Fußball Die treuesten Kicker der Bundesliga

Heute regiert das Söldnertum in der Bundesliga: Spieler wechseln ständig den Verein. Das war früher anders. PLAYER und SPIEGEL ONLINE präsentieren die treuesten Kicker. Einige wie Bayern-Spielmacher Mehmet Scholl oder der Dortmunder Jung Lars Ricken sind sogar noch jetzt aktiv.

Von Udo Muras


Wann er eigentlich aufhören will, weiß kein Mensch. Schon gar nicht er selbst. Mehmet Scholl, der ewige Teenie-Star, verschiebt den Tag X auf Irgendwann. So lange die Knochen noch halten, der Rücken noch mitmacht, gibt der 36-Jährige, den eine "Bürgerinitiative" fast noch zur WM geschrieben hätte, den Edel-Joker. Und so lange die Liebe noch währt zu seinem FC Bayern, für den der im Badischen geborene Scholl mehr empfindet als nur Wohlwollen. Seit 14 Jahren ist er beim Rekordmeister, das ist auch ein Rekord. Ein Rekord der Gegenwart, kein Aktiver der Bundesliga spielte länger bei einem Club.

In der Geschichte der Bundesliga indes sind Scholls 14 Jahre keine Besonderheit, Treue gehört zum Fußball wie Stollen und Stutzen. Wir haben es geprüft: Von den aktuellen Profis schaffen es neben Scholl gerade drei unter die Top 100 der Vereinstreuesten: der Dortmunder Lars Ricken und Hertha-Profi Andreas Schmidt (jeweils 13 Jahre) sowie Scholls Teamkollege Oliver Kahn (zwölf Jahre).

Früher war eben alles anders. Fritz Walters bester Vertrag lag noch an seinem Todestag im Tresor, zu Hause in Alsenborn. Nicht unterschrieben. Der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft ist nie zu Real Madrid gegangen, hat nie 10.000 Mark im Monat verdient und auch nie den Ruf der Fremde erhört. Als ihn der große Trainer Helenio Herrera 1951 besuchte und zu Real holen wollte, hätte er bloß zugreifen brauchen. "Schätzche, was mache mer?", fragte Walter seine Frau. Italia antwortete: "Schnuckelinho, brauchst mich doch gar nicht zu fragen. Guck da oben dein Betze, dein Chef, der Herberger und Deutschland."

Und in der Tat: Das reichte. Der größte Spieler in der Geschichte des 1. FC Kaiserslautern sagte den "Königlichen" ab, weil er doch selbst ein König war und die Pfalz sein Reich. So spielte Walter weiter für seinen FCK, für 320 Mark im Monat, 21 Jahre. "Spielen für diesen Verein, für die Stadt und für den deutschen Fußball da sein", lautete seine heute romantisch anmutende Devise. Der Lohn: Noch zu Lebzeiten wurde das Stadion auf dem Betzenberg nach Fritz Walter benannt. Heute tragen die Stadien der Bundesliga Namen von Finanzdienstleistern, Energieversorgern und Versicherungen, weil es dafür Geld gibt. Um so weniger gibt es im modernen Fußball Identifikationsfiguren, die für eine Stadt und einen Verein stehen. Spieler, die ihr Leben einem Verein weihen, muss man in unserer Zeit lange suchen. Günter Sebert, den knorrigen Abwehrchef des SV Waldhof Mannheim, wird also so schnell keiner vom Sockel stoßen. Er spielte noch mit 39. Seit es die Bundesliga gibt, hat kein Profi je so viel Treue bewiesen. Heute regiert das Söldnertum. Wer länger als zwei Jahre bei einem Club bleibt, macht sich verdächtig, schlecht beraten zu sein. Oder ein Traumgehalt zu haben. Profis mit einem halben Dutzend Stationen sind heute die Norm, Hamburgs Juan Pablo Sorin ist mit zehn Vereinen einer der eifrigsten Globetrotter der Liga.

Als die Bundesliga laufen lernte, war das noch anders, aus vielen Gründen. Fußball war in erster Linie Radio-Sport, Live-Übertragungen waren Festtage und beschränkten sich bis weit in die neunziger Jahre hinein auf internationale Spiele. Was ein Beckenbauer in München so trieb, wusste in Hamburg niemand. Zur fehlenden Transparenz kam die weitaus geringere Mobilität. Wohnortswechsel aus beruflichen Gründen waren in den sechziger Jahren unüblich. Vor allem aber fehlte das Geld als Lockmittel. Der Bundesliga-Profi der ersten Stunde verdiente maximal 2300 Mark und war im Hauptberuf Sportartikel-Vertreter wie Uwe Seeler. Auch um ihn warb Helenio Herrera später, diesmal als Trainer von Inter Mailand, vergebens.

