Löws EM-Nominierung: Das Prinzip Cacau
Joachim Löws Nominierung des EM-Kaders offenbart die strategische Linie des Bundestrainers. Er hat etwas gegen Überraschungen und hält an einem über Monate ausgearbeiteten Plan fest. Neue Spieler wie der erstarkte Patrick Helmes würden nur stören. Stattdessen kommen Haudegen wie Cacau zum Einsatz.
Als der Deutsche Fußball-Bund 2008 seinen Kader für die Fußball-Europameisterschaft verkündete, wurden die Journalisten dazu auf die Zugspitze geladen. Die Operation "Bergtour" sollte beginnen, Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler mussten im leicht albern aussehenden Bergsteiger-Outfit in einem PR-Film auftreten. Damals sollte die Bergtour im Gipfelsturm enden, im Nachhinein war es aber eher ein Bild dafür, dass Löws Team noch einen anstrengenden Weg bis ganz nach oben vor sich haben würde.
Vier Jahre später sind Löw und die Nationalmannschaft fast auf dem Gipfel angekommen. Das Team liegt auf Platz zwei der Fifa-Weltrangliste. Nur die Spanier thronen noch ein kleines Stück weiter oben. PR-Rhetorik ist dem DFB denn auch nicht mehr so wichtig, seit das Team Leistung hat sprechen lassen. Insofern war die Niederlassung eines Autohauses in der badischen Provinz auch eine durchaus angemessene Umgebung, um das 2012er-Aufgebot für die EM in Polen und der Ukraine zu verkünden.
Eine nüchterne, fast zu nüchterne Veranstaltung war das - sicher kein Event, sicherlich auch kein Ort, um Aufbruchsstimmung, gar EM-Euphorie hervorzukitzeln. Der Bundestrainer glaubt, dass er all dies nicht mehr nötig hat. Alles ist von Löw und seinen Vertrauten bis ins Kleinste geplant, alles ist seit Jahren vorbereitet, eine Kader-Nominierung ist nur noch ein weiterer Schritt, der in der Vorbereitung abzuhaken ist.
Der Bundestrainer zieht seine Linie durch. Spieler wie der Leverkusener Simon Rolfes mögen jahrelang artig ihren Dienst verrichtet haben. Aber wenn Jüngere da sind, Schnellere, Willigere wie die Bender-Zwillinge Lars und Sven - dann verabschiedet sich Löw mehr oder weniger grußlos von einst verdienten Spielern. Rolfes gehört nicht einmal mehr dem erweiterten EM-Kader an. Seine Karriere in der Nationalmannschaft dürfte vorbei sein.
Auf der anderen Seite hält der Bundestrainer dem alternden VfB-Stürmer Cacau die Treue, weil "er in der Nationalmannschaft auch als Joker immer überzeugt hat". Das, und nur das zählt. Dass der 31-jährige Angreifer auch im Club mittlerweile bestenfalls Einwechselspieler ist, prädestiniert ihn aus Löws Sicht sogar noch für seine Rolle in der Nationalelf.
Es ist die alte Geschichte bei Löw - bekannt schon aus der Vorbereitung auf das WM-Turnier 2010, als die Öffentlichkeit kein gutes Haar an den schwächelnden Miroslav Klose und Lukas Podolski ließ. Wenn er glaubt, dass er sich auf einen Nationalspieler verlassen kann, kann dieser immer wiederkommen - so lange keine Besseren da sind. Und einen besseren Spieler für die letzten zehn Minuten als Cacau gibt es in der Liga vermutlich nicht.
Nie ein Freund des Experiments gewesen
Löw hat nie eine Vorliebe für das Experiment gehabt. Er überrascht selten mit seinen Aufstellungen, er wechselt ungern die Positionen, er ist einer, der die Zeit zwischen den Turnieren als ausschließliche Vorbereitung auf das nächste Großereignis ansieht. Seit der WM 2010 hat Löw Zeit gehabt, seine Mannschaft für 2012 zu finden.
Nur weil einer im Verein wochenlang überzeugt wie zuletzt der Wolfsburger Patrick Helmes, wirft Löw kein über Monate gereiftes Konzept um. Zumal er Helmes als "Konterspieler" bezeichnet - die Nationalmannschaft ist aber von ihrem Spielsystem nicht mehr auf Konter, sondern mittlerweile auf Dominanz ausgerichtet.
Wenn zudem wie in diesem Jahr die Vorbereitung auf das Turnier kürzer ausfällt als sonst, wenn die Bayern-Spieler, die das Gros der Mannschaft stellen, erst zwei Wochen vor EM-Beginn überhaupt zum Nationalteam stoßen, weil sie zuvor noch das Pokalendspiel und das Champions-League-Finale, sowie ein lächerliches Freundschaftsspiel gegen die Niederländer auszuspielen haben - dann verzichtet Löw erst recht auf die Probierphase. Dann muss alles sofort passen.
Das ist Pech für Leute wie Helmes oder so begabte Jungprofis wie den Mönchengladbacher Außenverteidiger Tony Jantschke. Sie sind einfach zur falschen Zeit beim falschen Bundestrainer in gute Form gekommen.
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- Montag, 07.05.2012 – 18:34 Uhr
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