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Doping in der BRD: Die verschnupften Helden von 1966

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Doping: Auch der Westen machte mit Fotos
picture-alliance/ dpa

Doping im Fußball - und dann noch in Westdeutschland: Ja, das gab es. Bei drei Spielern der deutschen WM-Elf von 1966 wurden Spuren eines verbotenen Schnupfenmittels gefunden. Konsequenzen hatte das keine. Der DFB weist den Dopingverdacht bis heute zurück.

Doping im Westen - das ist spätestens durch die am Montag veröffentlichte Studie der Humboldt-Universität belegt. Dass es das gab, war ohnehin seit längerem bekannt. Aber Doping im Fußball? Auch das. Beides kam offenbar bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 zusammen. Eine fast vergessene Geschichte.

Die Dopingkontrollen bei jenem WM-Turnier in England waren die ersten in der Historie der Weltmeisterschaften. Sie haben eine Vorgeschichte. Als der dänische Radfahrer Knud-Enemark Jensen bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom vermutlich auch unter Einfluss aufputschender Mittel während des Rennens starb, kam die Dopingproblematik weltweit auf die Agenda. Und 1961 erregte eine Studie großes Aufsehen, die über flächendeckenden Amphetamin-Konsum in der italienischen Profiliga berichtete.

Vor diesem Hintergrund beantragte der Fußballverband Uruguays beim Weltverband Fifa, die Spieler während der WM 1962 in Chile zu kontrollieren - und zwar vor dem Anpfiff. Die Fifa lehnte den Vorschlag damals allerdings noch ab. 1965 hatte sich Lage an der Dopingfront noch einmal verändert. Nun gab es eine Erklärung des Europäischen Rates zum Kampf gegen das Doping. Es existierte also politischer Druck, der dafür sorgte, dass die Fifa als einer der ersten Sportfachverbände bei der WM 1966 in England tatsächlich Dopingkontrollen einführte.

Auch Beckenbauer musste zum Dopingtest

Laut Anti-Doping-Bestimmungen der Fifa wurden nach jedem WM-Spiel je zwei Spieler jeder Mannschaft kontrolliert; geplant war, dass sie per Los "aus einem Hut gezogen werden" sollten. Nach dem WM-Vorrundenspiel der Bundesrepublik Deutschland gegen die Schweiz (5:0) wurde beispielsweise der junge Franz Beckenbauer kontrolliert (er war nicht positiv). Zum Ende des Turniers wurde die Anzahl der getesteten Spieler dann auf drei erhöht.

Ausgewertet wurden die Urinproben von Andrew H. Beckett vom Chelsea College of Science and Technology, einem der renommiertesten Amphetamin-Experten der Zeit. Per Kurier wurde dann Mihailo Andrejevic, der Chef der medizinischen Kommission der Fifa, über die Resultate der Analysen informiert.

Im Official Report zur WM wurden keine positiven Tests erwähnt. Jener Andrejevic berichtete am 29. November 1966 seinem Kollegen Dr. Max Danz, dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), vom Ablauf der Pionierarbeit. Alles hätte sehr gut funktioniert, auch die "chromatographischen Laboratoriumsuntersuchungen", so der Jugoslawe.

"Feine Zeichen der Einnahme eines gewissen Mittels"

Am Ende seines Briefs bemerkte jedoch der Fifa-Funktionär, dass allein bei drei deutschen Fußballern verbotene Substanzen entdeckt worden waren: "Wir hatten nur zum Schluss bei der deutschen Mannschaft bei drei Spielern sehr feine Zeichen von der Einnahme eines gewissen Ephedrinmittels gegen Schnupfen entdeckt. Die Ärzte müssen immer, wenn sie solche Mittel, wenn auch in Spray oder als Nasentropfen geben, darüber Notiz führen." Um welche Spieler es sich handelte, schrieb Andrejevic nicht. Auch nicht, bei welcher Partie die Proben genommen wurden.

Es ist zudem nicht klar, was Andrejevic unter "sehr feinen Zeichen" verstand; exakte Dosen oder Messangaben führte er nicht an. Dass es sich aber sportrechtlich um Dopingvergehen handelte, darüber besteht kein Zweifel: Ephedrin stand damals unter dem Punkt 2 ("Drogen der Amphetamine-Gruppe") auf der Liste der verbotenen Medikamente, die damals allen Delegationen vor dem Turnier bekannt gemacht worden war. Von Grenzwerten war nirgendwo die Rede. Insofern waren, sportjuristisch betrachtet, auch "sehr feine Spuren" Doping.

Der Hinweis Andrejevic', die Ärzte wären verpflichtet gewesen, über die Verabreichung derartiger Mittel Notizen zu führen, lässt dieses vermuten: Der deutsche Mannschaftsarzt hatte das Komitee nicht über den Einsatz von ephedrinhaltigen Präparaten informiert. Laut Fifa-Reglement hätte der Spieler aber selbst den Weltverband über "exakte Angaben in Bezug auf den Gebrauch von Medikamenten oder speziellen Behandlungen" aufmerksam machen müssen. Die Aktenlage ist also eindeutig.

