Von Peter Ahrens
Noch einen Tag Ruhe, Familie, durchatmen. Am Montag ist es damit endgültig vorbei. Wenn die Nationalmannschaft in ihrem EM-Trainingslager in der Nähe von Danzig zusammenkommt, gibt es keinen Raum mehr für Muße. Bundestrainer Joachim Löw und sein Team hinken immer noch dem Zeitplan einer stringenten Turniervorbereitung hinterher. Es sind noch sechs Tage bis zum ersten EM-Auftritt - und es ist noch so viel zu tun.
Wie wertvoll ist eine Vorbereitung, bei der zwei Drittel der Stammelf den Großteil der Zeit fehlte? Wie erkenntnisfördernd ist ein Testspiel gegen die Schweiz mit einer Formation, wie sie vermutlich so niemals wieder gemeinsam auf dem Platz stehen wird? Wie ausreichend sind 90 Minuten gegen Israel, um die EM-Startaufstellung zu festigen?
Löw hat in den zwei Wochen Trainingslager im südfranzösischen Tourrettes stets den Eindruck erweckt: alles kein Problem. Man werde "schon noch in die Spur kommen", letztlich zähle nur, in welcher Verfassung die Mannschaft am 9. Juni gegen Portugal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sei.
Fast grenzenloses Vertrauen in der Öffentlichkeit
Er spiegelt damit durchaus den Großteil der öffentlichen Meinung wider. Der Bundestrainer ist sich des medialen Wohlwollens trotz der zwei mäßigen Testspielauftritte derzeit sicher - ganz anders als noch vor zwei Jahren, als die Reise der DFB-Elf zum WM-Turnier nach Südafrika mit viel Skepsis begleitet wurde. Die Euphorie entwickelte sich erst mit dem ersten Turniersieg gegen Australien.
Im Vorfeld gibt es viele Anzeichen, dass dieses Team noch Zeit braucht, seinen Rhythmus zu finden. Von den Nationalspielern, die am Samstag in der Startelf erwartet werden, haben viele eine bestenfalls durchwachsene Saison gespielt. Nur wenige haben überragt: Mesut Özil mag bei Real Madrid dazugehört haben, aber selbst er hatte seine Durchhänger.
Zweifel bei Mertesacker und Schweinsteiger
Kapitän Philipp Lahm und Stürmer Mario Gomez haben zwar eine starke Liga-Saison absolviert, reisten aber mit den zwei Misserfolgserlebnissen aus DFB-Pokal und Champions League an. Alle reden stets über das Münchner Final-Trauma gegen den FC Chelsea, die Niederlage im Pokal gegen Dortmund eine Woche zuvor muss Löw, der auf den Bayern-Block setzt, aber noch nachdenklicher gemacht haben. Die Bayern haben diese Niederlagen zu verarbeiten, Lukas Podolski kam als Absteiger aus Köln zur Nationalmannschaft, Özil und Teamkollege Sami Khedira haben die Champions League im Halbfinale gegen den FC Bayern aus der Hand gegeben. Die strahlenden Sieger der Saison, die Spieler von Double-Gewinner Borussia Dortmund, sitzen dagegen auf der Bank.
Dazu kommen die durch ihre Verletzungen geschwächten Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose. Alle drei sind einsatzfähig, aber vor allem bei Abwehrchef Mertesacker und Mittelfeldboss Schweinsteiger sind Zweifel erlaubt, ob sie schon in der Lage sind, den Anforderungen eines EM-Fights gerecht zu werden. Klose ist ein Sonderfall. Der fast 34-Jährige hat in seiner Karriere so viele Blessuren und Formschwächen weggesteckt. Er wird wissen, was für ihn das Beste ist.
In Südafrika hat die Nationalmannschaft durch ihre taktische Brillanz im Verbund mit ihrem temporeichen Kombinationsspiel überzeugt, gestrig auftretende Teams wie England und Argentinien damit dominiert. In der anschließend souverän absolvierten Qualifikation haben sich diese Fertigkeiten noch vertieft. Spieler wie der Münchner Toni Kroos, wie der Noch-Gladbacher Marco Reus, wie der Leverkusener André Schürrle haben den Kader noch spielstärker gemacht. Gerade Kroos, der 2010 zwar schon zum Einsatz kam, aber damals noch eine Nebenrolle spielte, könnte zu einer Führungsfigur in diesem EM-Team werden. Er hat jetzt die Reife, er hat die Fähigkeit dazu.
Grundsätzlich bringt diese Mannschaft also alles mit, um den Titel holen zu können. Schwächephasen, wie es sie auch 2010 vor allem gegen Serbien und Ghana in der Vorrunde gab, darf sich das Team allerdings diesmal nicht erlauben. Das ist vielleicht das Hauptproblem: Es gibt kein Einspielen bei dieser EM.
In dieser Vorrundengruppe mit dem Weltranglistenfünften Portugal, dem Weltranglistenvierten Niederlande und dem Weltranglistenzehnten Dänemark muss die Löw-Elf sofort alles abrufen. Das gilt auch für Mertesacker, das gilt auch für Schweinsteiger. Bei dem Gedanken daran könnte dem Bundestrainer die Tiefenentspanntheit vergehen.
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