DFB-Gegner Frankreich: Disziplin statt Affären

Aus Paris berichtet Peter Ahrens

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Frankreich-Nationaltrainer Deschamps: Sorgt für gute Stimmung im Team

Jahrelang fielen Frankreichs Nationalspieler eher durch Disziplinlosigkeit als durch Leistung auf. Das hat der neue Nationaltrainer Didier Deschamps geändert. Seitdem herrscht Harmonie in der Équipe Tricolore. Davon profitiert vor allem Franck Ribéry.

Man darf davon ausgehen, dass Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps in seiner Kindheit viele Filme von Louis de Funès gesehen hat. Der Komiker de Funès war der Großmeister der Grimasse, und Deschamps hat sich einiges von ihm abgeschaut. Vor der Presse rollt er mit den Augen, verzieht die Mundwinkel, einmal muss er sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszuprusten. Der 44 Jahre alte ehemalige Weltklassespieler hat sichtlich Spaß an seinem Job.

Vor dem Länderspiel gegen Deutschland am Mittwochabend (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat Deschamps auch allen Grund zum Scherzen. Die Équipe Tricolore scheint nach Jahren der Orientierungslosigkeit wieder auf dem Weg zu gewohnter Klasse. Was auch die Gegenseite längst erkannt hat: "Frankreich hat zu seiner alten Stärke zurückgefunden", sagt Bundestrainer Joachim Löw.

Nach dem undurchdringlichen Raymond Domenech und dem immer etwas lustlos wirkenden Laurent Blanc ist Deschamps jetzt angetreten, die Missstimmung aus der bleiernen Zeit der Equipe zu vertreiben. "Der Trainer hat viel für uns getan, er hat viel mit uns gesprochen, wir spielen jetzt mit viel mehr Freude zusammen", sagt etwa Bayern-Profi Franck Ribéry.

Die alten Geschichten interessieren Deschamps nicht mehr

Der Mittelfeldstar ist ein gutes Beispiel dafür, wie Deschamps mit seinen Spielern umgeht - und dass er weit mehr ist als nur ein Gute-Laune-Onkel. "Franck braucht Vertrauen. Bei Bayern genießt er das schon lange, das mussten wir hier auch hinbekommen", so Deschamps, für den all die alten Ribéry-Geschichten, seine Rolle beim Spieleraufstand 2010 während der WM, seine Affäre mit einer Prostituierten keine Rolle mehr spielen. Ribéry dankt es ihm auf dem Platz.

Der Bayernspieler hat in den vergangenen Länderspielen stark aufgetrumpft, zuletzt drei Treffer erzielt und enorm dazu beigetragen, dass Frankreich in der WM-Qualifikation als Gruppenzweiter gut da steht - punktgleich mit Spanien. "Es tut gut, als französischer Nationalspieler wieder einfach nur an Fußball zu denken", sagt Ribéry. "Endlich kein Stress mehr mit dem eigenen Publikum."

Ein Sorgenkind gibt es trotzdem in der Mannschaft. Karim Benzema von Real Madrid hat genau das nicht getan, was Ribéry zuletzt bei den Franzosen gelang: Tore machen. Einem Angreifer fehlt damit das beste und natürlichste Argument, aber Deschamps beweist auch beim Real-Profi Geduld. "Er hat mein volles Vertrauen", sagt der Trainer, und damit ist das Thema für ihn auch erledigt.

Mischung aus Routine und Jugend

Neben Ribéry und Benzema bringen vor allem Torwart Hugo Lloris, den Deschamps für einen der besten Keeper der Welt hält, Abwehrrecke Patrice Evra von Manchester United und Arsenal-Stürmer Olivier Giroud ihre internationale Routine ein. Aber Erfahrung - das war nie das Problem einer französischen Mannschaft. Disziplin schon eher. Deschamps verzichtet daher auch freiwillig auf Samir Nasri von Manchester City, der mit seinen Eskapaden nicht so recht ins neue Harmonie-Bild passt.

Frankreich hat gegen Deutschland seit 20 Jahren nicht mehr verloren. Die bitteren Niederlagen gegen das DFB-Team bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986, als die Franzosen das vielleicht beste Team ihrer Geschichte beieinander hatten, haben sich dennoch tief in die kollektive Erinnerung von Fußball-Frankreich eingegraben.

Deschamps war 14 Jahre alt, als er das geradezu traumatische Halbfinal-Aus von Sevilla 1982 am Fernseher verfolgte, als er sah, wie Toni Schumacher Patrick Battiston umrammte und Michel Platini und die anderen eine 3:1-Führung in der Verlängerung verspielten. Am Mittwoch sitzen die Spieler beider Mannschaften von einst auf Einladung der Verbände einträchtig nebeneinander auf der Tribüne. "Gut so. Man soll die Geschichte nicht vergessen, aber man soll sich versöhnen", sagt Deschamps fast präsidial. Ribéry, Jahrgang 1983, sagt nur: "Das war vor meiner Zeit."

Unter dem neuen Trainer haben die Franzosen zuletzt Italien in einem Testspiel 2:1 besiegt, sie haben sich im Qualifikationsspiel in Spanien ein Remis erkämpft. Deschamps scheint die richtige Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern gefunden zu haben, er beherrscht vor allem die richtige Ansprache - genau daran mangelte es sowohl unter Blanc als auch erst recht unter Domenech.

Was gegen die Mannschaft von Joachim Löw möglich ist? "Deutschland ist stark, aber wir werden immer besser", sagt Ribéry. Diesmal verzieht Deschamps dabei keine Miene. Er lächelt nur leise. Und wissend.

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