Von Birger Hamann
Hamburg - Irgendwann wird man von diesem 5. Juli 2012 als dem Tag sprechen, der die Fußball-Welt grundlegend verändert hat. Der Tag, an dem die Technik ins Spiel einzog. Oder besser: Der Tag, an dem die Möglichkeit geschaffen wurde, dass die Technik ins Spiel einziehen konnte.
Bei ihrer Sitzung in Zürich haben sich die Mitglieder des International Football Association Board (Ifab) für die grundsätzliche Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Damit ist der Weg frei, mittels technischer Hilfe die wichtigste Frage im Fußball zu klären, ob ein Ball in vollem Umfang hinter der Linie war oder nicht. Ein Schritt, für den im Vorfeld viele Schiedsrichter und Funktionäre plädiert hatten.
"Natürlich ist es ein ganz entscheidender Tag für den Fußball. Es wurde jahrelang diskutiert. Nun haben wir eine klare Richtlinie", sagte Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Joseph Blatter sprach von einem "absolut historischen Tag".
Viel war im Vorfeld der Ifab-Sitzung von einer möglichen Fußball-Revolution die Rede. Doch diese hat mit dem 5. Juli 2012 noch längst nicht begonnen. Denn allein das Bekenntnis für technische Hilfsmittel hat zunächst einmal gar keine Auswirkungen auf den Fußballbetrieb, weder für die Bundesliga noch für die Kreisklasse. Stattdessen wirft es viele Fragen auf.
Auf all diese Fragen haben die Regelhüter der Ifab am Donnerstag keine Antwort gegeben. Und auch die deutschen Funktionäre konnten nicht helfen. "Zur neuen Saison ist eine Einführung absolut unmöglich", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und fügte an, dass es keine "Schnellschüsse" geben dürfe. Und auch Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball blieb unkonkret: "Ich kann mir das frühestens zur Saison 2013/2014 vorstellen." Zudem müsse man sehen, "was das für die unteren Ligen bedeutet." Klar ist nur, dass DFB und DFL eine eigene Entscheidung treffen müssen. Von der Fifa kommt keine Vorgabe. "Zu den deutschen Verbänden kann ich nichts sagen. Der Ball liegt bei ihnen", sagte Valcke.
Und so lange es keine Antworten gibt, gibt es auch keine Revolution im Fußball. Sie ist höchstens geplant.
Klar ist nur, dass es zwei Systeme gibt, die als zuverlässig gelten: Hawk-Eye (Torkamera) und GoalRef (Chip im Ball). Die erste Variante ist bekannt aus dem Profi-Tennis. Sie arbeitet mit Kameras, die um das Spielfeld positioniert sind und die Spielsituation erfassen. Der Schiedsrichter wird durch eine Vibration informiert, sobald der Ball hinter der Linie ist. Das System mit dem Chip im Ball basiert auf einem Magnetfeld, das man sich wie einen unsichtbareren Vorhang im Tor vorstellen kann. Passiert der Ball die Torlinie (also den Vorhang), wird dem Schiedsrichter ein Funksignal auf dessen Uhr übermittelt.
Blatter nach plötzlicher Kehrtwende nun der Gewinner
Unabhängig von der Frage der Technik darf vor allem Fifa-Präsident Joseph Blatter, eines der acht Ifab-Mitglieder, die Entscheidung für die Torlinientechnologie als persönlichen Triumph feiern. Und es ist zu vermuten, dass er das auch tun wird. 2010 wandelte sich der Schweizer plötzlich von einem Gegner zu einem vehementen Befürworter der Torlinientechnologie. Mit dieser Haltung lag er seitdem auf Konfrontationskurs mit Uefa-Boss Michel Platini, der fragt: "Was ist, wenn es ein Handspiel auf der Linie gibt? Dann sieht das keine Technik der Welt. Wo sollen wir eine Grenze ziehen?"
Befeuert wurde diese gegensätzliche Auffassung zur Technik während der EM, als Schiedsrichter Viktor Kassai im Gruppenspiel zwischen der Ukraine und England ein klares Tor der Ukrainer nicht gab. Auch der Torrichter hatte dies trotz bester Sicht nicht erkannt. Dennoch blieb Platini nach der Partie bei seiner Überzeugung, die Torrichter seien besser als technische Lösungen und sagte: "Ich bin nicht nur gegen Torlinientechnologie, sondern gegen Technologie an sich."
Damit liegt er auf einer Linie mit Hans-Joachim Watzke: "Ich befürchte nach der Torlinientechnik kommen die Rufe nach der Technik für Abseitssituationen", sagte der Chef vom Deutschen Meister Borussia Dortmund im Vorfeld der Ifab-Sitzung. Er und Platini sind eine der wenigen Funktionäre, die die Einführung der Technik kritisch sehen. Damit stehen sie auf der Seite der "Fußball-Romantiker", die den Sport so erhalten wollen, wie er derzeit ist: mit menschlichen Fehlern, über die nach den Spielen teils kontrovers und hitzig diskutiert wird.
Die Befürchtung, dass bald auch Abseits, Ecke oder Fouls technisch überprüft werden, erscheint aber übertrieben - zumindest derzeit. Der Einführung der Torlinientechnologie ging eine mehr als zehn Jahre dauernde Diskussion voraus. Und dabei stritten die Befürworter und Gegner um die bedeutendste Entscheidung in dieser Sportart überhaupt: Tor oder kein Tor? Eine Frage, die jedes Spiel mehr beeinflusst als die Frage nach Abseits, Ecke oder Einwurf. Und die künftig mit technischer Hilfe beantwortet werden darf.
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