Kündigungsrecht für Jungprofis Supertalent zum Schnäppchenpreis

Der eine Verein fördert das Talent, der nächste Klub will den Jungprofi abwerben. Was passiert, wenn der ein umstrittenes Kündigungsrecht nutzt? Die Bundesligaklubs fürchten um ihre kostspielige Nachwuchsförderung.

Von Ronny Zimmermann

Deutsche U17-Nationalspieler: Umstrittenes Kündigungsrecht
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Deutsche U17-Nationalspieler: Umstrittenes Kündigungsrecht


SPIEGEL ONLINE Fußball
Tim Mustermann steht vor dem größten Sprung seiner Fußballkarriere. Mit 16 Jahren wechselt er in das Nachwuchsleistungszentrum eines Zweitligisten und erhält einen Dreijahresvertrag. Tim ist noch minderjährig, also unterschreiben seine Eltern für ihn. Es läuft gut. Er schießt Tore, gibt Vorlagen. Es spricht sich herum, dass er stark ist, dass er Talent hat. Dann meldet sich ein großer Bundesligist. Er wolle Tim verpflichten - so schnell wie möglich.

Tim hat Interesse, aber eben auch einen Vertrag. Eine Einigung zwischen beiden Klubs? Ausgeschlossen. Nun überlegt er, ob er auf eine umstrittene Option zurückgreift. Als erster Jugendspieler überhaupt, es wäre ein Novum im deutschen Fußball.

Rechtlich ist umstritten, ob Tim auch nach dem 18. Geburtstag noch an die Erklärung seiner Eltern gebunden ist. Einmal erwachsen, könnte er seinen Vertrag anfechten - und zum neuen Verein wechseln. Ablösefrei. Falls er den Rechtsstreit gewinnt. Das könnte für den Profifußball Folgen haben wie das Bosman-Urteil 1995.

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Noch hat sich kein Jugendspieler für diesen Weg entschieden. Am Beispiel von Tim Mustermann soll die Tragweite des Themas aufgezeigt werden: Wie verändert sich der Nachwuchsfußball, wenn Jugendspieler mit ihrem 18. Geburtstag ihre Verträge kündigen könnten? Hätten die Klubs vergeblich in die Ausbildung der jungen Talente investiert? Was wäre mit der Planungssicherheit?

Hoffenheim-Manager Rosen: "Das wäre fatal"

Die Vereine der ersten und zweiten Liga haben seit 2001 über 925 Millionen Euro in ihre Nachwuchsleistungszentren gesteckt. Einer dieser Klubs ist 1899 Hoffenheim. Dort weiß man um die Problematik. "Sollten Vertragskündigungen ohne Weiteres für zulässig erklärt werden, müsste meiner Ansicht nach die Solidargemeinschaft der Klubs greifen", sagt Alexander Rosen, Direktor Profifußball bei 1899: "Denn sonst besteht die Gefahr, dass die Nachwuchsförderung in Deutschland mittelfristig an Qualität verliert."

Vor allem für kleinere Leistungszentren könne ein Kündigungsrecht für Nachwuchsspieler problematisch werden. Wenn kleinere Klubs ihre besten Talente nämlich nicht mehr langfristig binden können und so keine Gewähr mehr haben, diese Spieler selbst zu entwickeln oder zu verkaufen, "ist nicht auszuschließen, dass diese Vereine darüber nachdenken, ihren Ausbildungs-Aufwand zu reduzieren", warnt Rosen: "Und das wäre fatal."

Doch soweit ist es noch nicht. "Es gibt hier bisher keine Rechtssicherheit, weil es noch keine höchstrichterlichen Entscheidungen gibt", sagt Michael Decker. Als Rechtsanwalt und Spielerberater betreut Decker mehrere junge Fußballer in ganz Deutschland. Einen Präzedenzfall kenne er bislang nicht. Das habe auch seine Gründe.

Decker denkt dabei vor allem an die Persönlichkeiten der jungen Talente. Sollte sich ein Spieler auf das Kündigungsrecht berufen, würde "er sich sicherlich in eine sehr schwierige Situation begeben". Denn der Ausgang eines solchen Rechtsstreits wäre derzeit nicht absehbar, er könnte sich über Jahre hinziehen. Dass das Talent in dieser Zeit vom Klub aufgestellt wird? Schwer vorstellbar. Seine sportliche Weiterentwicklung wäre blockiert.

Einem solchen Spieler droht ein ähnliches Schicksal wie Jean-Marc Bosman. Der Belgier hatte 1995 zwar erfolgreich vor Gericht gegen die Ablösesummen geklagt und wurde für seinen Mut gefeiert - danach wollte ihn aber kein Klub mehr beschäftigen.

Jugendspieler werden immer teurer

"Ich habe die umstrittene Möglichkeit einer Kündigung daher in Verhandlungen selbst nie eingesetzt oder angedroht", so der Berater. Ob andere Kollegen seiner Branche mit solchen Druckmitteln arbeiten, könne er nicht sagen. Allerdings fügt er an, dass viele Streitigkeiten zwischen Spieler und Verein geregelt würden, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekomme.

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Es klingt plausibel: Bevor die weite Welt vom Zoff erfährt oder ein Gericht womöglich ein unangenehmes Urteil fällt, einigt man sich lieber auf eine etwas höhere Ablösesumme. So funktioniert es in der Praxis seit Jahren - und die Jugendspieler werden immer teurer.

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) beobachtet diese Entwicklung ebenfalls. Einige Talente versauern auf der Bank, werden ignoriert oder an ihre langfristigen Verträge erinnert - sobald sie einen Wechselwunsch äußern. "Anstatt den Jungs dann die Transferfreigabe zu erteilen, werden völlig überzogene Ablösesummen aufgerufen", sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky.