"Sie sind net der Typ, der in einem anderen Land klarkommt", riet Bundestrainer Sepp Herberger. Dermaßen geerdet, sagte Seeler ab: "Es ist nicht das Geld, es ist mein Gefühl. Für alle ist es besser, wenn ich in Hamburg bleibe." Dort lebt er heute noch, als populärster Bürger seiner Stadt. Als "Uns Uwe". Die Berner Helden gingen bis auf Helmut Rahn nie ins Ausland, neun kannten nur einen Verein - ihren. Aus der WM-Elf von 1974 spielten in der Bundesliga sieben nur für einen Club, andere wie Beckenbauer oder Rainer Bonhof kehrten später zurück zu ihrem Stammverein. Klaus Augenthaler war in der WM-Mannschaft von 1990 schon die Ausnahme: 14 Jahre FC Bayern. Er hat dort gut verdient, und Titel gesammelt wie kein Zweiter seiner Ära. Zwei gute Gründe, einem Club die Treue zu halten.

P.S.: So haben wir gezählt (siehe Fotostrecke) . Liga-Spiele vor Gründung der Bundesliga werden nicht gewertet. Gezählt wird nur die ununterbrochene Zeit in der Seniorenmannschaft, Einsätze in der Bundesliga sind Bedingung. DDR-Oberliga, 2. Liga oder deren Vorläufer (Regionalligen 1963 bis 1974) sind eingerechnet, die heutige Regionalliga/3. Liga nur, falls es sich nicht um die Reservemannschaft eines Bundesligisten handelte. Gewertet wurde vom ersten bis zum letzten Einsatz - die bloße Kaderzugehörigkeit reichte nicht aus. Bei gleicher Anzahl der Jahre entscheidet, wer mehr Spiele hat; sind auch diese gleich, zählt die alphabetische Reihenfolge.



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elof, 27.11.2006
1.
Das Geld hat den Fussball nicht mehr oder weniger verdorben als irgendeinen anderen Bereich des Lebens. Wo professionell gearbeitet (und natürlich bezahlt) wird, ist es entsprechend normal, dass Spieler ihr finanzielles Glück suchen. Dass es oft moralisch fragwürdig scheint, wenn ein Spieler dem Ruf des Geldes folgt, hat wohl eher damit zu tun, dass wir als Fans über viele Jahre hinweg meist einen viel größeren Identifizierungsprozess mit einem Verein durchleben als ein Spieler dieses in wenigen Spielzeiten seines "Söldnerdaseins" tun kann.
Schlagwort, 27.11.2006
2. Money makes the ball go round
Geld regiert die Welt. Also auch den Fußball. Was sind denn die Spieler anderes als Dienstleister, Angestellte der Vereine? Vielleicht war das früher mal anders aber da war der Fußball noch weniger eine globale, mehr eine nationale und regionale Sache. Jeder hatte seinen festen Verein bei dem er die ganze Karriere lang spielte. Transfers, vor allem ins Ausland, waren unüblich. Was blieb einem da anderes übrig als treu zu sein. Heute träumt doch jeder Nachwuchsspieler davon steinreich zu sein und bei Clubs wie Barca oder Chelsea zu spielen. Das ist aber nicht negativ zu sehen. Denn tatsächlich kann man bei solchen reichen Vereinen auch regelmäßig Weltklassefußball bewundern. Das ist vor allem den Ausländern zu verdanken.(Was wäre Chelsea ohne Drogba, Barcelona ohne Ronaldinho; und bei Arsenal ist die ganze Stammelf mit Ausländern besetzt). Sieggarantien für die ,mit teuren Stars besetzten, Teams gibt es aber nicht. Also bedeutet Geld vielleicht viel aber noch lange nicht alles. Jedenfalls nicht im Fußball.
DJ2002dede, 28.11.2006
3.
Der Hamburger SV wollte vor der Saison Peter Otte verpflichten. Borussia Dortmund wollte vor der Saison Christopher Kullmann verpflichten. Der VfL Wolfsburg wollte vor der Saison Andy Müller verpflichten. Alle drei Spieler spielen heute noch beim 1. FC Magdeburg. Maik Franz hatte in seinen 5 Jahren beim VfL Wolfsburg auf der offiziellen Wölfe-Homepage stehen: "Dein schönstes sportliches Erlebnis: Meine Zeit beim 1. FC Magdeburg und mein erstes Bundesligaspiel" Marcel Maltritz - damals noch beim Hamburger SV - versteigerte ein Trikot mit den Unterschriften aller HSV-Kicker zu Gunsten des damals insolvenzbedrohten 1. FC Magdeburg. Sicherlich hat Geld vieles verdorben, aber man kann zumindest noch ein paar Lichtblicke finden. Schön das es bei meinem Verein ist, und so weit sind wir ja auch nicht vom Aufstieg in die Bundesliga entfernt...
Reziprozität 29.11.2006
4.
---Zitat von DJ2002dede--- ... Schön das es bei meinem Verein ist, und so weit sind wir ja auch nicht vom Aufstieg in die Bundesliga entfernt... ---Zitatende--- Minimal 1.5 Jahre und immer den Atem der "Eisernen" im Nacken... ;-)))) (Und immer schoen dran denken: im Rueckspiel sind Patsche und Texas wieder dabei, also warm anziehen!) ;-)
DJ Doena 29.11.2006
5.
Halten denn die Vereine Treue? Sobald mal ein Spieler oder ein Trainer einen Hänger hat, wird er doch auch ratzfatz "beurlaubt".
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