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EM 2020: Platinis raffiniertes Fußballmanöver

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Fußball-Europa reagiert positiv auf den Plan, die EM 2020 auf dem ganzen Kontinent auszutragen. Uefa-Boss Michel Platini begründet die Entscheidung mit geringeren Kosten. In Wahrheit geht es ihm aber nur darum, seine absurd aufgeblähte Endrunde zu retten.

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Uefa-Boss Platini: "Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen"

Michel Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), war Spielmacher und Torjäger, einer der weltweit besten Kicker der achtziger Jahre. Er lebte von seiner Intuition: Wenn er mit hängenden Stutzen über den Platz schlurfte, verfolgt von gegnerischen Abwehrspielern, die ihm in die Fersen traten, verblüffte er gerne mit genialen Momenten. Ein öffnender Pass aus dem Fußgelenk, ein raffinierter Schuss - schon lenkte er das Spiel in die richtigen Bahnen.

Als Sportfunktionär handelt Platini ähnlich. Auch bei der Planung der Europameisterschaft 2020: Die Uefa hat unter seiner Führung entschieden, dass die EM dann europaweit ausgetragen wird, nicht mehr nur in einem einzigen Land oder in zweien.

Ein Überraschungscoup, der europaweit ein überwiegend positives Echo ausgelöst hat. Aber was sind die Hintergründe dieser Entscheidung?

Seit dem Jahr 2007 ist Platini Präsident der Uefa. Der 57-Jährige begann seinen Job in Nyon an den Gestaden des Genfer Sees mit einem sinnfreien Beschluss: Die Uefa erhöhte die Teilnehmerzahl der EM-Endrunde von 16 auf 24 Teams. Platini bedankte sich mit dieser Aufstockung bei den kleinen Nationen, die ihm bei seiner Wahl zum Uefa-Boss geholfen hatten. Das waren vor allem Länder im Osten und Süden Europas, die dank der Aufstockung größere Chancen auf eine Turnierteilnahme haben. Zu einer Zeit, in der bereits die Austragung einer EM mit 16 Nationen kaum noch zu finanzieren ist.

Die erste EM mit 24 Teams wird im Jahr 2016 von Frankreich ausgerichtet, nachdem andere Euro-Interessenten wie Schottland und Wales oder Schweden und Norwegen ihre Offerten zurückgezogen haben. Diese neue EM ist ein Mammutprojekt, und die Rechnung geht, wie immer - an die Steuerzahler. Denn für die 24er Euro hat Platinis Uefa kurzerhand die Anforderungen erhöht: Neun Stadien müssen es nun sein, darunter zwei Arenen für 50.000 Besucher, drei für mindestens 40.000 und vier mit 30.000 Plätzen. Von den anderen Uefa-Vorschriften ganz zu schweigen: Fünf-Sterne-Hotels, aufwendige Infrastruktur, Bevorzugung der Uefa-Funktionäre und so weiter.

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Fußballstadien: Europas Top-Arenen
In der Vergangenheit fand sich bei sportlichen Großereignissen wie diesen immer ein Verbandsfunktionär und Politiker, um Mega-Projekte auf Kosten der Steuerzahler durchzupeitschen. Das galt für Olympische Spiele, die Fußball-WM und eben auch die Europameisterschaft.

Doch in den letzten Jahren hat sich die Bereitschaft, finanziell so riskante Projekte zu stemmen, rapide verringert (mal abgesehen von russischen Oligarchen oder arabischen Ölscheichs).

  • Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 nur zwei ernsthafte Interessenten: Pyeongchang und München.
  • Bei den Sommerspielen 2020 hat sich das IOC des Problems der Bewerbung Katars und damit offenbar verbundener Korruption dadurch entledigt, dass es die Bewerbung des Emirats bereits in der Vorrunde aussortierte. Nun wird im September 2013 nur zwischen Tokio, Istanbul und Madrid entschieden. Rom hatte sich Anfang dieses Jahres aus dem Bewerberkreis verabschiedet, nachdem das Kabinett von Ministerpräsident Monti die nötigen Milliardenbürgschaften nicht hatte. "Wir müssen vernünftig sein", sagte Monti damals. Angesicht der existentiellen finanziellen Probleme des Landes sei eine Olympia-Bewerbung "unverantwortlich".