Die Spielergewerkschaft rät insbesondere Jugendspielern: Unterschreibt keine Verträge mit mehrjähriger Laufzeit. "Denn nur bei einer kurzen Vertragslaufzeit kann relativ flexibel auf die sportliche, schulische und persönliche Entwicklung eines Nachwuchsspielers reagiert werden", sagt Baranowsky.

Auch zusätzliche Vertragsklauseln seien eine Option, damit es nicht zum langen Rechtsstreit kommt und das Kündigungsrecht eingeklagt wird - etwa ein automatisches Vertragsende nach dem 18. Lebensjahr oder eine Freigabe bei Angeboten bestimmter Vereine.

All das ist denkbar, könnte im Kontrakt fixiert werden und so einen neuen "Fall Bosman" verhindern.



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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
mimas101 14.11.2014
1. tststs
Warum werde ich das Gefühl nicht los das die Fußballer nur noch als Ware und Investitionsgüter mit möglichst hoher Rendite behandelt werden? Und dabei dachte ich immer die Sklaverei sei abgeschafft. Nicht nur das im Fußball bei solchen Methoden irgendwas ziemlich schief läuft sondern auch das so ein Geschäftsgebaren schlicht Sittenwidrig und Nötigung ist. Vermutlich wird in dem Rechtsstreit das auch so festgestellt werden und ein Geschäftsmodellchen der höchst fragwürdigen Sorte ist dann zu Recht perdu.
Boesor 14.11.2014
2.
Der wiederholte Vergleich mit der Sklaverei ist unzulässig, hier handelt es sich schließlich um eine Art Ausbildungsverhältnis, welches zu beiderseitigem Nutzen existiert. Sollten klamme Vereine aber ihre Kosten für die Nachwuchsförderung nicht mehr refinanzieren können wird sich das natürlich auf die Qualität auswirken. Das idt logisch und nüchtern betrachtet und hat nichts mit dem Klischee vom Fußballer als Ware zu tun.
gekreuzigt 14.11.2014
3. Die Eltern
unterschreiben als gesetzliche Vertreter rechtswirksam. Das gilt auch über den Zeitpunkt des 18. Geburtstags hinaus. Wo bitte soll da ein Anfechtungsrecht herkommen?
PeterPan95 14.11.2014
4.
Zitat von mimas101Warum werde ich das Gefühl nicht los das die Fußballer nur noch als Ware und Investitionsgüter mit möglichst hoher Rendite behandelt werden? Und dabei dachte ich immer die Sklaverei sei abgeschafft. Nicht nur das im Fußball bei solchen Methoden irgendwas ziemlich schief läuft sondern auch das so ein Geschäftsgebaren schlicht Sittenwidrig und Nötigung ist. Vermutlich wird in dem Rechtsstreit das auch so festgestellt werden und ein Geschäftsmodellchen der höchst fragwürdigen Sorte ist dann zu Recht perdu.
Die hier aufgeworfene Fragestellung zeigt doch einmal mehr, dass es gerade _nicht_ um "Sklaverei" geht, sondern um die Wahrung der Interessen _beider_ Seiten. Es wird vermutet, dass ein Jungspieler kündigen dürfte, und das wird in der Realität durch bessere Angebote an den abgebenden Verein oder den Jungspieler verhindert. Was genau ist daran verwerflich? Die Verpflichtung eines Auszubildenden, bei seiner Firma zu bleiben, gibt es in der Wirtschaft doch auch, je nach Beruf. Je nach Nachfrage und Angebot gibt es entweder eine Übernahmegarantie des Betriebes oder eine Verpflichtung des Auszubildenden, nach der Ausbildung im Betrieb zu bleiben, um dem Unternehmen die Ausbildung "zurück zu zahlen". Oder es gibt sogar beides, als Absicherung für beide Seiten. Daraus kann man sich idR mit einer Ausbildungsvergütung frei kaufen, nichts anderes passiert in der Praxis im Fußball.
viwaldi 14.11.2014
5. Die Antwort ist einfach.
Zitat von mimas101Warum werde ich das Gefühl nicht los das die Fußballer nur noch als Ware und Investitionsgüter mit möglichst hoher Rendite behandelt werden? Und dabei dachte ich immer die Sklaverei sei abgeschafft. Nicht nur das im Fußball bei solchen Methoden irgendwas ziemlich schief läuft sondern auch das so ein Geschäftsgebaren schlicht Sittenwidrig und Nötigung ist. Vermutlich wird in dem Rechtsstreit das auch so festgestellt werden und ein Geschäftsmodellchen der höchst fragwürdigen Sorte ist dann zu Recht perdu.
Weil die Fußballer selber ihre Haut zu Markte tragen (wollen). Es steht jedem Fußballer (und seinem Berater) frei, nur 1-Jahresverträge -ablösefrei- auszuhandeln, mit darauf angepasstem Monatsgehalt. Aber Sicherheit (mehrjähriger Vertrag) mit Freiheit (ich gehe wann und wohin ich will) zusammen gibt es nicht, so wie man sich nicht auf beide Seiten einer Wippe setzen kann. Wenn einer gutes Geld kassiert aber seine sportliche Entwicklung nach unten zeigt, regt sich ja auch keiner auf. Für die Vereine ist es eine Mischkalkulation, am Ende ist das System relativ fair. Mit Sklaverei hat das gar nichts zu tun, niemand wird schließlich zum Profifuballer gezwungen.
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