Ob der Deutsche Fußball-Bund (DFB) damals informiert wurde, ob womöglich intern darüber diskutiert wurde, ist nicht bekannt. Der DFB erklärte auf Anfrage, zum Thema "Doping in den sechziger Jahren" keinerlei einschlägige Akten bereitzuhalten.

Aber als die positiven Fälle bekannt wurden, beauftragte der Verband 2011 ein Gutachten, das zu einem bemerkenswerten Schluss kam: Dass es sich 1966 nicht um Dopingfälle gehandelt habe. Damit wurde das Kapitel zugeklappt. Der DFB verwahrt sich bis heute dagegen, dass man von Dopingfällen sprechen könne.

Erik Eggers ist Journalist und Sporthistoriker und Mitarbeiter an der Doping-Studie der Humboldt-Universität.

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1.
cs01 06.08.2013
Das wird natürlich ein gefundenes Fressen für alle Fussball- und Deutschlandhasser. Das ist jetzt der Beweis, dass im deutschen Fussball schon immer gedopt wurde und alle Erfolge nur auf Doping beruhen. Höchstwahrscheinlich auf Anordnung der CDU. Zu der Wertung, dass der Mannschaftsarzt einen Fehler gemacht hatte, höchstwahrscheinlich weil die Abläufe um Dopingkontrollen u.s.w. neu waren, und ein (bei medizinischer Indikation erlaubtes) Erkältungsmittel nicht ordentlich gemeldet hat, kommen nur Nationalisten.
2. Hiobsbotschaften ohne Pause
Demokrator2007 06.08.2013
Zitat von sysoppicture-alliance/ dpaDoping im Fußball - und dann noch in Westdeutschland: Ja, das gab es. Bei drei Spielern der deutschen WM-Elf von 1966 wurden Spuren eines verbotenen Schnupfenmittels gefunden. Konsequenzen hatte das keine. Der DFB weist den Dopingverdacht bis heute zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-doping-beim-deutschen-team-von-1966-belegt-a-914887.html
Wie soll der normale Bürger eigentlich alle diese Hiobsbotschaften verkraften? Überwachung,Kriegsverbrechen, Lebensmittelpanschereien, Gesundheitsskandale, Bestechung, Lobbyismus, Sozialneid und jetzt wieder Doping. Haben diese Sch...medien eigentlich auch noch positive Nachrichten oder muß man sich bereits freuen wenn es nur wenig Tote oder Geschädigte gibt? P.S. Komapartysaufen ist keine Positivnachricht auch wenn die Besoffenen das evtl. "Voll goil" finden, das ist "Doping für den kleinen Mann".
3.
totalmayhem 06.08.2013
Zitat von sysoppicture-alliance/ dpaDoping im Fußball - und dann noch in Westdeutschland: Ja, das gab es. Bei drei Spielern der deutschen WM-Elf von 1966 wurden Spuren eines verbotenen Schnupfenmittels gefunden. Konsequenzen hatte das keine. Der DFB weist den Dopingverdacht bis heute zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-doping-beim-deutschen-team-von-1966-belegt-a-914887.html
Der DFB leugnet solange, bis es nicht mehr anders geht wenn die Beweislast erdrueckend ist (Canellas' Tonbaender). Bis dahin ist immer alles in Butter (Niersbach lobte ja gerade Freund und Privatschwarzgeldzocker Uli ueber den gruenen Klee). Der Fussball muss sauber bleiben, koste es was es wolle.
4. Doping
quadratwurzel 06.08.2013
Zitat von sysoppicture-alliance/ dpaDoping im Fußball - und dann noch in Westdeutschland: Ja, das gab es. Bei drei Spielern der deutschen WM-Elf von 1966 wurden Spuren eines verbotenen Schnupfenmittels gefunden. Konsequenzen hatte das keine. Der DFB weist den Dopingverdacht bis heute zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-doping-beim-deutschen-team-von-1966-belegt-a-914887.html
Weshalb wird dies nicht veröffentlicht? Ist etwas Negatives über Schäuble etwa nicht gewünscht? Wer zensiert hier? Hier ein interessantes Video zum Thema Doping in der Bundesrepublik. In der Hauptrolle: Wolfgang Schäuble. Interessant auch die Auusage ab Minute 3:05 Schäuble für Doping !!! Video - terra - MyVideo (http://www.myvideo.de/watch/158572/Schaeuble_fuer_Doping)
5. Wembley-Tor.
rudig 06.08.2013
Zitat von sysoppicture-alliance/ dpaDoping im Fußball - und dann noch in Westdeutschland: Ja, das gab es. Bei drei Spielern der deutschen WM-Elf von 1966 wurden Spuren eines verbotenen Schnupfenmittels gefunden. Konsequenzen hatte das keine. Der DFB weist den Dopingverdacht bis heute zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-doping-beim-deutschen-team-von-1966-belegt-a-914887.html
dann gibt es Deutsche, die immer noch dem Wembley-Tor nachtrauern und meinen, eigentlich hätte Deutschland Weltmeister werden müssen. Was für schlechte Verlierer! Ich schäme mich bei meinen englischen Freunden dafür. Ganz abgesehen, daß die Engländer noch ein weiteres Tor schossen, jetzt auch noch das Doping der Deutschen.
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Doping: Auch der Westen machte mit

Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.


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