Nun ist es aber so: Die Olympia-Bewerbung 2020 ist untrennbar mit der Diskussion über die Fußball-Europameisterschaft 2020 verbunden. Denn der einzige ernsthafte Kandidat, den die Uefa hatte, bewirbt sich gleichzeitig auch um die Olympischen Spiele: die Türkei mit der Metropole Istanbul. Beide Großereignisse in einem Jahr zu stemmen - das ist aber schlicht unmöglich. So warnte denn auch der türkische Ministerpräsident Erdogan im März beim Uefa-Kongress in Istanbul: Die Uefa müsse verstehen, dass die Türkei ihre Bewerbung für ein komplett in ihrem Land veranstaltetes EM-Turnier aufgeben werde, sollte Istanbul im September 2013 vom IOC den Olympia-Zuschlag erhalten.

Damit war Platini in der Zwickmühle. Er versuchte, den Zeitplan zu ändern und wollte die Euro-Vergabe, geplant für 2014, vor die Olympia-Vergabe legen, um schnell Tatsachen zu schaffen. In der IOC-Administration war man höchst verärgert über Platinis Taktik. Man befürchtete, dies schade dem Bewerbungs-Business und den IOC-Geschäften. Am Rande des Champions-League-Finales im Mai 2012 in München kam es im Hotel Bayerischer Hof zum Krisengipfel. IOC-Vizepräsident Thomas Bach überbrachte Platini eine Botschaft von IOC-Präsidenten Jacques Rogge: Der Franzose solle sich nicht in IOC-Angelegenheiten einmischen. Punkt.

Seither hat Platini die Türkei als Ausrichterin der Euro 2020 abgeschrieben und die Idee des paneuropäisch ausgetragenen Turniers vorangetrieben. Im vergangenen Sommer erklärte er am Rande der EM in Polen und der Ukraine: "Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen, gerade jetzt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise." Und das, nachdem er zuvor in Frankreich Stadien, Flughäfen und Fünf-Sterne-Hotels für die EM gefordert hatte - in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.

Die Europameisterschaft in mehreren europäischen Städten auszurichten, das ist ein Befreiungsschlag. Wie ein Pass aus dem Fußgelenk, so wie ihn nur wenige beherrschen. Platini muss dafür keinen Orden bekommen. Er hat nur klug gehandelt und sich aus der Krise manövriert. Er hat aber die grundsätzlichen Fragen noch nicht geklärt: Wie das Turnier gestaltet werden soll, weiß noch niemand. Und die absurde Entscheidung, eine Euro überhaupt mit 24 Mannschaften auszutragen, bleibt bestehen.

