Sicherheitsdebatte Die Hochrisiko-EM

Wenige Monate vor der EM muss sich die Nationalmannschaft wieder mit den Themen Sicherheit und Terrorangst befassen. Der Fußball gerät nach den Anschlägen von Brüssel in den Hintergrund.

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Seit Mitte November hatte Joachim Löw seine Nationalspieler nicht um sich versammelt, vier Monate sind eine lange Zeit. Aber als der Bundestrainer seine Mannschaft jetzt in Berlin wieder traf, musste er sich mit den gleichen Themen befassen wie im vergangenen Herbst. Terror und Sicherheit - diese Themen überlagern seit Brüssel erneut die Meldungslage rund um die Nationalelf. Und die sportlichen Dinge rücken drei Monate vor der Europameisterschaft in den Hintergrund.

"Natürlich kommen einem die Bilder von Paris jetzt wieder in Erinnerung", sagte Löw bei seinem ersten Auftritt vor der Presse in diesem Jahr. Die Ereignisse von Brüssel haben nicht unbedingt dazu beigetragen, die bevorstehende EM als sorgloses Fußballfest wahrzunehmen. Schon bei den zwei Testspielen gegen England am Samstag in Berlin (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und gegen Italien am Dienstag in München haben die Verantwortlichen noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Schon vor Brüssel mussten sich alle Journalisten, die das Spiel im Olympiastadion besuchen wollen, einer speziellen Sicherheitsüberprüfung durch das Bundeskriminalalmt unterziehen, eine Maßnahme, die ganz selten vor solchen Partien eingefordert wird.

"Wir hoffen und erwarten, dass diese EM friedlich verläuft", sagt Löw, und viel mehr können er und seine Mannschaft wohl auch nicht tun. Klar ist: Diese Europameisterschaft wird unter Bedingungen einer Hochrisikoveranstaltung stattfinden. Die Uefa hat bereits angekündigt, dass alle Stadionbesucher verschärfte Durchsuchungen über sich ergehen lassen müssen. Auch in den Fanzonen soll es Eintrittskontrollen geben. Die Journalisten müssen ihre Ausrüstung beim Betreten der Stadien scannen lassen. Das war allerdings auch schon bei den Olympischen Spielen in London 2012 und bei der WM 2014 in Brasilien so üblich.

"Zum Leben gehört, die Angst zu überwinden"

Die Uefa geht aber noch weiter: So gibt es Überlegungen, Spiele zur Not ohne Zuschauer durchführen zu lassen, wenn es die Sicherheit erfordert. Ein Gedanke, der Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff allerdings schaudern lässt. Man solle daher "auch nicht jede Äußerung von Seiten des Veranstalters jetzt auf die Spitze treiben", sagt er. Aber wenn es tatsächlich so weit kommen sollte: "Ein solches Szenario würden wir bedauernd akzeptieren."

"Klar hat man dann auch Angst, aber es gehört zum Leben, die Angst zu überwinden", sagte Spanien-Profi Shkodran Mustafi . Er gehörte zu jenen, die am 13. November die Nacht im Stade de France verbringen mussten, weil draußen der Terror über die französische Hauptstadt gekommen war. Fünf Tage später musste die Partie gegen die Niederlande in Hannover nach einem Terroralarm in letzter Minute abgesagt werden. Mit diesen Eindrücken sind er und seine Teamkollegen damals in die lange Winterpause gegangen.

DFB will Sicherheitsaufwand noch einmal erhöhen

Bierhoff hatte am Dienstag unter dem Eindruck des Geschehens von Brüssel mitgeteilt, er werde mit den Spielern das Gespräch darüber suchen. "Aber anders als in Hannover ist bisher noch kein Spieler auf mich zugekommen und hat mich auf das Thema angesprochen." Ohnehin sei es ja Sache jedes Einzelnen, wie er mit solchen Eindrücken umgehe.

Die Nationalmannschaft residiert während des Turniers in Evian am Genfer See, "auch dort werden wir gegenüber anderen Turnieren sicher einen erhöhten Sicherheitsaufwand betreiben", so Bierhoff. In Sachen Abschottung hatte die Nationalmannschaft schon bei der WM Maßstäbe gesetzt. Damals stand jedoch nicht die Sicherheit im Vordergrund, sondern das Argument, sich in aller Ruhe auf das Turnier konzentrieren zu müssen. Nähe zur Mannschaft ist während eines Turniers ohnehin kaum möglich, in Frankreich wird es unter diesen Vorzeichen so gut wie unmöglich werden.

Auf dem DFB-Workshop, mit dem akkreditierte Journalisten am Mittwoch auf die EM vorbereitet wurden, warben auch Tourismusvertreter aus Evian für ihre Region. In ihren Hochglanzprospekten wirbt auch ein Restaurant der Stadt mit dem Namen "Liberté". Ansonsten ist Freiheit wohl nicht das Wort dieses EM-Sommers.



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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
salamicus 24.03.2016
1. WM in Katar
...auch gleich absagen. Aus demselben Grund. Länder, die die Macht und das Geld haben, Dschihadismus zu fördern, können ihn auch stoppen. Wollt ihr Fußball-WM? Dann pfeift eure Mörder zurück.
Freidenker10 24.03.2016
2.
Die EM wäre sicherlich ein medial wirksames Angriffsziel dieser Terroristen! Ob man die Fans beschützen kann bezweifel ich. Im Stadion sicherlich aber der Rest...
Hilfskraft 24.03.2016
3. Hauptsache ...
... man kann sich über Fußball sorgen machen. Alles anderes ist ja scheinbar egal.
wug2012 24.03.2016
4. Keine anderen Probleme
Der importierte Terror wird für eine Absage der Fußball-EM sorgen. Die Sicherheitsrisiken in den europäischen Ländern werden bis Juni nicht mehr kontrollierbar sein. Dann, erst dann wenn Brot und Spiele nicht mehr gewährleistet sind, werden die politisch Verantwortlichen, allen voran Frau Merkel, aufwachen.
gamosch 24.03.2016
5.
Die Verantwortung tragen Frankreich und Fifa. Und da ist wieder die Frage: Wie weit beteiligt sich denn die Fifa an den Sicherheitsmaßnahmen?
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