Spanien nach dem überraschend klaren 6:1-Sieg gegen Argentinien. Es braucht viel mehr, um Weltmeister zu werden.



insgesamt 95 Beiträge
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ptb29 28.03.2018
1. Kroos hat es sehr schön zusammengefasst
Aber alle haben immer rumgeeiert, ohne konkrete Namen zu nennen. Wer hat den Ball vorm 0:1 leichtfertig zum Gegner gespielt und ist sonst nur über den Platz geirrt? Wer hat in der Vorwärtsbewegung den Ball zum Gegner gespielt, sich einfach überlaufen lassen und wurde dann für eine Grätsche im letzten Moment auch noch gelobt? Zumindest sind wir jetzt die Favoritenrolle los.
romeov 28.03.2018
2. Muster ohne Wert
Glück gehabt, dass das nur mit 0:1 in die Hose gegangen ist und die Gewissheit, dass "B-Talente" nicht die WM rocken werden. Viele Positionen waren zu schwach besetzt, von Sané erwarte ich jedesmal den Durchbruch, aber geliefert wird nichts.
forky 28.03.2018
3. Kroos hat Recht
Das Spiel war vor allem mal Beleg dafür, dass die hochgejazzte Premier League gar nicht das Nonplusultra ist. Sané und Gündogan haben auf internationalem Niveau noch große Schwierigkeiten. Ich bin mal gespannt, wie sich jetzt ManCity in der Champions League gegen Liverpool schlägt. Da muss man eine andere Körpersprache zeigen als gestern. Aber richtig enttäuschend waren die Auftritte von Draxler, Goretzka, Stindl, Rüdiger und Gomez. ich glaube, da kann man fast besser an Götze, Schürrle und Reus festhalten. Bei denen weiß man, was man kriegt, und die können im Trainingslager noch zulegen. Plattenhardt flankt wesentlich besser als Hector, aber Marx ist der beste AV der Liga. Und Kimmich wird kein Außenverteidiger mehr. Defensiv ist er einfach zu schwach. Das haben sowohl die Spanier als auch die Brasilianer schonungslos aufgezeigt.
iceyyo 28.03.2018
4. von sane
wird der Durchbruch erwartet? den hatte er schon lange. vielleicht mal ein City Spiel schauen. was er jede Woche abliefert ist Weltklasse und möglicherweise unser bester offensiv Spieler. war gestern natürlich keine Glanzleistung aber mit platte auf seiner Seide und nem komplett instabilen zentralen Mittelfeld allen voran kroos sind die Möglichkeiten dann auch begrenzt. Trapp dürfte man nach det Leistung nicht mitnehmen. meine nicht mal unbedingt das Gegentor. vielmehr seine dutzenden Pässe zum Gegner, die immer wieder zu Gegenangriffen geführt haben, wenn Deutschland in der vorwärts Bewegung war. Erkenntnis - Mario platte und Trapp sollten nicht mit. gundogan und kroos zusammen birgt zuviel Risiko und defensiv zu anfällig. vllt glänzt kroos doch nur auf Grund eines über ragenden modric?
KatastrophenUlli 28.03.2018
5. Sane und Goretzka waren Riesenenttäuschungen
Überhaupt die drei Mittelfeldspieler hinter Gomez/Werner haben so gut wie jeden Ball verloren, BRasilien hatte gefühlt zehn Konter nach deren unnötigen Ballverlusten. Da schließe ich auch Draxler mit ein zu den beiden schon erwähnten. Auch Ilkay hatte einen miesen Tag, wie schon gegen Spanien. Dabei warte ich auf das Duo Kroos/Gündogan schon seit fünf Jahren. Hatte sogar eine Vorliebe für die Real Madrid-Variante: Khedira gibt den Casemiro und Kroos und Gündogan als Achter davor.... mit Özil auf der Ersatzbank. Aber das wird wohl nichts.
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