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1. Positives Echo?
vowi2 08.12.2012
Bislang liest man nur in den Nachrichten von Menschen die diese Idee angeblich gut finden sollen. Funktionäre fühlen sich verpflichtet die Idee in den Himmel zu loben um den Menschen etwas über das Gemeinschaftsgefühl Europas vorzuheucheln.
2. EM nur noch langweilige Zirkusveranstaltung!
prince62 08.12.2012
Zitat von sysopDPAFußball-Europa reagiert positiv auf den Plan, die EM 2020 auf dem ganzen Kontinent auszutragen. Uefa-Boss Michel Platini begründet die Entscheidung mit geringeren Kosten. In Wahrheit geht es ihm aber nur darum, seine absurd aufgeblähte Endrunde zu retten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-em-2020-platini-rettet-seine-endrunde-mit-24-teilnehmern-a-871600.html
Wie wahr, wie wahr, da hat sich der Platini aber selber völlig verrant, es dürfen bei einer EM-Endrunden nur noch die Besten dabei sein, das wären höchstens die 16 Mannschaften bisher, eigentlich wären 8 wirklich die Besten, bei 24 Mannschaften ist es nur noch eine langweilige wochenlange TV-Veranstaltung, genau deshalb wurde dies wol auch so gemachtm, um möglichst viele TV-Gelder zukassieren. Übrigens hilft jetzt auch keine Zirkusveranstlatung quer durch Europa, wie das gute alte deutsche Sprichwort so treffend ausdrückt: "In der Kürze liegt die Würze", also 8 Mannschaften und 2 Wochen, das würde auch den Vereinsbossen gefallen, die Spieler hätten mehr Erholungszeit vor der neuen Saison.
3. Vernunft kann...
kolibri73 08.12.2012
Eben auch mal aus der Not geboren werden! Europa ist in der geographischen Ausdehnung so uebersichtlich im Vergleich etwa zu Brasilien dass diese Entscheidung logisch und laengst ueberfaellig ist.Im uebrigen spiegeln sich in der mangelnden Bereitschaft zur Bewerbung einzelner Staaten auch verschaerfte Antikorruptionsregeln wieder?!
4. Unsinnige Herumfliegerei
spmc-135322777912941 08.12.2012
an die Klimaerwärmung denkt wohl niemand dabei. In Zeiten von Doha passt das aber. Hauptsache Platini hat einen Zauberpass aus dem Fußgelenk gespielt. Bravo !
5.
lalale 08.12.2012
Zitat von prince62Wie wahr, wie wahr, da hat sich der Platini aber selber völlig verrant, es dürfen bei einer EM-Endrunden nur noch die Besten dabei sein, das wären höchstens die 16 Mannschaften bisher, eigentlich wären 8 wirklich die Besten, bei 24 Mannschaften ist es nur noch eine langweilige wochenlange TV-Veranstaltung, genau deshalb wurde dies wol auch so gemachtm, um möglichst viele TV-Gelder zukassieren. Übrigens hilft jetzt auch keine Zirkusveranstlatung quer durch Europa, wie das gute alte deutsche Sprichwort so treffend ausdrückt: "In der Kürze liegt die Würze", also 8 Mannschaften und 2 Wochen, das würde auch den Vereinsbossen gefallen, die Spieler hätten mehr Erholungszeit vor der neuen Saison.
ich weiß ja jetzt nicht nach welchem modus das mit 24 mannschaften ausgetragen werden soll... aber wenn man einfach nur ein achtelfinale dazwischen schiebt ist es genau 1 spiel mehr, falls man die vorrunde überhaupt übersteht... und der spielplan würde wohl auch eher entzerrt werden, es sei denn es werden dann wie bei der WM 3 spiele pro tag ausgetragen... entzerrung würde die belastung für die spieler senken, was sicherlich auch die verletzungsgefahr mindern würde... und bei 3 spielen pro tag... naja egal... das ist ja bei der WM auch nicht anders... sollte man sich allerdings für eine vorrunde mit 6 mannschaften entscheiden, wären es auch "nur" 2 spiele mehr... was bei entzerrung des spielplans auch noch gut zu verkraften wäre... die frage ob man der attraktivität des turniers damit einen gefallen tut ist ne ganz andere wenn dann san marino gegen lichtenstein spielt...
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Europameister seit 1960
Jahr Nation
2012 Spanien
2008 Spanien
2004 Griechenland
2000 Frankreich
1996 Deutschland
1992 Dänemark
1988 Niederlande
1984 Frankreich
1980 BR Deutschland
1976 Tschechoslowakei
1972 BR Deutschland
1968 Italien
1964 Spanien
1960 Sowjetunion

Toschützenkönige bei Europameisterschaften
Jahr Platzierung
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2008 David Villa (4)
2004 Milan Baroš (5)
2000 Savo Miloševic und Patrick Kluivert (je 5)
1996 Alan Shearer (5)
1992 Henrik Larsen, Karl-Heinz Riedle, Dennis Bergkamp, Tomas Brolin (je 3)
1988 Marco van Basten (5)
1984 Michel Platini (9)
1980 Klaus Allofs (3)
1976 Dieter Müller (4)
1972 Gerd Müller (4)
1968 Dragan Dzajic (2)
1964 Jesus María Pereda Ruiz de Temiño, Ferenc Bene, Dezso Novák (je 2)
1960 Milan Galic, Francois Heutte, Dražan Jerkovic, Walentin Iwanow, Wiktor Ponedelnik (2)
Deutsches Abschneiden bei Europameisterschaften
Jahr Platzierung
2012 Halbfinale
2008 Finale
2004 Vorrunde
2000 Vorrunde
1996 Europameister
1992 Finale
1988 Halbfinale (BRD)
1984 Vorrunde (BRD)
1980 Europameister (BRD)
1976 Finale (BRD)
1972 Europameister (BRD)
1968 Qualifikation (BRD und DDR*)
1964 Achtelfinale (DDR)
1960 Achtelfinale (DDR)
*seit 1968 scheiterte die DDR-Auswahl
immer in der Qualifikation


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