DFB-Elf vor EM-Start: Wir sind entspannt, verdammt!

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Nur noch sechs Tage bis zum EM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft - noch suchen viele Stammspieler ihre Top-Form. Bundestrainer Löw versucht zwar, alle Skepsis zu vertreiben. Aber vor allem zwei Schlüsselspieler bereiten dem Coach große Sorgen.

Die EM-Vorbereitung der DFB-Elf: Hindernisse auf dem Weg zum Titel Fotos
Bongarts/Getty Images

Noch einen Tag Ruhe, Familie, durchatmen. Am Montag ist es damit endgültig vorbei. Wenn die Nationalmannschaft in ihrem EM-Trainingslager in der Nähe von Danzig zusammenkommt, gibt es keinen Raum mehr für Muße. Bundestrainer Joachim Löw und sein Team hinken immer noch dem Zeitplan einer stringenten Turniervorbereitung hinterher. Es sind noch sechs Tage bis zum ersten EM-Auftritt - und es ist noch so viel zu tun.

Wie wertvoll ist eine Vorbereitung, bei der zwei Drittel der Stammelf den Großteil der Zeit fehlte? Wie erkenntnisfördernd ist ein Testspiel gegen die Schweiz mit einer Formation, wie sie vermutlich so niemals wieder gemeinsam auf dem Platz stehen wird? Wie ausreichend sind 90 Minuten gegen Israel, um die EM-Startaufstellung zu festigen?

Löw hat in den zwei Wochen Trainingslager im südfranzösischen Tourrettes stets den Eindruck erweckt: alles kein Problem. Man werde "schon noch in die Spur kommen", letztlich zähle nur, in welcher Verfassung die Mannschaft am 9. Juni gegen Portugal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sei.

Fast grenzenloses Vertrauen in der Öffentlichkeit

Er spiegelt damit durchaus den Großteil der öffentlichen Meinung wider. Der Bundestrainer ist sich des medialen Wohlwollens trotz der zwei mäßigen Testspielauftritte derzeit sicher - ganz anders als noch vor zwei Jahren, als die Reise der DFB-Elf zum WM-Turnier nach Südafrika mit viel Skepsis begleitet wurde. Die Euphorie entwickelte sich erst mit dem ersten Turniersieg gegen Australien.

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Vor dem jetzigen EM-Turnier herrscht dagegen eine fast unheimliche öffentliche Ruhe, ein nahezu grenzenloses Vertrauen in die Fähigkeiten des Teams, sich punktgenau in Top-Form zu bringen. Löws Zustand wird in diesen Tagen stets mit dem Etikett "tiefenentspannt" umschrieben. Es wirkt zuweilen leicht aufgesetzt. Lockerheit kann auch verkrampft sein.

Im Vorfeld gibt es viele Anzeichen, dass dieses Team noch Zeit braucht, seinen Rhythmus zu finden. Von den Nationalspielern, die am Samstag in der Startelf erwartet werden, haben viele eine bestenfalls durchwachsene Saison gespielt. Nur wenige haben überragt: Mesut Özil mag bei Real Madrid dazugehört haben, aber selbst er hatte seine Durchhänger.

Zweifel bei Mertesacker und Schweinsteiger

Kapitän Philipp Lahm und Stürmer Mario Gomez haben zwar eine starke Liga-Saison absolviert, reisten aber mit den zwei Misserfolgserlebnissen aus DFB-Pokal und Champions League an. Alle reden stets über das Münchner Final-Trauma gegen den FC Chelsea, die Niederlage im Pokal gegen Dortmund eine Woche zuvor muss Löw, der auf den Bayern-Block setzt, aber noch nachdenklicher gemacht haben. Die Bayern haben diese Niederlagen zu verarbeiten, Lukas Podolski kam als Absteiger aus Köln zur Nationalmannschaft, Özil und Teamkollege Sami Khedira haben die Champions League im Halbfinale gegen den FC Bayern aus der Hand gegeben. Die strahlenden Sieger der Saison, die Spieler von Double-Gewinner Borussia Dortmund, sitzen dagegen auf der Bank.

Dazu kommen die durch ihre Verletzungen geschwächten Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose. Alle drei sind einsatzfähig, aber vor allem bei Abwehrchef Mertesacker und Mittelfeldboss Schweinsteiger sind Zweifel erlaubt, ob sie schon in der Lage sind, den Anforderungen eines EM-Fights gerecht zu werden. Klose ist ein Sonderfall. Der fast 34-Jährige hat in seiner Karriere so viele Blessuren und Formschwächen weggesteckt. Er wird wissen, was für ihn das Beste ist.

In Südafrika hat die Nationalmannschaft durch ihre taktische Brillanz im Verbund mit ihrem temporeichen Kombinationsspiel überzeugt, gestrig auftretende Teams wie England und Argentinien damit dominiert. In der anschließend souverän absolvierten Qualifikation haben sich diese Fertigkeiten noch vertieft. Spieler wie der Münchner Toni Kroos, wie der Noch-Gladbacher Marco Reus, wie der Leverkusener André Schürrle haben den Kader noch spielstärker gemacht. Gerade Kroos, der 2010 zwar schon zum Einsatz kam, aber damals noch eine Nebenrolle spielte, könnte zu einer Führungsfigur in diesem EM-Team werden. Er hat jetzt die Reife, er hat die Fähigkeit dazu.

