DFB-Elf gegen Frankreich Löws schwieriges Puzzle für das Halbfinale

Ersatzgeschwächt geht die DFB-Elf ins EM-Halbfinale gegen Frankreich. Joachim Löw muss das Team auf Schlüsselpositionen umbauen. In der Zentrale könnte zum ersten Mal Emre Can zum Einsatz kommen.

Aus Évian berichten und


Der Alte Hafen von Marseille ist ein beliebtes Puzzle-Motiv in Frankreich und in fast jedem Spielzeugladen zu finden. Vielleicht wäre das in den drei Tagen vor dem Halbfinale gegen Frankreich in Marseille (Donnerstag 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein ganz guter Zeitvertreib für Bundestrainer Joachim Löw. Damit könnte er für seine eigene Aufgabe trainieren, denn die Aufstellung der DFB-Elf wird zum kniffligen Puzzlespiel für den Trainerstab.

Mats Hummels gesperrt, Mario Gomez, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger verletzt - das ist die Bilanz zwei Tage nach dem Viertelfinale gegen Italien. "Dieses Spiel hat Spuren hinterlassen", formuliert Löw noch diplomatisch zurückhaltend. Am Donnerstag wird gezwungenermaßen eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz stehen als noch in Bordeaux. Und Löw muss entscheiden, wer an welcher Stelle am besten aufgehoben ist.

Es ist müßig darüber nachzudenken, welcher Verlust schwerer wiegt: Der von Innenverteidiger Hummels oder von Mittelstürmer Gomez. Beide haben bei diesem Turnier bisher überzeugt und ihre Stärken eingebracht. Klar ist: Dem Team fehlen gegen die Équipe Tricolore damit die beiden kopfballstärksten Spieler. Und hohe Bälle wären gegen die bei Flanken anfälligen Franzosen ein wertvolles taktisches Instrument gewesen. Das Viertelfinale gegen Frankreich vor zwei Jahren bei der WM wurde durch einen Kopfball von Mats Hummels entschieden.

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Deutschland gegen Italien: Sieg nach Elfmeterkrimi

So wie Löw sich bisher äußert, dürfte Benedikt Höwedes den Abwehrpart von Hummels am Donnerstag übernehmen. Zumindest goss der Bundestrainer vor der Presse ein Füllhorn an Lobesworten über den Schalker Kapitän aus. Er sei immer da, wenn man ihn brauche, gegen Italien habe er seine Sache überragend gemacht, jeden Zweikampf gewonnen, seinen Mann gestanden. Das klingt wie ein Freifahrtschein für die Startelf.

Zumal Löw ausgeschlossen hat, den bisherigen Rechtsverteidiger Joshua Kimmich anstelle von Khedira ins defensive Mittelfeld zu beordern - wofür Höwedes dann Kimmichs Position hätte einnehmen können. Diese Umstellung sei "keine Möglichkeit", Kimmich ist für die rechte Außenbahn gebucht. So bleibt dem Bundestrainer für die Sechserposition nur die Wahl zwischen zwei Spielern, die bei diesem Turnier bisher noch keine Minute absolviert haben: Dem Liverpooler Emre Can oder Julian Weigl von Borussia Dortmund.

Beide haben für ihre Vereine in der abgelaufenen Saison wichtige Spiele absolviert - nicht zuletzt gegeneinander im Viertelfinale der Europa League. Aber ob sie schon die Statur haben, ein Halbfinale der Europameisterschaft zu bestehen gegen die Wucht, die Dynamik und die Power des französischen Mittelfelds um Paul Pogba - das muss erst das Feldexperiment am Donnerstag erweisen.

Joachim Löw zieht ab
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Joachim Löw zieht ab

Löw scheint sich noch nicht festgelegt zu haben, auf wen von beiden er setzt. Can und Weigl seien "unterschiedliche Spielertypen, die Situationen auch unterschiedlich lösen", so der Trainer. Can beschrieb er als "körperlich stark, wuchtig und technisch gut", Weigl als "geschickten Ballverteiler, extrem sicher am Ball". Gegen die Franzosen ist einer, der Wucht mit Wucht beantworten kann, eventuell die bessere Lösung. Can dürfte intern leicht vorn liegen.

"Nie mehr angeschlagene Spieler in der Startelf"

Was man vergessen kann, ist ein Startelfeinsatz des Kapitäns. Bei Bastian Schweinsteiger und seiner Zerrung werde zwar "alles versucht, ihn bis Donnerstag hinzubekommen", betonte Löw, aber ein paar Minuten später sagte er den ganz eindeutigen Satz: "Einen Spieler, der nicht zu 100 Prozent fit ist, werde ich in einem Halbfinale oder Finale nie mehr von Anfang an bringen." Diesen Fehler habe er "vor vielen Jahren einmal gemacht, das wird nicht mehr passieren". 2008 bei der EM hatte Löw auf den angeschlagenen Innenverteidiger Christoph Metzelder gesetzt - das rächte sich im Endspiel gegen Spanien.

Nicht wesentlich einfacher für den Puzzlespieler Löw wird die Offensiv-Variante auszutüfteln sein. Thomas Müller hat häufig genug bewiesen, dass er ganz vorn im Zentrum spielen kann, er ist kein Gomez, er hat nicht das Durchsetzungsvermögen des klassischen Mittelstürmers, aber "er sorgt durch seine ganz eigenen Laufwege immer für Unruhe in der Abwehr", befindet Löw. Bei diesem Turnier bleibt Müller den Beweis für seine Torgefahr allerdings noch schuldig. Er war zwar ein paar Mal nah dran an seinem ersten EM-Treffer, dennoch spielt der Münchner bisher ein für ihn äußerst ungewöhnlich unglückliches Turnier.

