Von Peter Ahrens und Rafael Buschmann
Die Gegend um Rastatt gilt als Sonnenregion. Am Montag jedoch regnete es Bindfäden im Badischen. Das war es dann auch schon mit den Überraschungen, die Rastatt an diesem Tag zu bieten hatte. Die Bekanntgabe des erweiterten EM-Kaders, für die sich der Deutsche Fußball-Bund das 50.000-Einwohner-Städtchen ausgesucht hatte, gehörte jedenfalls nicht dazu.
Wer erwartet hatte, dass die Nominierung Unerwartetes bringen würde, kennt den Bundestrainer nicht. Joachim Löw vertraut denen, die das Team so souverän durch die EM-Qualifikation getragen haben.
Über Patrick Helmes, den Wolfsburger Stürmer, war zuvor spekuliert worden, über die Mönchengladbacher Mike Hanke und Tony Jantschke - am Ende stand stattdessen doch wieder Cacau vom VfB Stuttgart im Aufgebot. Es sind die bewährten Kräfte, die bei der EM das große Ziel vom Titelgewinn angehen sollen. Löw hat seine Spieler jahrelang getestet. Jetzt noch große Experimente einzugehen - darin sieht er keinen Sinn.
Streichkandidaten stehen so gut wie fest
So dürften wohl auch jene Namen, die noch am ehesten für gewisses Erstaunen sorgten, am Ende nicht mehr im Aufgebot auftauchen. Am 29. Mai wird der endgültige Kader für Polen und die Ukraine verkündet. Vier Spieler müssen aus dem erweiterten Kader noch gestrichen werden. Der Schalker Julian Draxler dürfte dazu gehören, der mit seinen gerade 18 Jahren ein Versprechen auf die Zukunft ist, ein "Spieler mit viel Potential, fußballerisch enorm entwicklungsfähig", wie der Bundestrainer lobt.
Für den Leverkusener Lars Bender, ebenso wie sein Zwillingsbruder Sven im Aufgebot, dürfte es ebenfalls nicht reichen. Gleiches gilt für den Dortmunder Ilkay Gündogan. Mit Gündogans Nominierung wird nicht nur dessen starke Rückrunde honoriert. Seine Berufung dürfte auch eine Art Belobigung des Deutschen Meisters Borussia Dortmund gewesen sein. Zum definitiven 23er-Aufgebot dürfte er angesichts der massiven Konkurrenz im Mittelfeld nicht mehr gehören. Lars Bender und Gündogan stehen im Wettstreit mit gestandenen Spielern wie Toni Kroos, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger. Dazu kommt noch, dass Löw von Bender-Zwilling Sven viel hält - "einer, der bei uns im Training immer überzeugt hat".
Löw spricht deutliche Worte zur Ukraine
Andere sind wohl nachhaltig außen vor: Stefan Kießling von Bayer Leverkusen, Teamkollege Simon Rolfes oder Dennis Aogo vom Hamburger SV werden es schwer haben, noch einmal in den inneren Kreis der Nationalmannschaft zurückzukehren. Löw setzt mittlerweile auf andere. Er hat zwar speziell für Rolfes noch ein paar lobende Worte übrig - "wenn er seine Top-Form hat, ist er ein zuverlässiger Spieler" - , aber eigentlich ist es bei Löw so: Wer einmal draußen ist, kommt nicht wieder hinein.
Nur drei Stürmer mit Mario Gomez, Miroslav Klose und Cacau, nur sieben Abwehrspieler - Löw hat deutlich gemacht, welchem Mannschaftsteil er die größte Bedeutung beimisst. In einem modernen laufintensiven Mittelfeldspiel sieht er das Rezept zum Erfolg. Hier findet sich der klare Schwerpunkt im Kader: Von Schweinsteiger, Kroos, Khedira, über Mesut Özil und Thomas Müller, bis hin zu Mario Götze, Marco Reus und Lukas Podolski. Wohl und Wehe des deutschen Spiels bei der EM wird sich im Mittelfeld entscheiden.
Löw hat mit dieser Nominierung seine Linie betont. Der Bundestrainer gibt die Richtung vor, und das betrifft nicht nur das Sportliche. Mit vier, fünf markanten Sätzen skizzierte er am Montag die Position des DFB zum Thema Ukraine. "Jeder Spieler ist offen, seine Meinung zu sagen", gab er den Nationalspielern einen Freibrief, auch Stellung zum Thema Menschenrechte im EM-Gastgeberland zu nehmen - wie es sein Kapitän Philipp Lahm im SPIEGEL bereits getan hat. Schließlich habe er "sehr aufmerksame Spieler, die die Augen nicht verschließen vor dem, was um sie passiert". Man werde zwar "nicht als Weltpolizei in die Ukraine reisen", aber er habe gelernt, dass "Menschenrechte und die Pressefreiheit zu den höchsten Gütern gehören".
Mehr war dazu nicht zu sagen.
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