Grundsätzlich bringt diese Mannschaft also alles mit, um den Titel holen zu können. Schwächephasen, wie es sie auch 2010 vor allem gegen Serbien und Ghana in der Vorrunde gab, darf sich das Team allerdings diesmal nicht erlauben. Das ist vielleicht das Hauptproblem: Es gibt kein Einspielen bei dieser EM.

In dieser Vorrundengruppe mit dem Weltranglistenfünften Portugal, dem Weltranglistenvierten Niederlande und dem Weltranglistenzehnten Dänemark muss die Löw-Elf sofort alles abrufen. Das gilt auch für Mertesacker, das gilt auch für Schweinsteiger. Bei dem Gedanken daran könnte dem Bundestrainer die Tiefenentspanntheit vergehen.

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1. Es reicht!
monsieur.mcc 03.06.2012
Sehr geehrter Herr Ahrens, langsam wissen wir alle, daß Sie ein glühender BVB-Fan sind. Aber sparen Sie sich doch, im Namen journalistischer Ausgewogenheit, Sätze wie diesen" "Die strahlenden Sieger der Saison, die Spieler von Double-Gewinner Borussia Dortmund, sitzen dagegen auf der Bank." Borussia Dortmund hat international gar nichts gewonnen. Sie haben die Vorrunde komplett verspielt, davon gegen Gegner, die nicht allerhöchstes Niveau haben. Bayern hat dagegen den aktuellen, englischen Meister besiegt, den aktuellen spanischen Meister ausgeschaltet, und sie waren im CL-Finale, mit Verlaub, das deutlich bessere Team. Lesen Sie doch einfach Jogi Löws Anmerkungen im aktuellen kicker zu seiner Entscheidung, WARUM er auf den Bayern-Block setzt. Im übrigen finde ich, ist es für SPIEGEL ONLINE nicht angemessen, einen derart einseitig berichtenden Redakteur zu beschäftigen...
2. Titellos
UnitedEurope 03.06.2012
Ich denke, es wird ein zäher Sieg gegen Portugal, danach wird man sich jedoch fangen. Klar lief die Vorbereitung nicht optimal, genau so wenig wie bei den anderen Teams. Aber Mit Neuer hat man einen Ruhepol in der Defensive, Badstuber und Lahm mögen zwar die Saison keinen Titel gewonnen haben, sind jedoch stets eine Bank. Boateng und Hummels/Mertesacker sind vielleicht (noch) nicht bei 100%, doch mit Khedira, Kroos oder vllt einem leicht angeschlagenen Schweinsteiger hat man auch vor der Abwehr genug Power, um Ronaldo und Co. effektiv zu stören. Und über die Offensive brauchen wir uns wahrlich keine Sorgen machen ...
3. Immer das Gleiche
schachcheck 03.06.2012
Kann mich nicht erinnern, dass eine deutsche Fussballmannschaft in Testspielen vor einem großen Turnier (EM oder WM) jemals gute Spiele abgeliefert hätte. - Also - cool bleiben und abwarten. Die Jungs werden es schon machen.
4. Ein Versagen....
goethestrasse 03.06.2012
..gilt nicht. 2006 & 2010 waren okay. Aber die Lehrjahre sind auchmal zu Ende. Immer von Talenten zu sprechen und tolle Werbspots drehen, reicht nicht. Jetzt muss geliefert werden. Wenn gut gespielt wird und dennoch verloren, okay. Aber Überheblichkeit und Ausreden, gilt nicht.
5.
WhereIsMyMoney 03.06.2012
Ich bin gar nicht mal so traurig über die jetzige Form. Die Geschichte der WM oder EM ist voller Sieger die keine überragenden Vorrunden gespielt haben und sich dann gesteigert haben. Zu meiner Erwartungshaltung muss ich sagen: alles ausser dem SIEG ist eine Enttäuschung, der EM-Sieg also zufriedenstellend. Eine Körnung wäre es wenn sie diesen beigeisternden Fussball von 2010 spielen und dann auch noch gewinnen, so wie es Spanien 2008 geschafft hat.
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Nationalmannschafts-Quiz

Deutsches Abschneiden bei Europameisterschaften
Jahr Platzierung
2012 Halbfinale
2008 Finale
2004 Vorrunde
2000 Vorrunde
1996 Europameister
1992 Finale
1988 Halbfinale (BRD)
1984 Vorrunde (BRD)
1980 Europameister (BRD)
1976 Finale (BRD)
1972 Europameister (BRD)
1968 Qualifikation (BRD und DDR*)
1964 Achtelfinale (DDR)
1960 Achtelfinale (DDR)
*seit 1968 scheiterte die DDR-Auswahl
immer in der Qualifikation