Wenn Löw in der Abwehr bei der Dreierkette bleibt, etwa mit Boateng-Höwedes-Mustafi, und Müller in die Spitze geht, wäre Platz für einen weiteren Offensivspieler - das kann nur Julian Draxler oder Mario Götze sein. Draxler hat gegen die Slowakei aufgetrumpft, Götze hatte noch keinen großen Auftritt, man hat den Eindruck, er hat sich aus dem Team herausgespielt. Es läuft daher wohl auf Draxler hinaus, auch wenn Löw ihn am Montag mit ein paar kritischen Worten bedachte: Dem Wolfsburger fehle noch die Konstanz, er lasse sein Können lediglich immer wieder aufblitzen. Wenn Draxler noch Motivation gebraucht hat, dann hat er sie jetzt bekommen.

"Wir wissen trotz allem schon, was wir gegen die Franzosen tun müssen." Ein typischer Löw-Satz. Bisher hat er damit meistens recht behalten.



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nummer50 04.07.2016
1. Starke Elf
Deutschland wird im Halbfinale eine starke Elf präsentieren. Vielleicht platzt bei Müller oder Kroos der Knoten und sie werden die spielentscheidenden Personen. Ich tippe auf ein 2 zu 0 für Deutschland, wobei das 2. te Tor erst kurz vor Schluß fällt.
Friebott 04.07.2016
2. Laabsal für Löw
Der Schlußsatz war ja direkt eine Salbung für Herrn Löw. Rcht hat er nicht behalten sondern Glück gehabt. Schließlich landete er im Halbfinale durch Elfmeterschießen und da hat der Trainer nur wenig Einfluß. Wir werden sehen, wen Löw bringt, warum im Sturm nicht Sane, gerade gegen die Franzosen? Ein eleganter Dribbler, der nur noch lerne muss, nachdem er drei Spieler umdribbelt hat, den finalen Pass zu spielen zum Mitspieler und nicht wie so oft bei 04 zum Gegenspieler. Sane schießt ja auch Tore, das darf nicht außer acht gelassen werden. Denkmäler muss man auch einmal umstürzen. Ich würde Sane bringen und wenn dies nichts fruchtet, kann man immer noch Müller einwechseln. Emre Can ist ein guter Vorschlag, zumal Pogba gerne foult und sich hier durchuas früh gelb holen könnte. Sorgen macht mit nur ein Spieler: Griezmann, erinnert mich ein bisschen an Hahn zum Schluß der BuLi-Saison. Gegen Island haben die FRanzosen Fußball GESPIELT und da würde ich es doch mit Götze versuchen. 4 4 2 mit Götze und Sane, das wäre zumindest eine technische Antwort, man sollte sie üben und sehen was diese taktische Variante bringt. Reagieren kann Löw während des Spiels immer noch. Schweinsteiger auf keinen Fall, er ist einfach Invalide und sollte dies z.K. nehmen und überhaupt aufhören mit dem Fußball. Nach letztem Stand will man Khedira unbedingt fitt kriegen, nun ich hoffe Herr Löw hält sich daran, nur 100% einsatzfähige Spieler zubringen.
skon 04.07.2016
3. Deutschland ist Underdog
Also wenn man sich den bisherigen Turnierverlauf realistisch ansieht, sehe ich schwarz für Deutschland. Defensiv gibt es viele Ausfälle zu verkraften. Gleichzeitig haben die Franzosen mit Payet, Giroud, Griezmann und auch Pogba eine sehr gute und eingespielte Offensive. Besonders Griezmann kann gegen Neuer treffen, wie in der Champions League gesehen. Und er ist sehr kaltschnäuzig, anders als deutsche Offensivkräfte. Offensiv muss bei Deutschland das System umgestellt werden, bedingt durch den Ausfall von Gomez. Gleichzeitig lassen Müller, Özil, Götze, und Draxler regelmäßig beste Chancen aus. Man kann nur hoffen das es so geht wie gegen Brasilien: den Druck der ersten Minute überstehen, selbst ein Tor machen, und hoffen dass Frankreich in Panik verfällt wie Brasilien. Das ist wohl eher unwahrscheinlich, Frankreich ist von einem anderen Kaliber.
srj 04.07.2016
4. Sehe ich nicht ganz so pessimistisch, skon
Klar haben wir Ausfälle, von denen die völlig überflüssige Gelbsperre gegen Hummels mich am meisten ärgert. Zwei Karten, mindestens eine völliger Quatsch, die zweite zumindest diskutabel... Khedira und Schweini können wir, so hart das klingt, mindestens gleichwertig, wenn nicht besser ersetzen. Weigl hat eine super Saison hinter sich und das auch schon im Nationaltrikot gezeigt. Höwedes hat defensiv gegen die Italiener wirklich stark gespielt, aber ob er kommt oder Mustafi, der auch gegen die Ukraine nicht schlecht war, ist egal, glaub ich. Nur Boateng sollte nicht auch noch ausfallen. Wer vorne dann die Tore macht, ist mir wurscht - aber Frankreichs Abwehr ist bestenfalls zweitligatauglich, sonst kassiert man nicht gegen Island zwei Dinger, mit Chancen auf mehr...der reinste Hühnerhaufen. Ich denke schon, dass wir eine gute Chance haben.
febra 04.07.2016
5. Ich wäre zur Abwechslung
mal für das Aufstellen einer spielstarken Truppe statt einer durch Taktik und Proporz vergurkten. Lieber im Sturm untergehen als 120m eine Betonmauer aufstellen und aufs Elferschiessen hoffen.
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